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Mehr Erfolg mit Englisch
Quelle: imago images

The bad English in German Webinars und Hörsaals – und wie wir den ambitionierten Stuss am besten vermeiden!

Wenn sie Englisch sprechen, lassen ausgerechnet die gebildeten Schichten manchmal Bildung vermissen: mit unterirdischer Aussprache. Mit hochgestochenen Wörtern wie thematise oder instrumentalise – und mit der Einbildung, dass ihr englischer Freestyle verstanden werde.

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„I‘m welcome you!“, sagt Professor Christoph Meinel – und ich staune. Immerhin spricht da der Direktor des Hasso Plattner Instituts in Potsdam: eine akademische Einrichtung von internationalem Ruf und mit besten Beziehungen ins kalifornische Stanford. Aus der Ferne hielt ich das HPI immer für einen Hort der Mehrsprachigkeit – ein deutsches Mekka für Disruption und Digisation, wo Design Thinking gelehrt wird, um Probleme zu lösen. Unsere Lieblingsfremdsprache Englisch sollte dort nicht fremd sein!

Mit den Web Videos des Chefs sind Zweifel aufgekommen. Nicht nur, dass er oft „didschl“ sagt, wenn er digital sagen will. Oder lounge statt launch. Oder „plactic ideas“, was – solly! – ein bisschen chinesisch klingt und practical ideas bedeuten soll.

Aussprachefehler sind ja selten ein Drama. Allerdings begreife ich nicht, was schwierig daran ist, device wie „die-weiß“ auszusprechen. Außerdem lässt „insentivensing“ nicht sofort auf incentivising schließen. Und warum wirbt er für „Design Sinking“ und sagt „we have to sink“, wenn sich das nur unterirdisch anhört?

Spätestens als Professor Meinel von „United Stations“ faselt, verstehe ich wirklich nur noch Bahnhof! Und ich kann nicht mehr ausschließen, dass die Videobotschaften aus Hasso Plattners Institut Satire sind – schließlich hätte man die Aufnahmetaste leicht noch einmal drücken können, um verständlich United States oder United Nations zu sagen. Ausgespielt wirkt der Patzer hingegen wie Absicht. Oder um bei Hasso Plattner zu bleiben: wie eine Art sprachliches Mooning, was ihm ja nicht nur auf seinem Segelboot vorgeworfen worden ist, sondern was auch den Studenten in Stanford schon als Protestform gedient hat: Man zieht die Hose runter und zeigt den nackten Arsch – Fuck English!

Zugleich denke ich, dass sich ernsthafte, teils mit Steuern geförderte Bildungseinrichtungen nicht so leicht aus der Affäre ziehen dürfen. Schließlich wäre es unfair, dass wir uns einerseits über Günther Oettinger lustig gemacht haben, der praktisch ohne Englischkenntnisse zu den United Stations of Europe weggelobt wurde. Und dass wir andererseits hinnehmen, dass in Hörsälen und Webinaren unverständliches Englisch zum guten Ton gehört – und denglisch gestümpert wird, was das Zeug hält!

Dabei möchte ich die Kritik weder an bestimmten Personen, am Geschlecht noch an einer bestimmten Generation festmachen, sondern vielmehr an einem bestimmten Stand: Schon oft hatte ich den Eindruck, dass sich akademisch geprägte Menschen für unfehlbar halten, wenn sie Englisch sprechen – als hätte „Lingua Franca“ die Bedeutung Freestyle.

Über eine eigenwillige Aussprache hinaus kommt es auch immer wieder zu hochgestochenen Ausdrücken, die niemand richtig versteht, möglicherweise nicht mal die Sprecher selbst – some kind of highfalutin‘ English, which is not fully understood, perhaps not even by its speakers.



Ich denke an Wörter, die aus dem Lateinischen stammen, aber im Englischen entweder gar nicht oder völlig anders verstanden werden. „Caesur“ ist ein eklatantes Beispiel. „Fazit“ ist ein anderes. Oder auch „eklatant“. Ich habe diese „Superfalse friends“ schon in einem Buch und in einer vorherigen Kolumne erklärt. Aber es gibt noch viel mehr zu monieren! Und wo ich „monieren“ schreibe: vor genau solchen Verben will ich warnen! Da es ein englisches Verb „to monate“ nicht gibt – wie würden Sie es übersetzen?

There is much more to criticise!

