Visitenkarten Worauf es bei der Visitenkarte ankommt

"I’m CEO, bitch", ließ sich Facebook-Chef Zuckerberg einst auf die Visitenkarten drucken. Mittlerweile nutzt er eine erwachsene Version. Denn Visitenkarten haben immer noch ihren Sinn. Selbst Nerds entdecken sie wieder.

Der Visitenkarten-Knigge
Die Geschichte der heutigen Visitenkarte führt zurück ins 15. Jahrhundert: Schon damals wurden kleine Kärtchen mit geschriebenen Informationen in verschiedensten Formaten überreicht – mal dienten sie für offizielle Ankündigungen, mal waren sie Überbringer von formellen Botschaften. In Japan wurde die örtliche Bevölkerung mit den kleinen Karten ("Meishi") über anstehende königliche Besuche informiert. Quelle: REUTERS
Im 17. Jahrhundert etablierte sich im industriell wachsenden London die sogenannte Gewerbekarte. Diese wurde als Vorläufer der heutigen Visitenkarte an Klienten und potentielle Kunden der örtlichen Geschäfte verteilt und diente teilweise auch als Werbemittel, Wegweiser, Rechnung oder Todesanzeige. Quelle: REUTERS
Die "Carte de Visite" setzte sich dann im 19. Jahrhundert in Paris durch. Üblicherweise waren auf einem Stück Karton ein kleines Foto sowie die Kontaktdaten des Absenders abgebildet. Der französische Fotograf André Adolphe-Eugène Disdéri patentierte die Karte im Jahr 1854. Einige Jahre später wurde die "Carte de Visite" dann von der etwas größeren Kabinettkarte abgelöst. Quelle: Reuters
Viele der früheren Werte haben bis heute Bestand – und doch haben sich auch regionale Unterschiede herauskristallisiert. So ist es in Asien üblich, eine Visitenkarte mit beiden Händen und einer Verbeugung entgegenzunehmen und sie genau zu studieren. Danach sollte sie achtsam zur Seite gelegt werden. Quelle: REUTERS
In Japan und China gilt es außerdem als besonders grober Fauxpas, die Visitenkarte direkt in die Hosen- oder Gesäßtasche zu stecken. Wenn Japaner regelmäßigen Kontakt mit Ausländern pflegen, verwenden sie in der Regel eine zweisprachige Karte, auf der eine englische Übersetzung zu finden ist. Quelle: Fotolia
Auch in Amerika gehen die Uhren anders: Wer beruflich in den USA tätig ist, muss aufpassen, wann er welche Visitenkarte vorzeigt. Wenn der Mitarbeiter Angestellter eines US-Unternehmens ist, sollte er sich nicht mit der deutschen Visitenkarte vorstellen. Der Gesprächspartner hat sonst den Eindruck, er wäre unmittelbar mit der deutschen Niederlassung in Kontakt getreten und das deutsche Unternehmen sei folglich für alle Folgen des Gesprächs verantwortlich. Quelle: Fotolia
Um bei Geschäftspartnern oder im Bewerbungsgespräch einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, sollte die Visitenkarte außergewöhnlich gestaltet sein. Eine individuelle Karte lässt sich zugleich als Taschenportfolio nutzen und präsentiert neuen Kontakten somit verschiedene Aspekte des eigenen Portfolios oder der Produktpalette.

Hand aufs Herz: Ein bisschen peinlich ist es schon, wenn man bei wichtigen Terminen seine Visitenkarten vergisst und zur Entschuldigung murmelt: „Ich maile Ihnen meine Daten.“ Warum? Weil man damit gegen eine uralte Regel verstößt, gegen ein Grundgesetz des Zusammenlebens: dass eine Gabe erwidert wird. Geben, Annehmen und Erwidern, in diesem Dreischritt, so erzählen die Soziologen, vollzieht sich das soziale Leben, vergewissern sich Menschen ihrer wechselseitigen Anerkennung – seit es Menschen gibt.

