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Philosoph Wilhelm SchmidGelassenheit ist eine Frage der Übung

Die Menschen sehnen sich nach Gelassenheit. Davon profitiert auch der Philosoph Wilhelm Schmid, dessen Buch zu dem Thema seit Monaten auf den Bestsellerlisten steht. Warum fällt uns Gelassenheit so schwer?Christopher Schwarz 03.08.2014 - 12:00 Uhr

"Jetzt schreibt einmal jeder auf, was ihn am anderen stört" - kein Scherz, das kann helfen. Karrierecoach Martin Wehrle empfiehlt, Konflikte mittels Stift und Papier zu deeskalieren. Schreiben Sie die gemeinsamen Ziele auf, bevor Sie sich wegen einem kleinen Detail in die Haare kriegen und das große Ganze aus dem Blick verlieren. Die Ziele seien nämlich meist gleich, auch wenn man sich über den Weg uneins sei, sagt Wehrle.

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Zweifel am Chef, Zweifel an den Kollegen, Zweifel an sich selbst. Verzweiflung, Verärgerung, Verunsicherung. "Woran liegt es, dass sich die Gelassenheit aus dem Staub macht?" fragt Katja Niedermeier, Autorin des Ratgebers "Gelassenheit im Job". Sie ist davon überzeugt, dass jeder sein Potential an innerer Ruhe selbst vergrößern kann.

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Selbstbewusstsein

Ihnen ist ein Fehler unterlaufen, es wird Ihnen heiß und kalt. Sie wissen, dass gerade etwas anbrennt und Sie ahnen, dass der Karren mit Schmackes gegen die Wand fährt. Das einzige, was Sie jetzt noch steuern können ist das Selbstwertgefühl, das Sie dabei haben. Wer sich seines eigenen Wertes sicher ist, kann leichter mit Niederlagen umgehen.

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Angst
Der Umgang mit Angstgefühlen ist wichtig. In den seltensten Fällen ist es im Alltag notwendig, Angst zu haben. Enttarnen Sie dieses ominöse Gefühl und ersetzen Sie es durch Vertrauen und Zuversicht. Erfolgreiche Menschen haben keine Angst, denn Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, die Lösung des Problems zu finden.

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Selbstreflexion
Ihre täglichen Begegnungen spiegeln Ihr Selbst, beziehungsweise Ihr Selbstbild. Zumindest die Begegnungen, die Ihre Gefühle beeinflussen. Menschen, die Ihnen auf die Nerven gehen, die Sie verärgern oder ausbremsen, sind nichts weiter als Projektionen. Welche Eigenschaften haben diese Menschen, welche auch Sie haben oder was Sie gern hätten?

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Vergebung
Du liebe Zeit, nun lassen Sie es auch einmal gut sein. Sie vergeuden Ihre Energie, wenn Sie permanent alte Wunden aufreißen, nur um sie dann wieder zu lecken. Üben Sie sich in Nachsicht, überlassen Sie das „Bestrafen“ der höheren Macht und delegieren Sie das Finden des Strafmaßes an selbige. Kümmern Sie sich um das, was gut ist. Und seien Sie nicht immer so streng zu sich selbst.

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Ego
Kein Gekränkt-Sein, kein Verunsichert-Sein, keine Minderwertigkeitskomplexe oder Macht- bzw. Rache-Gelüste ohne das Ego. Anstatt Ihrem Ego zu erlauben, sich wieder und wieder aufzuplustern, sollten Sie lieber Ihr wahres Selbst stärken. Wenn Ihr Selbst größer ist als Ihr Ego, sind Sie gegen sämtliche Kritik gefeit und Energiediebe bleiben Ihnen automatisch fern.

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Herr Professor Schmid, Ihr Buch umfasst gerade mal 120 Seiten, man kann es bequem an einem Nachmittag lesen. Hängt die Kürze des Buchs mit Ihrem Thema zusammen?

