Und dann änderte sich alles: „Während der Vorlesung qualmte er Gauloises“
Mein ökonomisches Erweckungserlebnis hatte ich mit 25 Jahren in einem Hörsaal der Universität Saarbrücken. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, Medizin zu studieren, war dann irgendwie bei der VWL gelandet und studierte mehr oder weniger vor mich hin. Bis zu dem Tag, an dem ich Werner Pommerehne erstmals bei einer Vorlesung im Fach Finanzwissenschaft erlebte.
Pommerehne war Professor für Nationalökonomie, ein kräftiger Mann voller Energie, der Gauloises während der Vorlesung qualmte, seine Schreibtafel bisweilen mit dem Fuß in die richtige Höhe trat. Auch dass er – aus ökonomischen Gründen – eine weitgehende Freigabe von Drogen befürwortete, fanden wir als Studenten höchst interessant.
Erst Pommerehne vermittelte mir eine wahre Begeisterung für die Wissenschaft. Vor unserer Begegnung hatte ich nie an eine akademische Karriere gedacht. Nach Abschluss meines Studiums arbeitete ich Anfang der 1990er-Jahre ein Jahr als sein Assistent. Meine ersten wissenschaftlichen Aufsätze habe ich mit ihm zusammen geschrieben – und das hieß nicht, dass jeder in Arbeitsteilung etwas zulieferte. Wir haben wirklich nebeneinander gesessen und zusammen geschrieben. Das war völlig ineffizient. Aber er hat mir so beigebracht, wie man verständlich formuliert und zugleich höchstes wissenschaftliches Niveau zu Papier bringt.
Umso größer war der Schock, als Pommerehne mit nur 51 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Ich hatte damals gerade mit meiner Promotion begonnen. Bei Gebhard Kirchgässner von der Universität St. Gallen, einem Co-Autor von Pommerehne, konnte ich fertig promovieren.
Von Pommerehne habe ich das politökonomische Denken gelernt; bis heute forsche ich an der Schnittstelle von Finanzwissenschaft und Politik. Das hat mir im Berufsleben sehr geholfen, nicht zuletzt bei der Arbeit im Sachverständigenrat oder bei meiner Beratung für Bundesfinanzminister Christian Lindner in der vergangenen Legislaturperiode.
Ich sage es offen: Ich bin nicht Professor geworden, weil ich Ökonomie lehren will. Das ist nicht mein Antrieb – dann hätte ich ja Lehrer werden können. Es ist die Forschung, die mich begeistert.
- Geboren: 9. August 1966 in Saarbrücken
- Studium: VWL in Saarbrücken und St. Gallen
- Beratung: Wirtschaftsweiser von 2011 bis 2022
- Lieblingsbuch: „Homo oeconomicus“ von G. Kirchgässner
In unserer Artikelreihe erzählen Menschen aus der Wirtschaftswelt über einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben. Hier finden Sie alle Beiträge der Serie „Und dann änderte sich alles ...“