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Werner Marnette"Führungskräfte werden nicht nach Qualifikation ausgesucht"

Der frühere Manager und Politiker Werner Marnette über seinen Führungsstil und die Verlockungen der Macht.Daniel Rettig 24.01.2012 - 06:00 Uhr

Werner Marnette

Foto: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Marnette, wollten Sie immer schon Chef werden?

Marnette: Nicht unbedingt Chef, aber über mein eigenes Schicksal bestimmen wollte ich schon als Kind.

Die wichtigsten Regeln wider den Machtmissbrauch
Starre Regeln und Kontrollwahn zerstören jede Kreativität. Je stärker der Chef seine Macht spielen lässt, desto weniger tauschen sich die Untergebenen aus – gutes Klima für innovatives Denken sieht anders aus. Es gilt: Kontrolle ist gut, Vertrauen besser.
Im Mittelalter durfte der Hofnarr dem Fürsten sagen, was die Untertanen über ihn dachten. Das Problem: Wer an der Spitze steht, sucht selten Rat von unabhängigen Kritikern. Großer Fehler! Zwar hört niemand gern, was er verbessern könnte oder falsch gemacht hat. Aber die Wahrheit schmerzt nur im ersten Moment, im zweiten befreit sie – und schützt vor schlimmeren Fehlern.
In Besprechungen hören sich Chefs am liebsten selbst reden. Paroli? Unerwünscht! Doch wenn Ihr Gegenüber vernünftig argumentiert, profitieren Sie davon nur. Also: Querdenker und Kritiker weder vor versammelter Truppe zusammenfalten noch heimlich bestrafen.

Worüber man sich eben so Gedanken macht in jungen Jahren...

Ich komme aus einer Kölner Arbeiterfamilie, mein Vater war Schlosser. Schon als Schüler habe ich in seiner Firma ausgeholfen. Dort habe ich gelernt: Egal, wie gut ein Arbeiter auch sein mag – letztendlich trifft sein Chef die Entscheidungen für ihn, nicht der Arbeiter selbst. Und genau das wollte ich – eigene Entscheidungen treffen können.

Mit 49 wurden Sie Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Affinerie (NA), der heutigen Aurubis. Endlich an der Spitze – ein innerer Triumph?

Das stand für mich nicht im Vordergrund – sondern den Konzern in die richtige Richtung zu steuern.

Philipp Hildebrand

In seiner Funktion brauche er absolute Glaubwürdigkeit, sagte Hildebrand zu seinem Rücktritt vor wenigen Wochen – doch daran mangelte es ihm erheblich. Seine Frau hatte mit vermeintlichen Insidergeschäften etwa 62.000 Euro verdient.

Foto: dapd

Dominique Strauss-Kahn

Im Mai 2011 wurde er am New Yorker Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: versuchte Vergewaltigung. Vier Tage später legte er sein Amt nieder – das Gespür für angemessenes Verhalten hatte er schon viel früher verloren.

Foto: dpa

Louis van Gaal

An seiner fußballerischen Kompetenz besteht kein Zweifel, an seinen Führungsqualitäten schon: Van Gaal sei „menschlich eine Katastrophe“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß einige Monate nach van Gaals Demission im Juni 2011.

Foto: dpa

Karl-Theodor zu Guttenberg

„Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat“, sagte zu Guttenberg im Februar 2011 – und bewies damit die Geisteshaltung eines machtbeschwipsten Lügenbarons. Wenige Wochen später legte er alle Ämter nieder und zog in die USA.

Foto: dpa

Wendelin Wiedeking

Mit dem größenwahnsinnigen Plan, den VW-Konzern zu übernehmen, vergrätzte er Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch. Im Juli 2009 trat Wiedeking nach 16 Jahren zurück – und hinterließ dem Autobauer einen finanziellen Scherbenhaufen.

Foto: dpa

Ein Mitarbeiter der Aurubis AG auf dem Firmengelände des Kupferherstellers. Werner Marnette ging zu seiner Zeit bei Aurubis morgens in die Fabrikhallen und erkundigte sich nach seinen Mitarbeitern

Foto: dpa

Hat die Macht Sie verändert?

Definitiv nicht.

Das müssen Sie jetzt sagen.

Ich darf das sagen. Wer durch harte, ehrliche Arbeit nach oben kommt, weiß Erfolg zu schätzen und bleibt demütig. So hebt man nicht ab. Außerdem war mir aus meiner Kindheit bewusst, dass man jeden in der Firma gut behandeln muss, egal, welche Funktion er hat.