Sie hängt vor allem mit unserer Lebenszeit zusammen. Ich begegne immer häufiger Menschen, die mir sagen: „Ich habe nicht genügend Zeit, um eine Woche lang ein Buch zu lesen.“ Und das nehme ich ernst. Auch ich muss mir meine Zeit zusammensuchen für die Lektüre. Insofern komme ich gern den Menschen entgegen, die immer weniger Zeit haben, aber dennoch etwas Interessantes lesen wollen. Da ich schon mehrere so kleine Bücher gemacht habe, bin ich – so glaube ich jedenfalls - einigermaßen geübt darin, auf wenigen Seiten etwas Substanzielles bieten zu können.

Ihr Buch ist also auch eine Frucht der Erfahrung, der späten Jahre?

Ja, natürlich. Ich hätte dieses Buch nicht mit vierzig Jahren schreiben können. Auch nicht ohne den Hintergrund der dicken Bücher, über die ich jahrelang gebrütet habe. Erst jetzt traue ich mir zu, knapper und viel einfacher zu schreiben.

Zur Person
Wilhelm Schmid, geboren 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Im März erschien sein neues Buch „Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“, das seit Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste steht.

Ihr Thema ist die Gelassenheit im Alter: Kann man Gelassenheit wirklich anstreben oder ist sie einem nicht mehr oder weniger gegeben als Charaktermitgift?

Sicher, manche bekommen das mit den Genen oder dem Familienumfeld mit. Andere können es sich erarbeiten. Vorausgesetzt, Gelassenheit erscheint ihnen erstrebenswert.

Wie ist es bei Ihnen?

Ich bin nicht gelassen, aber ich strebe Gelassenheit an. Der Anlass meines Buchs war die Hoffnung, selbst gelassener zu werden. Denn mein 60. Geburtstag hat mich ungelassen werden lassen. Ich bin in eine tiefe Unruhe geraten, wie ich sie lang nicht mehr erlebt habe. Nicht für einen Tag, sondern für mehrere Wochen. Und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich fragte mich, wie ich wieder herausfinde aus diesem traurigen Zustand.

Dass Ihnen das mit Sechzig passiert ist, ist sicher kein Zufall.

Nein, mir ist schlagartig klar geworden, obwohl ich das theoretisch lang schon wusste, dass die Lebenszeit nun überschaubar geworden war. Dass der Tod näher rückte. Dass ich mir Rechenschaft darüber geben musste, wieviel Zeit mir mutmaßlich bleibt für das, was ich noch vorhabe und realisieren möchte.

Nicht nur der Berufs-, sondern auch der Lebenshorizont wird mit Sechzig deutlich sichtbar?

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress
Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)
Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.
Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.
Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.
Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.
Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.
Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.
Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.
Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

Das fällt bei mir zusammen. Ich bin Philosoph, und der geht nicht in den Ruhestand.

Ist Gelassenheit eine Frage der Selbstdisziplin?

Wenn sie nicht schon gegeben ist, ist sie eine Frage der Übung. Vieles können Menschen sich erwerben durch Übung, auch Gelassenheit. In meinem Buch schlage ich zehn Übungen vor, die aus dem alltäglichen, praktischen Leben genommen sind, also leicht fallen können. Aber um gleich einem Missverständnis vorzubeugen, das sich auch bei anderer Gelegenheit gezeigt hat: Ich mache nur Vorschläge und gebe Anregungen, immer vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen. Ich sage niemandem, was er zu tun habe, ich will niemanden überzeugen.

Warum nicht?

Weil ich das nicht kann. Ich weiß ja gerade mal mit knapper Not, was ich zu tun habe. Andere sind in einer ganz anderen Situation, die ich in der Regel nicht kenne. Außerdem ist ein Philosoph kein Papst, der anderen Menschen sagt, was sie tun oder lassen sollen, sogar der gegenwärtige Papst nimmt ja Abstand davon. Philosophie ist nicht dazu da, Wahrheiten zu verkünden, sondern auf der Suche nach der Wahrheit zu sein, das steckt schon im Begriff Philosophie.

Abwarten und aufschreiben

Wenn sich bei Ihnen im Büro die Arbeit ohnehin schon stapelt und der Kollege jetzt auch noch neue Akten anschleppt, die schnellstmöglich bearbeitet werden müssen, steigt das Stresslevel in Sekunden. Da hilft nur Ruhe bewahren und eine Liste machen. Was muss zuerst erledigt werden? Der Rückruf beim Kunden, die E-Mails checken, die alten oder die neuen Akten zuerst? Das Sortieren nach Prioritäten nimmt dem Arbeitsberg seinen Schrecken und Ihnen den Stress. Und das Abhaken erledigter Aufgaben gibt auch noch ein gutes Gefühl.

