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André Kemper Ein Perfektionist für die Hall of Fame

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Und die nächste Aufgabe wartete schon: Zusammen mit Saatchi & Saatchi-Deutschland-Chef Hubertus von Lobenstein soll Kemper die deutsche Holding des US-Werberiesen BBDO auf Vordermann bringen.  "Ich war geschmeichelt", sagt Kemper. Und wieder überfordert. Er merkt bald: eine von politischen Ränkespielen geprägte Agenturgruppe mit rund 50 Einheiten zu führen, ist nicht sein Ding. "Ich habe Fehler gemacht, die ich mir gegenüber meinen eigenen Kunden nie erlauben würde", sagt Kemper heute, "und ich habe vieles unterschätzt." 

Etwa, wie sehr die selbsternannten "Fine Young Radicals" bei vielen altgedienten BBDOlern auf Skepsis stießen. Wie anstrengend die Trennung von der Familie war. Und wie naiv der Versuch, Konkurrent Jung von Matt Kunde Sixt abspenstig zu machen – mit einem Dumping-Angebot. Als BBDO-Chef Allen Rosenshine daraufhin lieber Olaf Göttgens zum CEO der Holding machen will, geht von Lobenstein von Bord. Und Kemper folgt aus Solidariät – obwohl er als Chefkreativer hätte bleiben können. Sogar auf eine millionenschwere Abfindung verzichtet er. "Ich wollte einen sauberen Schnitt."

Ein großer kleiner Junge

Und endlich machen, worauf er am meisten Lust hatte: Eine eigene Agentur gründen. Zusammen mit seinem früheren Springer & Jacoby-Weggefährten Michael Trautmann, damals bei Audi weltweit für die Markenführung verantwortlich, gründet Kemper im Juni 2004 eine eigene Agentur in Hamburg. "Wir gehen keinem Streit aus dem Weg", sagt Trautmann. "Aber wenn es drauf ankommt, passt kein Blatt Papier zwischen uns." Ihr Credo: schneller, gerader, unerschrockener.

Und erfolgreicher: Vier Wochen nach Gründung gewinnen KemperTrautmann den Pitch um den millionenschweren Werbeetat von MediaMarkt, auch gegen BBDO. Die erste Kampagne mit Oliver Pocher ("Lasst euch nicht verarschen") macht bundesweit Furore – ebenso wie die folgenden mit Olli Dittrich und Mario Barth ("Das ist mein Laden"). Trotz der Erfolge hat MediaMarkt vor kurzem KemperTrautmann das Mandat entzogen – offiziell, weil die Hamburger Agentur zu wenig aufs Internet setzt.

Dabei ist KemperTrautmann längst auf dem Weg in die digitale Zukunft: Rund um die ehemalige Strategie-Abteilung wurde Ende 2010 mit KemperTrautmann Change das neue Epizentrum der Agentur geschaffen, für de Umbau verzichtete die Agentur 2010 gar auf die Teilnahme an Kreativwettbewerben. In der neuen Unit schlägt das digitale Herz der Agentur, die ersten Kunden sind überzeugt. 

Wohl auch, weil sie an einem Pro-Bono-Objekt der Agentur gesehen haben, wohin die Reise geht: Mit "Deutschland findet Euch“, einer Initiative zum Auffinden lange vermisster Kinder, hat KemperTrautmann innerhalb weniger Monate einige riesige Social-Media-Plattform geschaffen. Die hat nicht nur bundesweit für Aufsehen gesorgt. Sondern bereits geholfen, ein vermisstes Kind zu finden. 

"Darauf bin ich besonders stolz", sagt Kemper. Und ist sich sicher: "Das Beste liegt noch vor uns."

Zum Beispiel mehr Zeit zum Angeln mit Vater und Sohn, wie zuletzt vor rund einem Jahr auf Island. Oder für sein Ferienhaus auf Sylt, an dem er schon lange baut – und immer wieder Platten, Fliesen und Vorhangstangen zur Ansicht im Büro liegen hat. Oder für das ein oder andere Rennen mit seinem offenen Motorboot, auf einem Nebenarm der Elbe, etwa mit seinem Freund Stefan Aust.

"André ist ein großer kleiner Junge", sagt der Ex-Chefredakteur des "Spiegel". "Er will einfach immer gewinnen."

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