Dennoch stolpern viele Top-Manager und Politiker regelmäßig über Affären. Wie erklären Sie sich das?

Viele haben überhaupt keine Beziehung mehr zu ihrem Unternehmen, deshalb sind sie häufig austauschbar. Sie haben ihre Lakaien, die ihnen die Zahlen liefern, Controller oder Finanzexperten. Dann regieren sie aus der Vorstandsetage und bekommen gar nicht mit, was den einzelnen Angestellten oder Arbeiter bewegt.

Was bei Ihnen natürlich anders war...

In der Tat. Bevor ich morgens in mein Büro kam, bin ich zuerst immer durch den Betrieb gegangen, habe mich in den Fabrikhallen umgesehen und bei den Mitarbeitern erkundigt. An Silvester bin ich mit meiner Frau manchmal in die Werke gefahren und habe Berliner verteilt. Ich habe mich immer dafür interessiert, wie es den Menschen geht. Nicht aus Kalkül, sondern aus tiefstem Herzen.

Lehrerzimmer
Alle sechs Monate dürfen 1000 deutsche Führungskräfte die Köpfe der deutschen Wirtschaft benoten. Organisiert wird die Zeugnisvergabe von der Wiesbadener Unternehmensberatung MC IT Solutions.

Foto: dpa

Ausreichend
RWE-Chef Jürgen Großmann hat sich seit dem letzten Zeugnis ein kleines bisschen verbessert. Von 3,8 ging es auf 3,7 - damit belegt er Platz 15 im Manager-Zeugnis-Ranking. Das ist das erste Mal, dass der RWE-Chef den letzten Platz unter den 15 zur Bewertung stehenden Top-Managern macht, im Vorjahr hielt noch Rüdiger Grube die rote Laterne. Dass Großmann nur ein "ausreichend" bekam, dürfte an seiner Haltung zum Atomausstieg gelegen haben.

Foto: REUTERS

Befriedigend (-)

Deutsche Post-Chef Frank Appel ist knapp an der Vier (minus) vorbei geschrammt. Von 3,5 ging es runter auf 3,6.

Foto: dpa

Befriedigend

Michael Diekmann von der Allianz schafft den befragten deutschen Manager zufolge zumindest eine befriedigende Leistung. Mit seiner Bewertung von 3,4 kann er - im Vergleich zum Zeugnis von 2008 ganz zufrieden sein. Damals teilte er sich Josef Ackermann den letzten Platz.

Foto: dpa

Befriedigend
Auch dieses Jahr sind Diekmann und der scheidende Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann gleichauf. Wo aber die 3,4 für Diekmann eine leichte Verbesserung sind, sind sie für Ackermann ein katastrophaler Absturz. Noch im Sommer 2011 belegte er mit 2,8 den vierten Platz, jetzt teilt er sich mit Diekmann Platz 12. Seit zehn Jahren bekommt Ackermann zweimal im Jahr sein Zeugnis von MC IT Solutions - dabei musste er schon einige Auf und Abs hinnehmen. Von einer ordentlichen 2,4 im Jahr 2010 bis zu einer miserablen 4,5 im Dezember 2004 war alles dabei. Allerdings finden 61 Prozent der befragten Führungskräfte es richtig, dass Ackermann auf seinen Posten bei der Deutschen Bank verzichtet.

Foto: REUTERS

Stabiles Mittelfeld
Drei der deutschen Wirtschaftsbosse haben die gleiche Bewertung bekommen. Sowohl Johannes Teyssen von E.On, Telekomchef René Obermann als auch Bahn-Chef Rüdiger Grube bekamen eine 3,3. Für Grube ist das eine Steigerung: Letztes Jahr stand in seinem Zeugnis noch eine 3,9. Nach dem Ende der Stuttgart 21 Diskussion verbesserte sich seine Bewertung.

Foto: REUTERS

Luft nach oben
Ebenfalls fast gleichauf sind die Chefs von Bayer, Siemens und Lufthansa. Christoph Franz von der Lufthansa bekam wie beim letzten Zeugnis auch eine 3,2, Bayer-Chef Marijin Dekkers war mit 3,1 einen Hauch besser und hat sich damit auch ein klein wenig gesteigert (im Vorjahr waren es noch 3,2). Siemens Chef Peter Löscher gaben die deutschen Führungskräfte eine glatte drei. Auch das ist ein kleines bisschen besser als im Vorjahr. Das geht noch besser, die Herren.

Foto: dpa

Befriedigend (+)
Eine sehr gute drei geht an Herbert Hainer. Der Adidas-Chef belegt mit einer Bewertung von 2,9 Platz vier. Bei der letzten Zeugnisvergabe im Juni war Hainer noch nicht in der Klasse. Er war für Eckhard Cordes von der Metro nachgerückt.

