Karriereleiter: Macht-Arroganz-Falle: So vermeiden Manager den Scholz-Effekt
Die abweisende Antwort des Bundeskanzlers Olaf Scholz auf die Frage einer Journalistin brachte ihm jüngst einen Shitstorm ein. Selber schuld! Hier war sich jemand seiner Wirkung nicht bewusst. So vermeiden Sie eine solche Blamage.
Foto: imago images„Scholz lässt Arroganz-Vorwurf zurückweisen.“ So klingen die Schlagzeilen zum Vorfall aktuell. Und das allein ist schon Ausdruck der Hilflosigkeit der Bundesregierung nach dem rhetorischen Versagen des Bundeskanzlers auf einer G7-Pressekonferenz. Denn wie soll man zurückweisen, was andere zu tausenden so empfinden?
Ob jemand objektiv bewertet arrogant ist oder nicht, spielt ja kaum eine Rolle (und lässt sich ja auch nicht messen). Es zählt bei der Bewertung des Schadens allein, wie man von den anderen wahrgenommen wird.
Und da hat sich der Bundeskanzler wahrlich keinen Gefallen getan. Denn so etwas bleibt hängen. Kurz: Was war passiert?
Die Frage der deutsch-polnischen Journalistin der Deutschen Welle, Rosalia Romaniec (50), aus einer Gruppe von Medienvertretern heraus zum Aspekt der Sicherheitsgarantien der G7 gegenüber der Ukraine auch nach dem Krieg lautete: „Könnten Sie konkretisieren, welche Sicherheitsgarantien das sind?“
Antwort Scholz (64): „Ja. Könnte ich.“
Bis er geschlagene fünf Sekunden und ein gespielt gelangweiltes Schmatzen später nachschob: „Das war’s.“
Dazu sein verkniffenes Grinsen und ein deutlich vernehmbares Lachen durch die Nase.
Romaniecs Reaktion folgte auf Twitter: „Ach, schade, Herr Bundeskanzler. Als ich Deutsch gelernt habe, wurde mir für Pressekonferenzen dringend die Höflichkeitsform empfohlen… Und die Frage war schon sehr ernst gemeint.“
Die Antwort greift gnädigerweise nur zwei der vielen Fettnäpfchen auf, in die der Bundeskanzler grinsend gestapft war. Alle diese Fettnäpfchen stehen nach dem legendären Kommunikationsquadrat des nicht nur von mir hoch geschätzten norddeutschen Kom-munikationspsychologen Friedemann Schultz von Thun alle verteilt auf der Beziehungsebene.
Dieses Modell ist sensationell, denn es öffnet uns die Augen zur Frage: Wie kommt rüber, was ich sage? Es besagt: Die von uns gesendeten Botschaften beinhalten unterschiedliche Aspekte auf verschiedenen Ebenen. Neben der Sachebene auch auf der Selbstoffenbarungs-, der Beziehungs- und der Appellseite. So sieht das Modell aus:
Die Krux ist: Egal, wie Sie das, was Sie als Sender sagen, meinen: Es zählt für Ihren Kommunikationserfolg allein, wie es beim Empfangenden ankommt.
Hier das klassische Beispiel:
Da sagt die Beifahrerin zum Autofahrer im Feierabendverkehr: „Da vorne ist grün.“
Auf der Sachebene wird die Verkehrssituation beschrieben.
Die Selbstoffenbarungsebene der Senderin könnte sein: „Ich bin eine mitdenkende Beifahrerin.“
Auf der Beziehungsebene könnte die Botschaft sein: „Ich sehe uns als Team und helfe bei dem starken Verkehr mit.“
Und die Appellebene womöglich: „Fahr am besten etwas schneller.“
Doch der schon häufiger von Freunden als Trödler kritisierte Fahrer interpretiert vor allem die Selbstoffenbarung und hört heraus: „Mir geht das hier alles zu langsam.“
Und auf der Beziehungsebene: „Ich bin eine bessere Autofahrerin als du.“
Und er antwortet: „Das nächste Mal nehme ich dich nicht mehr mit.“ Bumm!
Wenn wir kommunizieren, hilft es uns nicht, wenn wir den Empfangenden die Vorhaltungen machen, sie hätten die Botschaft gefälligst anders verstehen sollen. Tenor: „Lass deine Befindlichkeiten bitte zuhause.“
Professionell kommunizieren – das heißt: zu erkennen, wie die Antennen des Empfängers justiert sind: Erwartungen, wunde Punkte, das Rollenverhältnis zwischen dir und mir.
Für die erfolgreiche Kommunikation für Olaf Scholz war deshalb egal, warum er so schmallippig war. Es zählt allein, was die Empfänger auf welcher Ebene heraushören. Hier hat der Bundeskanzler nicht schnell genug geschaltet und hat auf der Beziehungsebene sämtliche Fettnäpfchen mitgenommen. Weil die Beziehung zwischen Sender und Empfängerin gleich aus mehreren Gründen heikel ist:
- Wegen des beruflichen Machtgefälles. Hier spricht der Bundeskanzler von der Bühne zu einer Journalisten von vielen im Pulk.