Zum Beispiel die Melanesier von den Trobriand-Inseln im westlichen Pazifik: Beim Kula-Tausch ließen die Häuptlinge Halsketten zirkulieren, deren Weitergabe freundschaftliche Gefühle unter den Insulanern hervorrufen sollte. Eine archaische Form des Tauschs, die sich unschwer in den Grußritualen der Geschäftswelt wiedererkennen lässt. Nur dass hier bei Nichterwidern keine Kriegserklärung droht. Ansonsten gilt: „Die Visitenkarte ist ein modernes Kula.“

Eine Transaktion wird zur Geschäftsbeziehung

So deutet sie der in Witten/Herdecke lehrende Philosoph und Managerberater Jürgen Werner. Auch in Zeiten digitalen Datentauschs habe das Hin und Her, das Geben und Nehmen der Karten, seinen humanen Sinn. Der Kartentausch zwischen zwei Geschäftsleuten verweise nämlich „auf etwas Drittes“. Er verwandle eine „Transaktion in eine Beziehung“. Indem wir unsere Visitenkarte reichen, so Werner, „öffnen wir uns dem anderen“ – und dürfen erwarten, dass unser Gegenüber sich uns ebenso öffnet. Visitenkarten sind, nach dem Gruß, die „zweite Gabe“. Ihre Botschaft: „Halte mich im Gedächtnis!“ „Damit du mich nicht vergisst, hinterlasse ich dir, wie ich heiße, was ich mache, welche Firma ich vertrete, wie man mich erreichen kann.“

Zur Entstehung der Visitenkarte

Warum Visitenkarten, diese harmlosen, kleinen, viereckigen Kartons, besondere Gaben sind? Weil bei ihnen Person und Sache ineinander übergehen, weil man im Akt des Gebens, wie Jürgen Werner sagt, „sich selber schenkt“, mit seinem Namen und dem Namen des Unternehmens, das man repräsentiert. Am Tausch-Zeremoniell, das die Chinesen veranstalten, ist die Symbolik dieses Transfers deutlich erkennbar: Man hält die eigene Karte mit beiden Händen in Brusthöhe, deutet eine Verbeugung an, überreicht die Karte dem anderen und nimmt im Gegenzug dessen Karte entgegen, die man andächtig studiert, bevor man sie in der Westentasche verschwinden lässt.

Auch in Europa ist der Gabencharakter, das Zeremonielle des Kartentauschs, noch erkennbar. Man überreicht seine Visitenkarte bei einem Meeting nicht irgendwie, sondern „im Stehen“, sagt Hubertus Graf Douglas, Deutschland-Chef der Personalberatung Korn Ferry. Karten gehören in der Geschäftswelt zum „Begrüßungsritual“, seien ein „integraler Teil des gegenseitigen Sich-Vorstellens“, vor allem: eine „Bestätigung der eigenen Position gegenüber Dritten“. Wer zum Vorstand befördert wird, bekommt neue Visitenkarten. Sie funktionieren, so Douglas, „wie der Name auf der linken Brusttasche und die Schulterklappen beim Militär“: Sie sagen, wen man vor sich hat und welchen Rang er bekleidet.

Dandys und andere Große

Das ist ihr Sinn, seit Ende des 17. Jahrhunderts, als die Visitenkarte eingeführt wurde, im Milieu der französischen Kaufleute. Händler, die etwas auf sich hielten, schmückten ihre Visitenkarten mit Wappen und Wahlsprüchen. Wer seine Antrittsvisite machte, gab dem Diener seine Karte mit Namen und Adresse, die er an die Herrschaft weiterreichte, wobei der Anlass des Besuchs auf der Karte vermerkt war. Etwa handschriftlich mit der Abkürzung „p. p. – pour présenter“ oder einem speziellen Knick in der Karte. Sogar Handwerker präsentierten Karten mit berufstypischem Zubehör oder allegorischen Hinweisen auf ihre Zunft.

Und natürlich, Parvenüs polierten ihre Herkunft mit geborgten Titeln auf. In seinem Roman „Glanz und Elend der Kurtisanen“, einem Panorama der mondänen Pariser Gesellschaft, lässt Balzac den angehenden Dandy Georges Destourny auftreten, der, wie es heißt, „seinen Namen folgendermaßen auf seine Visitenkarte drucken ließ: ‚Georges D’Estourny‘. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Anhauch von Aristokratie.“

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