Jobsuche: Wie junge Menschen in ihrer Erwerbslosigkeit eine Chance sehen
„Ich heiße Nadine. Ich wurde vor 295 Tagen gekündigt und nehme euch heute mit in meinen brotlosen Alltag.“ So oder so ähnlich beginnen die Videos von Nadine Wagenaar auf TikTok und Instagram. Seit fast einem Jahr postet die 34-Jährige über ihr Leben. Im Fokus steht dabei ihre Kündigung und ihr Alltag als Arbeitslose.
Im vergangenen August wurde sie gekündigt – nachdem sie zuvor zwei Kündigungswellen überstanden hatte. Drei Monate wurde sie bei vollem Gehalt freigestellt. Seit Dezember bezieht sie Arbeitslosengeld. Bereits in ihrem Job davor wurde ihr ein Aufhebungsvertrag vor die Nase gelegt. Dieses Mal suchte sie sich keinen neuen Job, sondern sah es als ein Zeichen.
„Ich dachte mir, dass ich jetzt die Chance habe, etwas zu ändern“, erzählt sie. In den typischen Nine-to-five-Jobs sei sie nie glücklich gewesen. Aber ihr Minijob im Social-Media-Bereich habe ihr sehr viel Spaß gemacht. Deshalb fasste sie den Entschluss, auf diese Weise Geld verdienen zu wollen.
Zunächst wollte sie Fitness- und Ernährungscontent machen, doch zu viele Influencer bedienen diesen Bereich bereits. Der Erfolg blieb aus. Doch mit ihrem „brotlosen Alltag“ – wie sie ihn nennt – fand sie ihre Nische. Mehr als 50.000 Menschen verfolgen sie auf TikTok. Auf Instagram sind es sogar 75.000.
Videos dieser Art führen dazu, dass die Scham des Themas Arbeitslosigkeit auch bei anderen fällt. Mehr und mehr Menschen sprechen auf Social Media über ihre Erwerbslosigkeit und auch über die Schwierigkeiten bei der Jobsuche.
Doch woher kommt diese neue Offenheit bei dem Thema? Und was bedeutet das für die Gesellschaft?
Arbeitslosigkeit kann soziale Isolation fördern
Hinter dem Trend könnte primär ein Grund stecken: der Schutz des Selbstwerts. Denn mit dem Arbeitsplatz verlieren einige Menschen nicht nur ihren Job, sondern die Erwerbslosigkeit kann auch die soziale Isolation fördern, wie verschiedene Studien zeigen.
Durch die Videos auf TikTok und Instagram zeigen die Content Creator, dass jeder in die Situation kommen kann. Und, dass es nicht schlimm ist. Oft spielen sie in ihren Videos mit typischen Klischees: faul, immer in Jogginghose unterwegs, und mit dem Geld vom Staat zur Maniküre gehen. Eine bewusste Provokation, die Aufmerksamkeit und Reichweite bringt.
Abgekühlter Arbeitsmarkt
Vor allem zeigen die Beiträge aber eins: Jeder kann seinen Job verlieren – egal, welche Ausbildung man absolviert hat oder welche Qualifikation man mitbringt. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Schwäche. So stieg Arbeitslosigkeit unter Akademikern zuletzt fast dreimal stärker an als insgesamt. Die Arbeitskräftenachfrage kühlt sich massiv ab.
2024 gab es 290.000 erwerbslose, hoch qualifizierte Menschen. Zwar ist das kein Grund für Panik. Doch die Zahlen steigen in dem Bereich stärker als im Gesamtbevölkerungsschnitt.
Unter anderem in der Dienstleistungsbranche wurden im vergangenen Jahr deutlich weniger Jobs ausgeschrieben als im Vorjahr, wie eine Auswertung des Jobportals Indeed zeigt. Noch stärker hat es die Informatikbranche getroffen. Im Vergleich zum Vorjahr gab es in der Kategorie Softwareentwicklung 28 Prozent weniger Stellen.
Und nicht nur die Anzahl an erwerbslosen Akademikern ist gestiegen, sondern auch die Dauer der Arbeitslosigkeit. So finden sie zwar schneller einen neuen Job als die breite Gesellschaft. Doch mehr als die Hälfte sucht länger als drei Monate.
Das spiegelt sich mittlerweile auch auf den sozialen Netzwerken wider. Denn selbst auf LinkedIn – wo die Menschen sonst oft von ihren Erfolgen berichten – teilen immer mehr Nutzerinnen und Nutzer ihre Erwerbslosigkeit. Statt um den arbeitslosen Alltag geht es hier vor allem um die verzweifelte Jobsuche und die Hürden dabei.
Doch bei den Content Creatorn auf TikTok und Instagram ist noch ein weiterer Punkt wichtig: Sie können mit ihren Videos Geld verdienen. Wer vorher lange genug in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, erhält erst einmal Arbeitslosengeld, bevor er schließlich ins Bürgergeld kommt. Wie hoch der Anspruch ist, ist abhängig von dem vorher verdienten Gehalt.
Was nach dem Arbeitslosengeld kommt
Anrechnungsfrei können Menschen im Arbeitslosengeld 165 Euro dazuverdienen. Was darüber geht, wird von der Leistung abgezogen. Doch es gibt andere Möglichkeiten, um den Zuverdienst zu erhöhen. Etwa den Gründerzuschuss. Oder man meldet sich tageweise wieder erwerbstätig. So handhabt es auch Nadine Wagenaar.
„Für die Tage muss ich dann auch selbst den Krankenkassenbeitrag zahlen. Den Verdienst darf ich komplett behalten, nur erhalte für den Tag auch nicht den Tagessatz“, erklärt sie und fügt hinzu: „Für Menschen, die sich selbstständig machen wollen, ist das eine dankbare Situation.“
Bis Dezember erhält die Influencerin noch Arbeitslosengeld. Aufgrund einer Knieverletzung könnte ihr Anspruch jedoch noch länger gelten. Was sie danach macht, weiß sie nicht. Sie hofft, von Social Media leben zu können. Welche Nische sie dann bedient, bleibt abzuwarten.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Juli 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.
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