Foto: Fotolia

Tief durchatmen

Wenn Ihnen alles über den Kopf zu wachsen droht, atmen Sie erst einmal tief durch und beruhigen sich selbst.

1. Machen Sie die Augen zu

2. Atmen Sie tief ein

3. Sagen Sie sich im Stillen (wahlweise*): "Ich werde..."

4. Atmen Sie aus

5. Sagen Sie dabei im Stillen: "...meinen Chef nicht töten."

Nach ein paar Wiederholungen fühlen Sie sich gelassener.

*alternativ geht natürlich auch: "Ich bin total entspannt", "ich werde das schaffen" oder was Sie sonst gerade beschäftigt.

Foto: Fotolia

Sorgen Sie für Ruhe

Da Lärm Stress erzeugt, sollten Sie sich - erst recht in einem Großraumbüro - ab und an Stille gönnen. Also nicht die Kopfhörer mit Musik auf die Ohren setzen, wenn Ihnen das Gebrabbel der Kollegen zu viel wird, sondern lieber Ohrstöpsel nehmen. Auch zu Hause schadet es nicht, Handy, Fernseher und Radio ausgeschaltet zu lassen. Ruhe kann Wunder wirken.

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Sorgen Sie für guten Duft

Wenn es möglich ist, stellen Sie eine Pflanze an ihrem Arbeitsplatz auf, die dezent riecht. Zwischendrin mal die Augen schließen und an einer Rose zu schnuppern, entspannt.

Foto: dpa

Kurze Wutpause einlegen

Und wenn Sie an Ihrem Arbeitsplatz gerade alles kurz und klein schlagen könnten, stehen Sie auf und holen Sie sich einen Kaffee, einen Tee oder Kakao. Trinken Sie den ganz in Ruhe in der Küche oder vor dem Gebäude und genießen Sie die kurze Auszeit. Erst danach sollten Sie zurück an den Schreibtisch.

Foto: Fotolia

Meditation in der Mittagspause

Wer es mit Meditation versuchen möchte, kann das App-sei-Dank mittlerweile sogar von unterwegs. Smartphone-Anwendungen wie "Headspace" bieten Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Tiefenentspannung.

Foto: AP

Bewegung in der Pause

Wem das zu esoterisch ist, dem sei ein wenig Bewegung ans Herz gelegt, das macht den Kopf frei: In der Mittagspause oder nach Feierabend ein paar Runden durch den Park joggen, kann Wunder bewirken.

Foto: dpa

Nach Feierabend bewegen

Wenn es möglich ist, gehen Sie nach der Arbeit zu Fuß nach Hause oder fahren mit dem Rad. Dann müssen Sie sich nicht in überfüllte U-Bahnen oder Busse quetschen und stehen auch nicht ewig im Stau.

Foto: dpa

Entspannen

Wer zu Hause immer noch gestresst ist, sollte sich für 20 Minuten ein heißes Bad gönnen. Duftende Badezusätze helfen, den Stress schneller loszuwerden.

Foto: ZB

Schlafen

Und im Zweifelsfall hilft es, eine Nacht darüber zu schlafen. Vieles sieht am nächsten Tag gar nicht mehr so stressig und unüberwindbar aus.

Foto: Blumenbüro Holland/dpa/gms

Was heißt das für Sie praktisch?

Das, was mir durch den Kopf geht, erst einmal mit anderen zu besprechen. Das sind zunächst die, mit denen ich leben darf, meine Familie. Und dabei habe ich bemerkt, dass das Thema Gelassenheit auch sie beschäftigt. Vorträge und öffentliche Diskussionen im kleinen Rahmen bestätigten dann, was mir vorher noch nicht so klar war: Dass das Thema Gelassenheit viele Menschen geradezu elektrisiert. Dass sie sich nach Gelassenheit sehnen und etwas suchen, wozu es offenkundig wenig Brauchbares gibt. „Was kann ich in dieser Situation anbieten?“, habe ich mich gefragt. Am besten das, so schien es mir, was ich als meinen eigenen Weg erlebt habe, ausgehend von meiner Traurigkeit über den Abschied von den Fünfzigern. Das Buch zeichnet diesen Weg nach. Wenn das für andere Menschen hilfreich ist - und das scheint der Fall zu sein -, dann macht mich das natürlich sehr glücklich.

