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Führung Diven raus, Dialog rein

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Lassen sie jedermann ausprobieren

Zum Beispiel, wenn offene Nörgelei oder verdecktes Hintertreiben nicht konfrontiert wird. Wenn Egoisten unbehelligt bleiben. Wenn für Diven Sonderregeln gelten. Um es deutlich zu sagen: Sie müssen Diven ausschließen – manche Leute sind geradezu das personifizierte Dementi von Kooperation. Sie müssen bereit sein, den Kooperationsvorrang durch den Ausschluss von Mitarbeitern durchzusetzen. Wenn Sie nicht mit der Beendigung des gemeinsamen Weges drohen können, wird Kooperation niemals wirklich ernst genommen.

Für diese Konsequenz brandet kein Applaus auf, dafür werden Sie vielleicht sogar verhauen. Aber das ist Ihr Job. Dafür werden Sie als Führungskraft bezahlt. Das Ausschließen müssen Sie selbstverständlich rechtlich einwandfrei machen, fair, angemessen gestalten. Aber Sie müssen es machen. „Ein Problem lösen“ heißt manchmal: sich vom Problem lösen. „Dann verliere ich meine besten Leute!“, höre ich Sie rufen, und Sie gehen in den Keller, um die Hausmarke Schwermut zu öffnen. Ja, ein Preis ist fällig. Was Sie vielleicht verlieren, sind die besten Einzelspieler. Ein Unternehmen ist jedoch um den Kooperationsvorrang herum gebaut. Es nützt Ihnen nichts, wenn ein Verteidiger im Fußball 95 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnt, aber keine Viererkette spielen kann. Mit der Trennung stärken Sie langfristig das Unternehmen. Sie werden sehen: Kaum ist der Superstar gegangen, entwickeln sich diejenigen, die bisher in seinem Schatten standen.

Der Trennungsscheue hält fest aus Prinzip; er liebt alle Mitarbeiter wie die Kinderlose alle Kinder. Das mag sympathisch sein, schwächt aber die Kooperation. Es gehört zu den Paradoxien der Digitalisierung, dass Sie sich trennen müssen, um besser verbinden zu können.

Die Suche nach dem Besseren zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Wer morgen am Markt bestehen will, muss auf das kreative Potenzial seiner Mitarbeiter setzen. Nur sie können neuartige Kundenbedürfnisse erspüren, die durch Digitalisierung erfüllbar sind. Mein Vorschlag: Führen Sie die Kreativität wieder in Ihr ganzes Unternehmen ein. Als Grundparadigma. Lassen Sie nicht nur Nerds spinnen. Lassen Sie jedermann ausprobieren. Der Drang nach Neuem muss in allen Unternehmensteilen wichtiger sein als Besitzstandswahrung.

Kreativität können Sie selbst steuern, zumindest unterstützen. Sie können einen Handlungsrahmen schaffen, der Kreativität wahrscheinlicher macht. Der Kreativität zeitlich nachgelagert ist die Innovation. Unter Innovation verstehe ich das Anerkennen von Neuem. Ob etwas Kreatives auch eine Innovation wird, hängt davon ab, ob die kreative Idee aufgegriffen, weiterverarbeitet, angeboten und schließlich auch vom Markt anerkannt wird. Also: Menschen zahlen dafür. Kreativität ist die Voraussetzung für Innovation; aber nicht jede Kreativität mündet in Innovation. Innovation transformiert Kreativität in kundendefinierten Wert. Als Selbstzweck ist Kreativität dem Künstler vorbehalten. Ob also Kreativität auch eine Innovation wird, haben Sie nicht in der Hand. Deshalb sollten Sie sich vom Mythos der „guten Ideen“ verabschieden: Ja, gute Ideen sind wichtig. Aber sie sind nur die Basis von Innovation.

Auch wenn sich die Studien zum Thema häufen – bis heute lässt sich der kreative Funke im menschlichen Geist nicht gezielt auslösen. Er entwickelt sich aus Zufällen, Kreuzungen, Regelverletzungen. Dieser Prozess ist nicht zu bremsen. Aber er ist auch nicht wirklich zu beschleunigen. Der Hauptstrom der Forschung zeigt, dass Kreativität zwei Seiten hat: 1. die originelle Idee, 2. die praktische Form. Erstere erfordert die Begabung zur schöpferischen Suchbewegung. Letztere erfordert konzentrierte Arbeit. Dass beide Eigenschaften in einer Person vereint sind, ist selten – sollte Ihr Unternehmen nicht aus lauter Goethes, Mozarts oder Picassos bestehen.

Wirklichkeitsnäher ist da eine Praxis, Menschen mit unterschiedlicher Begabung zusammenarbeiten zu lassen. Jene, die frei fantasieren können, und jene, die diszipliniert umsetzen. Die zumeist jungen Verrückten und die erfahrenen Produktionsspezialisten. Es sind Begegnungen unter- schiedlichster Menschen, die Einzelteile neu zusammenfügen und ein Mehr an Gesamtheit entstehen lassen. Fragen Sie nach den Situationen, die Kreativität fördern, so fällt ein Standard auf: das Gespräch. Nichts erleben die Menschen als kreativitätsfördernder als das Gespräch mit Freunden, Bekannten, Experten, auch völlig Unbekannten. Im Flechten von Gesprächen, im Hin und Her der Gedanken ergibt sich ein geistiger Zusammenhang, der uns öffnet für neue Perspektiven.

Gerade die Digitalisierung erfindet das Erfinden neu. Der einsame Forscher wird abgelöst von kreativen Ensembles. Lässt sich daraus ein Rezept ableiten? Zweifellos: Geben Sie Zeit und Raum für Dialoge. Auch für immer neue Mitarbeiterkonstellationen. Auch für Zufallsdialoge am Kaffeeautomaten. Auch für sich selbst. Hören Sie genau hin. Machen Sie sich Notizen. Schauen Sie Ihre Notizen immer wieder durch. Gehen Sie mittags regelmäßig mit unterschiedlichen Mitarbeitern Ihres Unternehmens spazieren. Wege entstehen beim Gehen.

Kreativität ist nichts Geheimnisvolles oder Außergewöhnliches. Es ist – wie die Digitalisierung! – das Zusammenfügen von bereits vorhandenen, aber bisher getrennten Dingen. Das Neue ist schon „da“, nur ist die Sicht für die meisten Menschen versperrt. Was die Frage aufwirft: Wer verbindet, was bisher unverbunden ist? Wer sieht, was andere nicht sehen? Wer denkt, was andere nicht denken? Also, Kopf hoch! Wir müssen nicht techno-fatalistisch abdanken.

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