People Analytics US-Unternehmen erstellen Psycho-Profile der Mitarbeiter

Mitarbeiter, die mailen, surfen, immer das Firmenhandy in der Tasche haben und in sozialen Netzwerken ihr Leben ausbreiten, hinterlassen Datenberge, die viel über ihre Person und ihre Leistung verraten. Amerikanische Unternehmen wollen mit diesen Daten künftig über Einstellungen, Beförderungen und Entlassungen entscheiden.

Big Data Quelle: dpa

Der amerikanische Versicherungskonzern hat ein Problem: Ihm laufen die Mitarbeiter davon. Daran ändern auch die jährlich ausgeschütteten Halteprämien von insgesamt 20 Millionen Dollar nichts. Jahr für Jahr muss das Unternehmen ein Drittel aller Stellen neu besetzen, was Kosten in Millionenhöhe verursacht. Der Versicherer ruft eine Unternehmensberatung zu Hilfe, die eine neuartige Software mit Daten über jeden einzelnen Mitarbeiter füttert: Eckdaten aus der Personalabteilung, Leistungswerte, sogar Informationen aus sozialen Netzwerken sowie Verhaltensmuster, die Psychologen aus der beruflichen E-Mail-Kommunikation der Mitarbeiter ableiten.

Am Ende spuckt das Programm das „individuelle Fluchtrisiko“ für jeden Angestellten aus: „Bei Sam gibt es ein 65-prozentiges Risiko, dass er in den kommenden 12 Monaten kündigt“. Nun kann der Versicherer frühzeitig herausfinden, wo bei den Mitarbeitern der Schuh drückt und Kündigungen vorbeugen. Schon bald sinkt die Fluktuationsrate um die Hälfte.