Stress auf der Arbeit

Wer öfter ausrastet, ist früher tot

von Jana Reiblein

Was sind die wichtigsten Schritte auf diesem Weg?

Ich will nur zwei herausgreifen, von denen ich glaube, dass sie in keinem anderen Buch über Gelassenheit zu finden sind: Erstens die Rolle von Gewohnheiten, die das Leben erleichtern. Jeder kennt das von sich selbst: Warum ziehe ich samstags nicht den Business-Anzug, sondern die alten, ausrangierten Jeans an? Weil ich sie gewohnt bin und darin entspannen kann, weil sie mich gelassener machen. Zweitens, und für viele auf den ersten Blick vielleicht überraschend, die Bedeutung von Berührungen. Auch das lässt sich leicht nachvollziehen: Wenn ich einen Menschen in den Arm nehme, wenn ich von ihm in den Arm genommen werde, entsteht wie von selbst Gelassenheit. Genauso beim Händchenhalten oder beim Streicheln: Es beruhigt, es macht gelassen…

…und kann von jedermann praktiziert werden?

So ist es. Ich versuche Philosoph der Lebenskunst zu sein. Und das heißt, es nicht zu übertreiben mit der Theorie, sondern auf die Lebenspraxis einzugehen, so wie sie sich den Menschen darstellt. Viele Autoren verbinden Gelassenheit mit komplizierten meditativen Anstrengungen und raten dazu, täglich eine Stunde dafür zu opfern. Das ist nicht praktikabel. Ich schlage meines Wissens zum ersten Mal so einfache, anstrengungslose Übungen wie Gewohnheiten und Berührungen vor. Es ist nicht schwer, Gewohnheiten zu pflegen, also beim Frühstück zur Morgenzeitung zu greifen, oder eine Berührung zu suchen und der kranken Mutter die Hand zu reichen. Oder die Lüste zu genießen, die auch im Alter in reichlicher Menge bleiben, Sex zum Beispiel, falls das noch interessant ist, auch für mein Gegenüber.

Studie

Job ist der Stressfaktor Nummer eins

Was unterscheidet die Gelassenheit von der Gemütsruhe, vom Gleichmut, vom coolen Über-den-Dingen-Stehen?

Das ist mir klar geworden beim Aussuchen der Umschlagfarbe für das Buch. Da dachten wir zuerst an eine Farbe, die Ruhe ausstrahlen sollte, an ein Hellblau, die Farbe der Ferne. Nur, hier wirkte sie lächerlich. Wir sind dann zu unserer völligen Überraschung intuitiv bei Rot gelandet, das eben nicht cool wirkt, sondern für lebhafte und belebende Gelassenheit steht. Damit will ich nicht ausschließen, dass es andere legitime Vorstellungen von Gelassenheit geben kann. Auch insofern gilt: Ich schreibe keine normativen, sondern optative Bücher. Soll heißen: Bücher, die Optionen auftun, die den Lesern etwas Neues aufschließen, woran sie noch nicht gedacht haben, oder, soweit sie schon daran gedacht haben, entsprechende Formulierungen dazu finden.

Verstehen Sie Ihr Buch auch als Einübung in das, was wir hinnehmen müssen, weil wir es nicht ändern können?

Können wir das Älterwerden ändern, gar abschaffen? Die Anti-Aging-Vertreter versuchen den Eindruck zu erwecken. Sie versprechen ein erfolgreiches Altern. Dabei endet Altern eigentlich immer erfolgreich.

Schon, aber auf dem Weg dorthin müssen wir einiges einstecken.

