Hohe Krankenstände: Teilzeit-Krankschreibung? So eine Regel zerstört Vertrauen

Krankschreibung in Teilzeit? Was für ein Quatsch, meint unsere Autorin.
Foto: imago imagesEigentlich war schon alles gesagt. Nur leider noch nicht von jedem. Und so hat sich nun in der Debatte um die hohen Krankenstände in Deutschland auch noch der Präsident der Bundesärztekammer zu Wort gemeldet: Sich nur für einige Stunden krankschreiben zu lassen, könne für mehr Flexibilität sorgen, regt Klaus Reinhardt an. Genesung in Teilzeit also.
Was für ein Quatsch!
Das Ärgerliche an solchen Vorstößen ist, dass sie zwar suggerieren, ein Problem zu lösen, die Sache aber nur noch schlimmer machen.
Wie soll das denn bitteschön gehen? Welcher Arzt schreibt jemanden mit einer akuten Grippe nur von 9 bis 13 Uhr krank? Eben.
Die Erkrankungen, bei denen eine Genesung in Teilzeit realistisch ist, lassen sich an einer Hand abzählen. Für diese wenigen Fälle gibt es längst gesetzliche Regelungen – und in den meisten Unternehmen auch einen pragmatischen Umgang.
Ein Mitarbeiter, der beispielsweise nach der Behandlung einer Depression in den Alltag zurückfindet, hat heute bereits Anspruch auf eine schrittweise Wiedereingliederung – auch bekannt als Hamburger Modell. Eine Mitarbeiterin, die sich mit Periodenschmerzen morgens krankmeldet, wird sich, wenn es ihr am Nachmittag besser geht, wieder an den Rechner setzen – vorausgesetzt, in ihrem Team wird vertrauensvoll mit solchen Dingen umgegangen.
Ärztekammerpräsident Reinhardt verweist bei seinem Vorschlag denn auch auf „Bagatellinfekte“, wie er dies nennt, „bei denen der direkte Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen im Büro vermieden werden sollte.“ In solchen Fällen sei es eine Option, ins Homeoffice zu wechseln und „im begrenzten Umfang berufliche Aufgaben wahrzunehmen und sich dennoch zu erholen.“ In Unternehmen, in denen die Eigenverantwortung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen geschätzt und gefördert wird, ist dies kein theoretisches Szenario, sondern gelebte Praxis.
Bitte nicht noch mehr Bürokratie!
Nun noch ein weiteres Instrument im ohnehin schon üppigen Katalog der Krankschreibungen einzuführen, macht das Miteinander unnötig kompliziert – und erhöht den Druck aufs Mittelmanagement. Auf jene also, die in wirtschaftlich wie politisch schwierigen Zeiten wie diesen ohnehin schon stark gefordert sind, um eine gute Unternehmenskultur zu etablieren.
Die meisten Menschen wissen selbst am besten, was sie können, was sie antreibt und was ihnen gut tut. Wer dies respektiert, sei es beim Abstecken ihrer Aufgabenfelder, sei es beim Auskurieren ihrer Erkrankungen, wird seltener unter hohen Fehlzeiten ächzen. Allerdings erfordert dies von Führungskräften täglichen Einsatz. Und eignet sich deshalb auch nicht als markiger Beitrag in der Debatte um die Krankenstände in der Republik.
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