- Wegen der Beziehung der Geschlechter: Hier spricht ein Mann bildlich von oben herab zu einer Frau.
- Wegen der Frage zum Verhältnis zu Minderheiten: Hier spricht ein Deutscher in Deutschland zu einer Frau mit Einwanderungsgeschichte.
- Wegen der sprachlichen Überlegenheit: Es spricht ein Muttersprachler zu einer Frau mit Akzent.
- Wegen der Etikette: Hier spricht der G7-Gastgeber zu einer seiner Gäste.
Wer in einer solchen Konstellation auf eine Frage nicht antworten möchte, bewegt sich rhetorisch auf dünnem Eis, sollte er oder sie versuchen, dem Fragesteller die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. So hätte man die Intention des Bundeskanzlers ja durchaus interpretieren können. Scholz ließ schließlich ironisch durchblicken: Hättest du nicht gefragt, ob ich deine Frage beantworten könnte, sondern wie die Garantien konkret aussehen, hättest du deine Antwort bekommen. Das wirkt aus dem Mund eines Mannes solch großer (vom Volk verliehenen) Macht unfair und überheblich. Wie ein Lehrer gegenüber einer kleinen Schülerin.
Dass er dabei selber gelacht hat, um sein Verhalten als nicht ganz ernst gemeint zu kennzeichnen, lässt sich zu seinen Ungunsten, aber auch als Spott auslegen. Zumal der Bundeskanzler in der Sache ja wirklich keinerlei Information preisgegeben hatte – was dem Scherz einen ernsten Kern eingesetzt hat. Die Journalistin ging ja vollends leer aus.
Kurzum: Sprechen Menschen mit Macht zu Menschen, die ihnen (objektiv oder empfunden) sozial unterlegen sind, ist besonders viel Fingerspitzengefühl vor allem auf der Beziehungsebene angebracht. Das gilt für alle mit Führungsverantwortung: Grüßt der Pförtner nicht die Geschäftsführerin, ist er wohl gerade in Gedanken. Grüßt die Geschäftsführerin den Pförtner nicht, hält sie sich wohl für etwas Besseres.
Dabei spielt für die Wirkung auf der Beziehungsebene keine Rolle, wie es vom Sender mit Macht wirklich gemeint war (höchstens später als Klarstellung bei der Entschuldigung). Vielleicht hat Olaf Scholz auf eine kumpelhafte Art versucht witzig zu sein, weil in seinem engsten Zirkel genau diese Witzchen sonst auch immer gerissen werden (der Spaß an Wortklaubereien unter Juristen halt, sage ich als Jurist). Vielleicht hatte er keine gute Antwort auf die Frage parat. Vielleicht war er von der Frage genervt, weil ein anderer Journalist eine ähnliche Frage vorab gestellt hatte. Alles egal, solange es die Empfänger nicht berücksichtigen (können).
Es wäre gut für ihn gewesen, hätte Scholz zum Beispiel geantwortet: „Ja, könnte ich. Aber sehen Sie mir nach, dass ich es hier jetzt nicht im Alleingang tue. Wir haben da noch keine spruchreife Linie vereinbart“ oder „Ja, könnte ich. Aber ich finde, ich habe diese Antwort doch schon vorhin auf eine ähnliche Frage gegeben“ oder: „Gern zu einem späteren Zeitpunkt.“ Je nachdem.
All dies bringt zwar keine Erkenntnisse auf der Sachebene. Aber auf der Beziehungsebene profitiert nicht nur die Journalistin vom guten Gefühl, verstanden worden zu sein und in ihrem Job, als Frau, als Gast und als Migrantin respektiert zu werden. Der mediale Shitstorm zeigt: Vor allem der Kanzler als Sender hätte davon profitiert. Der Vorwurf der Arroganz wiegt für einen Menschen mit Macht schwer. Weil sich das Urteil hier und da immer wieder schnell bestätigen lässt, wenn die Empfänger – geprägt durch die Erfahrungen der Vergangenheit (und dazu gehört G7 jetzt) – mit feinen Antennen auf der Beziehungsebene jedes künftige Statement intuitiv unter dem Aspekt von Geringschätzungs-Botschaften absuchen.
Also: Vermeiden Sie den Scholz-Effekt. Je mehr Macht Sie haben und je stärker sich die Empfänger Ihnen unterlegen fühlen, umso stärker lechzen die Empfangenden nach Botschaften des Respekts auf der Beziehungsebene. Bringen Sie die Größe auf, diese Erwartungen zu erfüllen. Sie profitieren davon am Ende am meisten.
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