Lassen Sie mich diese Kolumne deshalb mit einer Liste sieben gemeingefährlicher Verben beenden. So wie „to inscenate“was es so wenig gibt wie „inscenation. Es sind vor allem die (ein)gebildeten Denglischen Patienten, die sie immer wieder in den Mund nehmen:

1. BE: to thematise/ AE: to thematize: Das Wort existiert zwar im englischen Wörterbuch, ist aber im realen Leben kein Thema – nicht einmal im wissenschaftlich-akademischen. Wer etwas thematisieren will, sagt zum Beispiel: I wish/would like to address/bring up the topic/issue of German academics babbling Denglish.

2. to instrumentalise/instrumentalize: Wer andere Menschen für seine Zwecke einspannt, instrumentalisiert sie. Im Englischen ist hingegen meistens nur von „benutzen“ die Rede. Ein besonders unschönes Beispiel: His ex-wife tries to use their children against him. Das englische Verb to instrumentalise wird sehr selten benutzt wie bei uns, höchstens so: He instrumentalises his social network to find a job. Oder: Powerful states try to instrumentalise weaker ones. Gängig ist das Verb unterdessen, wenn musikalische Instrumente erklingen: He has used a computer to instrumentalise the melody. Oder: He instrumentalized the sounds of birds with a recorder – Sie wissen schon: mit einer Blockflöte.

3. to synchronise/synchronize: Für Datensätze sind die deutschen und die englische Bedeutung identisch, für Tonaufnahmen nicht: The data sets are synchronised every Friday. Oder: I‘ve synchronised our diaries. Aber: The movie was dubbed in German.

4. to scandalise/scandalize: Wer schockiert ist, liegt mit diesem englischen Wort richtig: I’m scandalised by the professor’s absurdly bad English! Wer hingegen auf einen Skandal hinweisen oder einen erzeugen möchte, benutzt ein Wort, das wir auch kennen: „sensationalisieren“ – it's not my intention to sensationalise the professor's bad English.

5. to emancipate: Keine Frage, auch auf Englisch können Mann und Frau sich emanzipieren – solange es in einem großen Rahmen (und meistens über einen längeren Zeitraum) passiert: During the 20th century women fought to emancipate themselves from society's paternalistic structures. Oder: As consumers we must emancipate ourselves from the forces of surveillance capitalism. Wer in zwischenmenschlichen Beziehungen Emanzipation wittert, muss andere Formulierungen wählen, da man sich im Englischen zum Beispiel nicht von einzelnen Personen emanzipiert: Sie hat sich nie von ihren Eltern emanzipiert – she has never established her independence. Oder: Angela Merkel brauchte zehn Jahre, um sich von Helmut Kohl zu emanzipieren – it took her ten years to move out of his shadow/from under his shadow.

6. to imitate: Vorsicht ist auch geboten, wenn wir andere imitieren. Im großen Stil ist es in beiden Sprachen möglich: Boris Johnson imitiert Winston Churchills Rhetorik – he imitates Churchill‘s rhetoric. Oder: The professor from Potsdam tries to imitate the American approach to teaching. Auf Englisch kann man also eine politische Linie, einen Stil, eine Haltung imitieren – aber nicht einen Gesichtsausdruck oder eine Stimme! „Boris, kannst Du Winstons Stimme imitieren?“ – Can you do an impression of Winston's voice? Oder: Can you mimic his voice? Auch mit mimic müssen wir aufpassen, weil es nicht unsere „Mimik“ ist. Sie wird mit facial expression übersetzt: My son masterfully mimics my facial expressions.

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7. to dramatise/dramatize: Bei aller Kritik sollten wir denglische Patzer wirklich nicht dramatisieren! Das passende Verb lässt sich in beiden Sprachen benutzen. Um zu sagen, dass das Problem nicht größer gemacht werden soll als es ist: Don’t dramatise that Denglish nonsense! Noch gängiger ist: Don’t be so dramatic! In Familien kann man auch diesen Satz oft hören, obwohl er grammatikalisch unsauber ist: Don’t make (such) a drama! Wichtig ist zu wissen, dass die Hauptbedeutung von dramatise Menschen vorbehalten ist, die Drehbücher und andere Dramas verfassen: Whoever is the most Denglish professor – one day I'll dramatise their life!

Wenn sie oder er sich dann bedankt, werde ich in astreinem Englisch antworten: You're welcome!

Peter Littger beschäftigt sich seit Langem mit deutsch-englischen Sprachverwirrungen und ist Autor unter anderem der Bestseller-Buchreihe „The Devil lies in the Detail – Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache“. Sie können Peter Littger auf Instagram und Twitter folgen.

Mehr zum Thema: Manchmal verlangt das Leben von uns die Extraportion Selbstsicherheit: zum Beispiel in Verhandlungen, auf der öffentlichen Bühne oder im Wettkampf. Auf Deutsch nennen wir das „Souveränität“. Und auf Englisch?

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