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Philosoph Jürgen Werner „Dann stehen wir vor uns selber“

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"Die Langeweile hat viele Gesichter"

Aber stellt sich Langeweile nicht automatisch ein? In den Pausen, in den Lücken zwischen unseren Aktivitäten?
Nicht unbedingt, ich empfinde jedenfalls eine Pause, gerade zwischen anstrengenden Aufgaben, nicht als langweilig, sondern eher als willkommene Möglichkeit, Atem zu holen. Und vergessen wir nicht: Die Langeweile hat viele Gesichter. Es gibt eine Langeweile, in der sich die Zeit dehnt, in der sie uns auf den Leib rückt, je öfter wir auf die Uhr gucken. Aber es gibt auch eine Langeweile, in der die Zeit zum Raum wird, der sich uns öffnet. In der wir eingeladen sind, uns gelöst von dem zu bewegen, was uns sonst bedrängt und beengt – eine beglückende, befreiende Erfahrung.

Bei welchen Gelegenheiten machen Sie solche Erfahrungen?
Bei täglichen Exerzitien. Ich suche seit mehr als vierzig Jahren jeden Morgen einen Ort auf, an dem ich nicht erreichbar bin, wo nichts geschieht. Ich bin einfach da.

Ist das noch Langeweile? Oder eher Muße beziehungsweise Müßiggang?
Was den Müßiggang von der Muße unterscheidet: er langweilt sich mit der Langeweile. Es findet also eine Reduplikation statt. Genau das ist auch der Unterschied zwischen der schlechten und der guten Langeweile.

Ziehen Sie sich zur guten Langeweile auch ins Kloster zurück?
Der Ort ist völlig irrelevant. Ich kann Langeweile im Wald bei einem Spaziergang erleben oder an meinem Urlaubsort. Allerdings sollte die Aufregung der Welt draußen bleiben. Das eigentlich Aufregende beginnt in dem Moment, in dem man von den tausend Dingen, die einen sonst beschäftigen, befreit ist – und möglicherweise vor sich selber steht. Oder vor einer Frage, die lange Zeit verschüttet war, und nach Aufarbeitung verlangt.

Der Philosoph Norbert Bolz spricht von der „Fähigkeit zur Langeweile“.
Ein wichtiger Punkt: Man muss solche Übungen ritualisieren. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, ich würde es auch nicht jedem empfehlen.

Lernt man sich anders, besser kennen in der Langeweile?
Das kann, muss aber nicht sein. Sicher, wer klug ist, wird die Chance, sich kennenzulernen, auch nutzen. Aber wer noch klüger ist, redet nicht darüber.    

Die Romantiker sprachen von der „sehnsuchtsvollen Leere“ der Langeweile. Ist sie das Gegenteil von Fülle?
Gerade das stört mich an vielen Überlegungen zur Langeweile: dass sie immer nur als Gegenbegriff vorgestellt wird. Die arme Langeweile, sie hat es nicht geschafft, sich von ihren leuchtenden Gegenbildern zu befreien, von der Fülle, dem Geist, der Arbeit usw. Aber Langeweile, ich muss es wiederholen, ist eine Dimension eigenen Rechts. Und gerade dadurch, und nicht als Gegensatz zu etwas anderem, ist sie so faszinierend.

Tipps zum richtigen Entspannen

Inzwischen lebt eine ganze Industrie von dem Versprechen, dass die Menschen in den Auszeiten der Entschleunigung, der Muße, der Stille zu sich selbst kommen. Demnächst entdeckt sie vielleicht auch die Langeweile…
…nachdem sie das Thema Achtsamkeit zu Tode geritten hat. Man könnte wahnsinnig werden: Es geht immer darum, etwas zu instrumentalisieren, dass sich gerade nicht instrumentalisieren lässt, wenn man es denn ernst nimmt. Alle quatschen von Achtsamkeit: dass man wieder schlafen, gehen und essen lernen müsse, ohne sich abzulenken, und das „jetzt“ genießen solle, anstatt an morgen und übermorgen zu denken. Ein durch und durch verlogenes Gerede. Die Management-Mode „Achtsamkeit“ verhält sich wie eine Religion, die ihr Geheimnis verloren hat: Sie wird zur Mystik ohne Mysterium.

Sie beraten auch Manager in Krisensituationen. Spielen Langeweile-Erfahrungen in Ihrer Beratungstätigkeit eine Rolle?
So gut wie nie. Beratungsgespräche werden immer unter dem Aspekt der Optimierung geführt: Machen Sie mich schneller, effizienter, stärker! Da hat Langeweile keinen Platz. Man kann einen Manager vom Sinn des Schlafs überzeugen, von heilsamen Unterbrechungen des Arbeitsalltags, die der Erholung dienen. Aber es ist sehr schwer, ihm verständlich zu machen, dass gerade in einer Form der Ineffizienz, wie Langeweile sie darstellt, die höchste Effizienz liegen kann. Selbst wenn er es einsähe – er würde wohl nicht danach handeln. Dabei bin ich davon überzeugt, dass derjenige, der die echte Langeweile sucht und den Ort findet, an dem sie sich einstellt, am Ende auch viel besser wird.

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