Foto: AP

Befriedigend (+)
Ebenfalls eine 2,9 - und damit Platz vier - geht an BMW-Chef Norbert Reithofer. "Der konsequent und nachhaltig angelegte Sturm an die Spitze der weltweiten Automobilindustrie imponiert deutschen Führungskräften", erklärt MC IT Solutions-Chef Manfred Niedner das Ergebnis.

Foto: AP

Gut (-)
Mit 2,6 kann sich Wolfgang Reitzle von der Linde AG über einen sauberen dritten Platz freuen. Damit hat der Herr über mehr als 48.000 Mitarbeiter sich weder verschlechtert noch verbessert.

Foto: AP

Gut
Daimler-Boss Dieter Zetsche hat sich dagegen minimal verschlechtert: Von noch 2,4 im Juni 2011 ging es jetzt auf 2,5. Trotzdem: Platz zwei für Zetsche.

Foto: dpa

Sehr gut (-)
Eine Eins Minus gibt es - wie auch im Vorjahr für VW-Chef Martin Winterkorn. Er hat seine Note im Vergleich zum Juni 2011 um 0,1 auf 1,8 verbessert. "Winterkorn ist wie einst Wendelin Wiedeking auf Platz 1 abonniert."

Foto: dpa

Wie rührend. Wie kamen Sie zu Ihrem Spitznamen: „Napoleon von der Veddel“?

Seit 1910 hat die heutige Aurubis ihren Hauptsitz auf der Veddel, einem lange benachteiligten Hamburger Vorort. Für ihn und seine Menschen lohnt es sich, zu kämpfen. Der Spitzname bezieht sich darauf, dass ich für den Standort und das Unternehmen oft in Schlachten ziehen musste, etwa gegen zu hohe Strompreise – aber nicht auf meinen Umgang mit den Mitarbeitern im Betrieb.

Als sanftes Lamm galten Sie aber nicht...

Das behaupte ich auch nicht. Ich gebe gerne zu, dass ich meine Macht ausgeübt und klare Ansagen gemacht habe – und mit meiner Art dem ein oder anderen vielleicht auf die Füße getreten bin.

Dann flogen auch mal die Fetzen?

Natürlich, aber der Umgang war immer respektvoll – hart, aber fair. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Ich bin davon überzeugt, dass Chefs deutliche Worte aussprechen können, ohne sich unbeliebt zu machen. Dafür muss man gerecht und transparent sein, deshalb habe ich auch mein Gehalt veröffentlicht. Ich hielt mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg, hatte aber gleichzeitig nie Probleme damit, kritisiert zu werden.

Auf wen haben Sie am meisten gehört?

In erster Linie auf meine sehr guten Mitarbeiter, in strategischen Fragen auf Finanzexperten und Rechtsberater. Deren Meinung war mir oft sehr wichtig – schon allein deshalb, weil ich Hüttenwesen und Elektrometallurgie studiert habe und mir das Finanzwissen aneignen musste. Ich hatte immer viel Demut – daran mangelt es vielen Top-Managern heutzutage.

Sie sind Ende 2007 Knall auf Fall zurückgetreten. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied von der Macht?

Der Abschied war hart, denn das Unternehmen war fast 30 Jahre lang meine berufliche Heimat. Den Sitz im Aufsichtsrat haben mir die Berufsaufsichtsräte verwehrt, aber nicht die vielen Aktionäre, die mit meiner Arbeit nachweislich sehr zufrieden waren.

Nach Ihrer CEO-Zeit waren Sie Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein. Wo sind die Verlockungen der Macht größer – in Wirtschaft oder Politik?

Das nimmt sich nicht viel. In der Politik gibt es aber ein anderes Problem: Die Führungskräfte werden nicht nach Qualifikation ausgesucht, sondern vorwiegend über Parteienproporz oder Beziehungen hochgespült. Viele können vielleicht auf Volksfesten Menschen begeistern, haben von Sachthemen aber keine Ahnung. Wenn so jemand an der Spitze eines Ministeriums oder sogar der Regierung sitzt, wird es problematisch.

Jetzt sind Sie als Berater unterwegs – ohne Fahrer, Dienstwagen, Assistenten. Geben Sie’s ruhig zu: Schade um die schönen Privilegien ist es schon...

Sicher, manche Annehmlichkeiten sind weggefallen. Aber ich bin heute unabhängiger und kann mir Aufgaben gezielt suchen.

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