Wo die Vernetzung die Welt erobert
Mini-Computer erobern die WeltWenn es nach dem Willen der Telekomkonzerne geht, wird es in absehbarer Zukunft nur einen Schlüssel für unser modernes Leben geben: das Smartphone und oder das Tablet. Die Mini-Computer für die Akten- oder Westentasche erfreuen sich immer größerer Popularität - vier von fünf Kunden entscheiden sich derzeit beim Kauf eines neuen Handys für die internetfähige Variante, im abgelaufenen Jahr gingen allein in Deutschland über 20 Millionen Stück über den Ladentisch. Quelle: dapd
Die massenhafte Verbreitung ermöglicht ganz neue Geschäftsbereiche: Künftig sollen etwa Mietwagenkunden mithilfe von Smartphones den Weg zu ihrem Fahrzeug finden und dieses damit öffnen. Auch beim Bezahlen an der Supermarktkasse und beim Öffnen der Haustür (wie etwa bei Sharekey) sollen zunehmend mobile Computer zum Einsatz kommen. Textdokumente, aber auch Musik und private Fotos werden in externen Rechenzentren (Cloud) abgelegt und können dort mittels stationierter Software bearbeitet und jederzeit von jedem Ort abgerufen werden. Quelle: Presse
Um die technischen Voraussetzungen zu schaffen, investieren Telekom & Co. derzeit Milliarden in den Ausbau der Cloud und der mobilen Breitbandnetze. Schließlich müssen die explosionsartig wachsenden Datenmengen transportiert werden. Die Bedrohung dieser schönen neuen Welt kommt aus dem Netz selbst: Ein Hackerangriff gilt als Horrorszenario. Quelle: dpa
Am Puls des Baggers Mit der Kraft mehrerer Hundert PS wühlt sich der riesige Schaufelbagger durch das Gelände des Tagebaubergwerks irgendwo in Südamerika. Tonnen von Geröll werden stündlich bewegt - Schwerstarbeit für die Maschine. Während der Bagger Lkw um Lkw belädt, funken Sensoren Dutzende Messdaten über Öl- und Wasserdruck, Motorleistung und Verbrauch in ein über tausend Kilometer entfernt gelegenes Rechenzentrum. Quelle: REUTERS
Dort werden die Daten gesammelt, aufbereitet, mit anderen Leistungskennziffern abgeglichen und an den Hersteller des Baggers weitergeleitet. Der kann nun rechtzeitig erkennen, wann es wieder Zeit ist für eine Wartung oder wann ein Verschleißteil ausgewechselt werden muss. Der Servicetechniker vor Ort wird rechtzeitig in Marsch gesetzt, notfalls gleich mit dem passenden Ersatzteil. Das spart Zeit und Kosten, weil das schwere Gerät nur für kurze Zeit unproduktiv im Gelände steht. Quelle: obs
Die Fernüberwachung von Maschinen, Transportunternehmen und Gütern ist unter anderem für den britischen Mobilfunkanbieter Vodafone Teil der Strategie bei der Maschinenkommunikation. Ähnlich wie beim vernetzten Auto wird für die Einsätze ein speziell für die M2M-Kommunikation entwickelter Chip eingesetzt. Er ist kleiner als die, die in jedem üblichen Mobilfunkgerät stecken, aber deutlich robuster: Der SIM-Chip entspricht Industrieanforderungen, ist fest verlötet, korrosionsbeständig, verfügt über eine längere Lebensdauer und übersteht auch hohe Temperaturschwankungen. Er funktioniert auf vielen Netzen weltweit und wird daher auch für die Überwachung von Containern eingesetzt, die rund um den Globus schippern. Quelle: dpa
Das vernetzte Heim Die Vision hat was Bestechendes: Bequem vom Sofa aus öffnet der Hausbesitzer mit Hilfe eines kleinen Flachbildschirms das Fenster im Kinderzimmer, stellt die Heizung auf moderate 22 Grad und kontrolliert, ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist. All das und viel mehr ist heute schon möglich - und doch funktioniert diese moderne Welt des vernetzten Heims nur in Ausnahmefällen. Quelle: dapd
Was vielleicht noch im Einzelfall klappt, bringt selbst technikbegeisterte Menschen zur Verzweiflung, wenn sie die verschiedenen Systeme zwischen Alarmanlage und Wäschetrockner so verbinden wollen, dass sie von einer Schaltstation bedient werden können. Zwar arbeitet fast jeder Hausgerätehersteller an Vernetzungslösungen über das Internet, doch die Vision, etwa vom intelligenten Kühlschrank, der automatisch Milch, Butter und Wurst im Handel nachbestellt, ist von der Wirklichkeit noch weit entfernt. "Die entscheidende Frage ist, ob der Kunde einen solchen Kühlschrank überhaupt will. Und wenn ja, wie viel Aufpreis er für die aufwendige Technik und Logistik zu zahlen bereit ist", sagt der Chef des deutschen Hausgeräte-Marktführers BSH Bosch und Siemens Hausgeräte, Kurt-Ludwig Gutberlet. Auch die notwendige Lebensmittellogistik, damit die Waren dann auch in den Kühlschrank kommen, ist nicht zu unterschätzen. Quelle: Presse
Das Gleiche gilt für die intelligente Nutzung des Gas- und Stromnetzes durch Heizung oder Waschmaschine. Auch hier müssen erst intelligente Zähler installiert und die Endgeräte entsprechend ausgerüstet werden, damit sie je nach Strompreis anspringen oder sich abschalten. Die Deutsche Telekom versucht nun, eine Plattform für die vernetzte Hauswelt zu schaffen, um das Problem der unterschiedlichen technischen Standards zu lösen. "Qivicon" soll noch 2013 starten. Quelle: dpa
Die Revolution heißt Industrie 4.0Für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau ist es das Thema schlechthin: die vierte industrielle Revolution oder kurz Industrie 4.0, der nächste Schritt nach Dampfmaschine, Elektrifizierung und Fließband. Dabei geht es um nicht weniger als die permanente Kommunikation und Vernetzung zwischen Mensch, Maschine und Produkten. Quelle: dapd
Nicht mehr die zentrale Steuerung steht im Mittelpunkt. Die Werkstücke selbst teilen der Maschine mit, wie genau sie bearbeitet, in welcher Farbe sie gespritzt und wo sie als Nächstes eingepasst werden sollen. Die Menschen kontrollieren und bekommen Hinweise, wo sie eingreifen müssen. Vieles davon ist noch Zukunftsmusik, Fragen wie nach der Sicherheit der IT-Systeme sind noch nicht gelöst. Doch in einigen Teilbereichen funktioniert das Zusammenspiel von Maschinenbau-Know-how mit Softwaresteuerung, Vernetzung, Internetanbindung und neuen Arbeitsabläufen bereits. Schon jetzt machen IT und Automation laut Branchenverband VDMA 30 Prozent der Herstellungskosten im Maschinenbau aus. Quelle: Presse

