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Schnaps Die Renaissance des Selbstgebrannten

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Schöne neue Trinkwelt

„Craft Spirits profitieren vom Trend zum Individuellen“, sagt Brandes. Wobei sie zugeben muss: Diese Schnäpse schmecken nicht jedem, man erkennt immer auch die Handschrift des Brenners. Und das muss auch so sein, denn: Massengeschmack ist das Kennzeichen der industriell hergestellten Genussmittel, im Handwerk lebe das Einzigartige.

Zwar sinkt der durchschnittliche Schnaps-Konsum der Bundesbürger seit Jahren – 1980 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei acht Liter, 2013 nur noch bei 5,5 Liter jährlich. Doch das geht vor allem auf den sinkenden Absatz einiger Sorten zurück. Ein Pinnchen Korn trinkt kaum noch jemand. Gin Tonic, Wodka Lemon und Whiskey Sour können das noch nicht ausgleichen.

Hinzu kommt: Die Konsumenten kaufen zwar weniger, aber hochwertiger. „Früher hatte jeder Haushalt irgendeinen Korn im Schrank, aber eben auch nur irgendeinen“, sagt Brandes, die ein Buch über die neue Schnaps-Bewegung geschrieben hat.

„Heute sind die Flaschen in der Hausbar auch Statussymbol, für die der Liebhaber gerne etwas mehr hinblättert“, sagt Brandes. Kostet eine Flasche des industriegefertigten Gordon’s Gin rund zehn Euro, zahlt man für den halben Liter des mit Lindenblüten versetzten Siegfried Gin knapp 30 Euro.

Teuer, aber gut

Das gleiche Phänomen zeigte sich auch beim Craft Beer. Deutlich teurer als ein Beck’s, kauften es die Menschen trotzdem. Gerade in den Vereinigten Staaten hat sich der Verkauf von Gerstensaft aus unabhängigen Brauereien zu einem eigenen kleinen Industriezweig entwickelt.

Laut amerikanischem Branchenverband gibt es mittlerweile mehr als 3400 Mikrobrauereien in den USA. Im vergangenen Jahr hatten sie einen Marktanteil von elf Prozent. Zum Vergleich: 2002 lag er noch bei etwas mehr als zwei Prozent. Auch hierzulande ist der Durst auf Selbstgebrautes groß: 677 kleine Brauereien zählte der Verband der europäischen Brauwirtschaft zuletzt.

Handgeprüft: Peter-Josef Schütz gehört zu den besten Destillateuren Deutschlands. Quelle: David Klammer für WirtschaftsWoche

Dass sich mit ungewöhnlichen Spirituosen Geld verdienen lässt, muss man Betriebswirt Anton Stetter nicht erzählen. Sechs Millionen Euro setzten er und sein Bruder Florian mit ihrem bayrischen „Slyrs Whisky“ im vergangenem Jahr um. Die beiden Brüder gehören zu den Craft-Spirits-Pionieren. Destillateur-Meister Florian Stetter kehrte bereits Ende der Neunzigerjahre aus dem Schottland-Urlaub mit einer Idee im Gepäck nach Hause ins oberbayrische Schliersee zurück: ein eigener Whisky sollte es sein. Bruder Anton war sofort begeistert, die Banken weniger. „Heute würde man sagen, wir haben Crowdfunding betrieben“, sagt er. „Aber eigentlich haben wir nur unsere Bekannten dazu gebracht, in unsere Idee zu investieren.“

Kurz darauf bauten die beiden Brüder, die damals schon die alte Obst-Destillerie ihres Großvaters führten, ihre eigene Whisky-Brennerei. Bis heute werden nur Zutaten aus der Region verwendet – Quellwasser und bayrischer Malz. Mittlerweile produzieren sie rund 100.000 Flaschen pro Jahr. Und sie expandieren fleißig. Neben zahlreichen Sondereditionen, die vor allem unter Sammlern beliebt sind, bringen die Brüder im Herbst eine neue Sorte heraus: 51 Prozent soll er heißen. Eine extra starke Spirituose für den nordchinesischen Markt. 15 Prozent des Umsatzes erwirtschaften die Stetters dort schon.

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