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Werner knallhartICE-Bordrestaurant: Das rollende Paradies mit einem Hauch von DB-Hölle

An der Idee vom ICE-Bordrestaurant stimmt viel. Doch eine katastrophale Bahn-Logistik und einige Gastro-Kratzbürsten reißen alles wieder ein. Eine Kolumne.KOMMENTAR von Marcus Werner 05.02.2025 - 07:30 Uhr

Gutes Essen und guter Service beim Reisen: Die Idee der Bord-Gastronomie ist gut, die Umsetzung der Bahn nicht immer.

Foto: PR

Wenn ich sage, dass ich Bewunderung und Respekt verspüre für das DB-Restaurant-Personal, dann ist das kein kriecherisches Vorab-Geheuchel, um dann im direkten Anschluss umso schöner austeilen zu können. Es ist wahr.

Wissen Sie, warum? Weil ich ein Vielfahrer mit Startbahnhof-Einstieg bin. Ich betrete den ICE regelmäßig an genau der Stelle, an der das DB-Bordpersonal den Zug besteigt, der gerade aus dem Depot bereitgestellt wird. Etwa in Berlin-Ostbahnhof. Dann setze ich mich gerne in das ganz leere Restaurant und beobachte, wie der Laden in die Gänge kommt. Es ist ja nicht so, dass der ICE einfährt, und dann erwarten einen schon freudestrahlend die hochmotivierten Gastro-Angestellten hinter der Theke und winken und rufen: „Guten Morgen! Die Croissants kommen gleich frisch aus dem Ofen. Wollen Sie schon einmal einen frischen Kaffee?“.

Nein, häufiger höre ich beim Mantelablegen die hochmotivierten Mitarbeiter noch in Jacke und mit Rucksack auf dem Buckel die Küche aufschließen und dann zu ihren Kollegen Dinge rufen wie: „Was ist das denn hier schon wieder für eine Scheiße?“

CDU-Bahnpolitik

Droht der Bahn unter einem Kanzler Merz die Zerschlagung?

Betrieb und Netz der Deutschen Bahn trennen – dafür wirbt die Union schon länger. Unter einem Kanzler Merz dürfte die Idee an Dynamik gewinnen. Was würde das für die Fahrgäste bedeuten?

Wir kennen das alle: Wenn der Arbeitstag direkt mit einem Rückschlag anfängt. Und diese Rückschläge donnern im ICE-Bordrestaurant zuerst auf das Personal ein:

  • Dreckiges Geschirr steht vom Vorabend auf den Tischen.
  • Prall mit Verpackungsmüll vollgestopfte Plastiktüten versperren den Gang in der Galley, wie die Bordküche heißt.
  • Die Schubladen mit den Essensvorräten sind nicht nachgefüllt.
  • Der Kaffeeautomat spinnt.
  • Es ist keine Milch an Bord.

Und ganz verheerend: Am Kühlschrank ist eine Warnlampe an. Denn dann kommt ein Schlagwort ins Spiel, das die Welt im ICE-Restaurant sofort in sich zusammenstürzen lässt. Es lautet: Kühlungsausfall.

Das Kühlschrankproblem der Bahn

Nichts fürchten die Gastro-Chefs in ihrer DB-Zentrale mehr, als dass ein Gast nach der Fahrt über Unwohlsein klagt und dann kommt raus: Das Haferbrötchen mit Käse war nicht gekühlt wie vorgeschrieben.

Das Perverse ist (und das haben mir mehrere Mitarbeiter an Bord bestätigt): Kommt ein ICE mit einer leuchtenden Warnlampe am Kühlschrank angerollt und das Personal steigt auf, ist es nicht in der Lage herauszufinden, wie lange der Schrank nicht mehr kühlt. Ob über Nacht oder erst seit fünf Minuten. Was jede private Smarthome-App drauf hat, gibt die DB-Technik offenbar nicht her. Das bedeutet: Alles, was gekühlt werden muss, muss entsorgt werden. Egal ob schon lauwarm oder noch kalt.

Ich so: „Halten Sie doch mal die Hand in den Kühlschrank. Wenn alles darin noch kalt ist, dann würde ich das Brötchen gerne essen.“

Die Frau aus dem Gastro-Service: „Das dürfen wir nicht. Lampe an, Essen in den Müll.“

Was für ein Irrsinn nach Vorschrift. Und dann zehn Minuten später die Durchsage: „Im Bordrestaurant können wir Ihnen heute aus technischen Gründen leider nur ein eingeschränktes Angebot servieren.“

Da knirschen nicht nur die Zähne der Fahrgäste. Mittlerweile hat die Bahn sogar schon extra Speisekarten anfertigen lassen, die all das aufzählen, was bei Pannen an Bord noch verkauft werden darf. Das muss man sich mal vorstellen: Der ewige Murks hat also fest eingeplantes System im Arbeitsalltag der Bahner.