Ein schöner Erfolg, auf den der Versicherer eigentlich stolz sein könnte. Doch seinen Namen will er in dem Zusammenhang lieber nicht öffentlich genannt wissen. Denn das Projekt war eine rechtlich heikle Mission. Ist es noch Personalmanagement oder schon Bespitzelung, wenn eine Firma persönliche Psycho-Profile erstellt und die Kommunikation von Mitarbeitern auf Facebook und Twitter auswertet? Ist das nach den vergleichsweise lockeren Datenschutz-Gesetzen in den USA noch legal, oder eher nicht?

Die Berater fanden etwa heraus, dass Mitarbeiter, die keine Kinder oder keinen Partner unterhalten müssen, ein höheres Abwanderungsrisiko haben. Sollten diese Mitarbeiter künftig höhere Gehälter bekommen, um sie zu binden? Das Management dürfte sich auf einen Aufstand der Mütter und Väter im Unternehmen gefasst machen. Oder sollten Menschen ohne Familienanhang wegen ihrer erhöhten Fluchtgefahr am besten gar nicht erst eingestellt werden? Teure Schadenersatzklagen unterlegener Bewerber wären wohl nur eine Frage Zeit.

Mitarbeiter derart intensiv zu durchleuchten und zu kategorisieren, kann schnell in Diskriminierung ausarten  und das  Betriebsklima vergiften oder sogar das öffentliche Ansehen des Unternehmens ramponieren. In welchem Umfang Personalabteilungen digitale Daten über Mitarbeiter verwerten dürfen und sollen, ist deshalb umstritten. Dennoch scheint die grundsätzliche Marschrichtung eindeutig: Nie gab es mehr personenbezogene Daten in Unternehmen und nie waren Personaler aller Branchen und Länder entschlossener, diese zu nutzen. „People Analytics“ (Menschen-Analyse) haben US-Unternehmen diese Disziplin getauft.

Etliche Firmen für derlei Dienstleistungen gibt es inzwischen in den USA und immer mehr Personalabteilungen zählen zu ihren Kunden. 2010 verzeichnete LinkedIn, ein Online-Netzwerk für Geschäftskontakte, 3900 Mitglieder, die sich als People-Analytics-Verantwortliche auswiesen. Im ersten Quartal 2015 waren es bereits 9500.

So haben sich Unternehmen auf die Digitalisierung vorbereitet

Schon lange entscheidet die Analyse von digitalen Datenkonvoluten über Strategien in Produktion, Forschung, Logistik und Marketing. Es scheint, als würde trotz der damit verbundenen Risiken nun auch auch die letzte Bastion des Bauchgefühls, das Personalmanagement, von der Technik erobert werden. Grund dafür ist der technische Wandel der Arbeitsplätze. Noch vor wenigen Jahren konnten oft nur Kollegen oder unmittelbare Vorgesetzte wissen, was Mitarbeiter so treiben, ob sie motiviert sind, wie kreativ sie denken. Heute hinterlassen Angestellte bei der Arbeit Millionen von digitalen Spuren, die ein viel genaueres Bild ergeben können.

In immer mehr Branchen wird mit Hilfe von Informationstechnologie gearbeitet, meist auch mit Anbindung an das Internet. So kann das Verhalten fast aller Schreibtischarbeiter und zunehmend auch das von mobil arbeitenden Menschen lückenlos dokumentiert und von überall eingesehen werden. Angestellte bis hinauf in höchste Chefetagen schreiben massenhaft E-Mails, koordinieren ihre Meetings über den PC, geben in sozialen Netzwerken ihre Vorlieben und ihren Freundkreis preis und lassen es zu, dass ihr Aufenthaltsort über das Firmenhandy rund um die Uhr ermittelt werden kann.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%