Eben. Ich bin fern davon, die Zipperlein und die Schrecklichkeiten des Älterwerdens zu übersehen. Im Gegenteil, ich schaue ihnen ins Auge. Wir kommen aus den Windeln und wir schlüpfen wieder in sie zurück. Ich habe mehr als zehn Jahre nebenbei als Seelsorger in einem Krankenhaus gearbeitet, mit Alten- und Demenzabteilung. Ich weiß, wie schwierig es ist, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Aber noch einmal: Ich schreibe niemandem etwas vor. Wenn jemand nichts hinnehmen möchte, dann soll er halt nichts hinnehmen. Wer gegen den Tod protestieren will, soll es meinetwegen tun. Es scheint mir nur, dass das keine verträgliche Weise ist älter zu werden.

Es gibt viele ältere Leute, die mit dem Älterwerden nicht gelassener, sondern unduldsamer, aggressiver werden. Wäre nicht auch als Untertitel Ihres Buchs „Was wir verlieren, wenn wir älter werden“ möglich gewesen?

Darüber, was wir verlieren, gibt es Bücher in Hülle und Fülle. Dabei ist das einzige, was wir verlieren, das Leben. Sonst eigentlich nichts. Danach könnte es ein anderes Leben geben. Daran glauben aber viele moderne Menschen nicht. Die Lebenszeit ihres einzigen Lebens wird aber immer knapper, wo sie doch noch so viel vorhaben. Das erzeugt Stress. Stress macht unduldsam und aggressiv.

Eine Anleitung, wütend zu werden, ist wahrscheinlich viel leichter zu schreiben, als ein Plädoyer für die Gelassenheit – woran liegt das?

Da ist eine Menge Kraft ganz von selbst da. Ich habe selbst zuallererst ein ziemlich wütendes Manuskript über das Älterwerden geschrieben. Einziges Überbleibsel davon ist die Bemerkung im Vorwort meines neuen Buchs, ich wolle kein Wutgreis werden. Dann habe ich mich in Gelassenheit versucht, das fand ich schöner.

Warum fällt uns die Gelassenheit, obwohl wir sie theoretisch loben, praktisch so schwer?

Weil wir nicht in einer Zeit der Gelassenheit leben. Im Gegenteil: Wir leben in einer Zeit der Umtriebigkeit, des Aktivismus, des Optimismus – in dem Glauben, dass alle Probleme der Welt und des Lebens sich mit wissenschaftlichen Mitteln lösen lassen. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass das ein Irrtum ist. Viele Dinge lassen sich verbessern, aber die größten Probleme können wir nicht aus der Welt schaffen.

Gelassenheit als Rückzug von der Welt und ihren Problemen?

Ich kenne den Vorwurf, der mir gemacht wird: Mit allem einverstanden zu sein. Nein, ich bin nicht mit allem einverstanden, nicht mit Putin und nicht damit, dass bei uns Altersarmut droht. Ich bin auch nicht damit einverstanden, dass die ökologische Zerstörung unseres Planeten weiter geht, und tue das meine, um daran etwas zu ändern, aber nicht mit grimmigem Blick und mit fletschenden Zähnen. 

Herr Professor Schmid, Sie leben, wie ich einer biographischen Notiz in Ihrem Buch entnehme, als freier Philosoph in Berlin und  sind außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Warum blenden die akademischen Philosophen systematisch jene Grundfragen des Lebens aus, die Sie seit Jahren mit so großem Erfolg bearbeiten?

Weil sie die Lebensrealität generell ausblenden. Beginnend mit der Lebensrealität, dass sie bezahlt werden von der Gesellschaft und keine Lust haben, dafür auch zu liefern. Es steht jedem frei nicht zu liefern. Aber dafür Geld einzufordern von den Menschen, für die man nicht liefert, finde ich reichlich unverschämt.

Die Universitätsphilosophie verfehlt ihr Thema?

Es hat ja Gründe, warum die Lehrstühle für Philosophie in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte zusammengestrichen worden sind.

Weil uns die Professoren nichts mehr zu sagen haben?

Richtig. Das heißt nicht, dass es uninteressant sei, was sie machen. Aber das sollen sie doch bitte schön privat machen. Ihren öffentlichen Auftrag verfehlt die akademische Philosophie.

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