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Philosoph Wilhelm Schmid Gelassenheit ist eine Frage der Übung

Die Menschen sehnen sich nach Gelassenheit. Davon profitiert auch der Philosoph Wilhelm Schmid, dessen Buch zu dem Thema seit Monaten auf den Bestsellerlisten steht. Warum fällt uns Gelassenheit so schwer?

Tipps für mehr Gelassenheit im Beruf
Eine Feder eines Füllfederhalters Quelle: Fotolia
Mann am Schreibtisch Quelle: dpa-tmn
Lächelnde Frau Quelle: Fotolia
Eine depressive Frau an ihrem Arbeitsplatz Quelle: dpa
Junge Frau mit einem nicht echten Loch im Kopf Quelle: Fotolia
Hände Quelle: Fotolia
Strenge frau Quelle: Fotolia

Herr Professor Schmid, Ihr Buch umfasst gerade mal 120 Seiten, man kann es bequem an einem Nachmittag lesen. Hängt die Kürze des Buchs mit Ihrem Thema zusammen?

Sie hängt vor allem mit unserer Lebenszeit zusammen. Ich begegne immer häufiger Menschen, die mir sagen: „Ich habe nicht genügend Zeit, um eine Woche lang ein Buch zu lesen.“ Und das nehme ich ernst. Auch ich muss mir meine Zeit zusammensuchen für die Lektüre. Insofern komme ich gern den Menschen entgegen, die immer weniger Zeit haben, aber dennoch etwas Interessantes lesen wollen. Da ich schon mehrere so kleine Bücher gemacht habe, bin ich – so glaube ich jedenfalls - einigermaßen geübt darin, auf wenigen Seiten etwas Substanzielles bieten zu können.

Ihr Buch ist also auch eine Frucht der Erfahrung, der späten Jahre?

Ja, natürlich. Ich hätte dieses Buch nicht mit vierzig Jahren schreiben können. Auch nicht ohne den Hintergrund der dicken Bücher, über die ich jahrelang gebrütet habe. Erst jetzt traue ich mir zu, knapper und viel einfacher zu schreiben.

Zur Person

Ihr Thema ist die Gelassenheit im Alter: Kann man Gelassenheit wirklich anstreben oder ist sie einem nicht mehr oder weniger gegeben als Charaktermitgift?

Sicher, manche bekommen das mit den Genen oder dem Familienumfeld mit. Andere können es sich erarbeiten. Vorausgesetzt, Gelassenheit erscheint ihnen erstrebenswert.

Wie ist es bei Ihnen?

Ich bin nicht gelassen, aber ich strebe Gelassenheit an. Der Anlass meines Buchs war die Hoffnung, selbst gelassener zu werden. Denn mein 60. Geburtstag hat mich ungelassen werden lassen. Ich bin in eine tiefe Unruhe geraten, wie ich sie lang nicht mehr erlebt habe. Nicht für einen Tag, sondern für mehrere Wochen. Und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich fragte mich, wie ich wieder herausfinde aus diesem traurigen Zustand.

Dass Ihnen das mit Sechzig passiert ist, ist sicher kein Zufall.

Nein, mir ist schlagartig klar geworden, obwohl ich das theoretisch lang schon wusste, dass die Lebenszeit nun überschaubar geworden war. Dass der Tod näher rückte. Dass ich mir Rechenschaft darüber geben musste, wieviel Zeit mir mutmaßlich bleibt für das, was ich noch vorhabe und realisieren möchte.

Nicht nur der Berufs-, sondern auch der Lebenshorizont wird mit Sechzig deutlich sichtbar?

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Das fällt bei mir zusammen. Ich bin Philosoph, und der geht nicht in den Ruhestand.

Ist Gelassenheit eine Frage der Selbstdisziplin?

Wenn sie nicht schon gegeben ist, ist sie eine Frage der Übung. Vieles können Menschen sich erwerben durch Übung, auch Gelassenheit. In meinem Buch schlage ich zehn Übungen vor, die aus dem alltäglichen, praktischen Leben genommen sind, also leicht fallen können. Aber um gleich einem Missverständnis vorzubeugen, das sich auch bei anderer Gelegenheit gezeigt hat: Ich mache nur Vorschläge und gebe Anregungen, immer vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen. Ich sage niemandem, was er zu tun habe, ich will niemanden überzeugen.

Warum nicht?

Weil ich das nicht kann. Ich weiß ja gerade mal mit knapper Not, was ich zu tun habe. Andere sind in einer ganz anderen Situation, die ich in der Regel nicht kenne. Außerdem ist ein Philosoph kein Papst, der anderen Menschen sagt, was sie tun oder lassen sollen, sogar der gegenwärtige Papst nimmt ja Abstand davon. Philosophie ist nicht dazu da, Wahrheiten zu verkünden, sondern auf der Suche nach der Wahrheit zu sein, das steckt schon im Begriff Philosophie.

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