Olympia-Medaillenspiegel: Nicht die Sportler sind schuld an der dürftigen Medaillen-Ausbeute

Deutsche Athleten, Trainer und Betreuer verließen Paris am Montag über den Gare du Nord.
Foto: Sebastian Kahnert/dpaDer Medaillenspiegel der nun beendeten Olympischen Spiele von Paris ist eindeutig: Der zehnte Platz mit 33 Medaillen ist das mit Abstand schlechteste deutsche Ergebnis seit der Wiedervereinigung. Das muss hinterfragt werden und darf kritisiert werden. Schließlich fließt Steuergeld in Training, Ausrüstung und Reisen der Sportlerinnen und Sportler.
Der Vergleich der Medaillenspiegel seit 1992 mag für sich sprechen. Die geringere Anzahl von Treppchenplätzen mit einer angeblich um sich greifenden Leistungsverweigerung einer ganzen Gesellschaft zu vermischen, ist jedoch absurd. Bei Linkedin und im Fernsehen sprechen Kritiker, meist Nicht-Sportler, von leistungsfeindlichen Strukturen in Sport und Gesellschaft. Das ist eine Verhöhnung der Anstrengungen und Aufopferungen, die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihrem Sportlerdasein auf sich nehmen. Wer es aus Deutschland auch nur zu Olympia schafft, muss an seine Grenzen gehen – oft darüber hinaus.
Natürlich, am Ende zählen Medaillen. Es geht hier nicht um „Dabei sein ist alles“ und „Schade, aber toll gekämpft“. Es geht um die richtige Referenz. Der Vergleich mit gewöhnlichen Arbeitnehmern, mit Wirtschaft und Gesellschaft ist wie ein zehnter Platz für Deutschland im Medaillenspiegel: daneben.
Wer sich im Berufsleben mal zurücklehnt, behält seinen Job. Wer das möchte, kann sogar eine Vier-Tage-Woche bestreiten. Im Sport geht das nicht. Die Athleten haben eng getaktete Trainingspläne, stehen frühmorgens auf, die allermeisten müssen nebenbei noch arbeiten, weil sie nicht wie Fußballer Millionen verdienen. Sie fahren dauernd zu Wettkämpfen, um unbeachtet von einer größeren Öffentlichkeit Europameisterin zu werden und sich für Olympia zu qualifizieren, und müssen sich von Dopingkontrolleuren beim Pinkeln zusehen lassen. Sie verlieren und verletzen sich – müssen wieder aufstehen und zurückkommen. Das muss man wollen.
Die richtige Referenz ist deswegen innerhalb des Sportsystems zu suchen. Die deutsche Sportförderung ist nicht konkurrenzfähig. 2021 kam eine von der Deutschen Sporthilfe beauftragten Studie zu dem Ergebnis, dass 35 Prozent der befragten Spitzensportler sich aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht „hinreichend auf den Sport“ konzentrieren könnten. Unter Olympiateilnehmern lag dieser Wert bei 21 Prozent.
Frankreich hat seine Zuwendungen an den Sport für diese Spiele erheblich aufgestockt, Talente und Teams gezielt darauf hintrainiert. Für den Medaillenerfolg. Insofern kann man sich nur wünschen, dass Olympia in zwölf oder 16 Jahren nach Deutschland kommt. Dann setzen Sportpolitiker und Verbände vielleicht endlich einen groß angelegten Investitionsplan auf, an dem sich die Athleten messen können.
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