Das ist so bitter. Eigentlich ist das Bordrestaurant ja ein kleines Paradies. Durch Deutschlands Landschaft rasend Käseomelette und Croissants frühstücken, mittags Kalbsrahmgulasch mit Knöpfle oder Medaillons vom Strohschwein in Pfefferrahmsoße mit Süßkartoffelstampf und etwa abends vegane Currywurst mit Pommes oder schwarzen Reissalat mit Edamame, Bambusstreifen und Erdnüssen. Dazu gut ausgewählte Weine oder eiskaltes Bier, manchmal mit seltenen Sorten aus halb Europa. Und wer nur snacken will, muss sich nicht Snickers reinwürgen, sondern kann auch einen Haferriegel ordern oder Weizenchips mit Honig-Senf-Zwiebelgeschmack. Das Konzept ist modern, vielfältig, gemütlich. Die alten, bierrülpsigen Zeiten mit Schwerpunkt Hackfleisch, Wurst und Brötchen sind vorbei.

Frisch aus der Werbung: So stellt sich die Bahn die Ideal-Version der Bordgastronomie vor.

Foto: PR

Einige Mitarbeitende kommen aus der Gastronomie, haben sich nach einem sichereren Job mit viel Abwechslung gesehnt und merken nun: Sie sind vorrangig an Bord, um neben der Mikrowelle vor allem den Mangel zu verwalten, die überforderte Logistik abzufedern und vor allem: sich professionell zu entschuldigen.

Immerhin: Das klappt meist auf unnachahmlich stoische DB-Manier.

So wie wenn man im Ski-Hotel trocken darüber informiert wird, dass die Lifte heute wegen eines Schneesturms nicht in Betrieb sind, weil die Hoteliers für die Eskapaden der Natur nichts können, so schildern die Mitarbeiter an Bord des ICE-Restaurants die Zustände in der Küche wie ein immer wieder auftretendes und doch unkalkulierbares Phänomen, mit dem man einfach leben muss. Gäste wie Angestellte. Das schweißt Kunden und Dienstleister zusammen.

„Guten Tag. Ich sage gleich dazu: Wir haben heute nur heiße Getränke, ungekühlte Kaltgetränke und gar nichts zu essen. Sie dürfen Ihre mitgebrachten Käsewürfel mit Trauben da gerne aus der Tupper essen. Was darf ich Ihnen bringen?“

Frustriertes Personal

Doch nicht alle Mitarbeitenden haben Nerven wie Stahl. Manche eher welche wie Oberleitungen. Die beim ersten Rütteln zerreißen. Und dann spritzen die Funken, Herrschaften!

Sobald ein Fahrgast sich der Einladung zur Schicksalsgemeinschaft mit dem Namen „Gekniffen von der Deutschen Bahn“ zu entziehen versucht, besteht Explosionsgefahr. Ich habe es neulich erlebt.

Da hatte ein Fahrgast einen Kaffee und eine Flasche Wasser offenbar über das Bord-Intranet an den Platz in der ersten Klasse bestellt. Denn plötzlich rauschte aus dem Nichts eine Kellnerin an, die aussah, als hätte sie den Zug verpasst, wenn sie daheim noch schnell zur Haarbürste gegriffen hätte, und brachte Getränke: „So, dann machen Sie mal Platz auf Ihrem Tischchen da.“

Der Fahrgast blickte auf und sagte: „Guten Morgen.“

Schweigen von oben. Er machte den Tisch frei, die Getränke wurden wortlos serviert. Der Fahrgast sagte: „Ich zahle dann mit Karte“ und hielt sein Handy hin.

Es piepte und die Kellnerin sagte: „Das Gerät sagt, Karte einstecken.“

Der Gast: „Die Karte habe ich leider nicht da. Ich möchte gerne mit Apple Pay bezahlen.“

Die Kellnerin: „Wie gesagt: Geht nicht. Und Sie müssen immer mehrere Zahlungsmöglichkeiten bereithalten.“

Gast: „Nö. Ich möchte wie sonst auch immer Apple Pay nutzen. Das bieten Sie ja auch offiziell an.“

Kellnerin: „Ich biete hier gar nichts an. Das macht die Deutsche Bahn, wenn schon, denn schon. Ich bin ich. Und nicht die Deutsche Bahn.“

Bäng! Wenn den Fahrgästen die innere Kündigung einzelner im sonst so tapferen Bord-Gastro-Team um die Ohren fliegt. Die wenigen ungebremst Frustrierten beschädigen den Ruf der vielen freundlichen Stoiker in der Küche, denn solche Ausrutscher aus alten deutschen Servicewüsten-Zeiten erzählen die Leute natürlich belustigt weiter: „Hier, Dings, ich bin gestern Bahn gefahren…“

„Oh Gott, lass hören! War sehr schlimm?“

Wenn die Fahrgäste dann über das Personal berichten: „Bei der Lufthansa wär die gestern schon viermal rausgeflogen“, dann wird aus dem rollenden DB-Paradies eine Stimmungshölle. Und die eigentlich so originelle Bordgastronomie zum plumpen Image-Killer.

Was tun? Die elende Logistik endlich schnell neu aufsetzen. Bitte! Und das Personal jeden Morgen über alle Kanäle zum Trost daran erinnern: „Leute, anders als ihr bezahlen die Fahrgäste für diesen Service auch noch Geld.“

Vielleicht entlockt das den geschundenen Bahnerseelen ja ein kleines Glücksgefühl. Mehr ist wohl im Moment nicht drin. Und deshalb gehe ich immer und immer wieder ins Bordrestaurant. Denn: Besser geht’s nicht.

Lesen Sie auch: Das größte Service-Problem der Deutschen Bahn ist Angst! Eine Kolumne.

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