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Werner knallhart
Corona: Ein Mann in Italien trägt seine Maske falsch. Der Mundschutz hängt am Kinn, die Nase guckt raus. Quelle: REUTERS

Nasen-Depp, Nies-Lüpfer, Corona-Streber: Welcher Masken-Typ sind Sie?

Jetzt geht doch tatsächlich schon die Diskussion um die Abschaffung der Maskenpflicht los. Für die einen ist sie das Gegenteil von Freiheit. Für die anderen gelebte Solidarität. Und wieder andere vergessen ständig, dass sie zwei Nasenlöcher haben. Zu welcher Kategorie gehören Sie?

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Erinnern Sie sich noch an das allererste Mal im Leben, als Sie mit einem Mund-Nase-Schutz nach draußen gegangen sind? Bei mir war es so: Ein Freund von mir, der Maßschneider ist, hat sich mit mir in einem Café getroffen, um mir eine selbst geschneiderte Maske zu übergeben. Meine erste Maske. Was wurden wir angestarrt. Erst nur wegen der Maske. Aber dann kippte sich mein Kumpel seine heiße Schokolade mit Sahne in einem großen Schwall unter seinem Kinn durch auf sein blütenweißes Lieblingshemd. Und wieder starrten alle. Das war mein erster Masken-Moment.

Masken-Starren. So was von Frühling 2020. Als Masken noch offiziell nutzlos waren. Seit Einführung der Maskenpflicht ist es mir nur ein einziges Mal passiert, dass ich mich ermahnen lassen musste. Ich hatte gerade einen Fuß auf die Türschwelle eines Restaurants gesetzt. Bäng: „Oh, kannst du bitte die Maske...“
Ich würde deshalb von mir selbst sagen: Ja, ich gehöre in die:

Kategorie 1: Die Corona-Streber

Die haben immer eine Maske dabei und die zwei anderen trocknen gerade auf der Wäscheleine zu Hause, nachdem sie bei 60 Grad und mit Sagrotan-Hygienewaschmittel durchgewaschen wurden.
Und für die ganz harten Lebenslagen (dazu gehören heute zum Beispiel Aufzugfahren, am Samstag ein Paket bei der Post abgeben - und natürlich die Rolltreppe bei Karstadt, weil Menschen auf Rolltreppen offenbar so fokussiert darauf sind, sich beim Betreten nicht auf die Schnauze zu legen, dass ihnen das Gefühl für die Entfernung von 150 cm abhanden kommt), also für diese Lebenslagen haben Corona-Streber doch tatsächlich irgendwo eine FFP2-Maske aufgetrieben, die sie abends mit Salatbesteck über dem Wasserdampf desinfizieren, während die anderen Netflix gucken.

Lassen Sie mich raten: Wenn Sie sich auch zu den Maskenstrebern zählen, dann haben Sie noch direkt nachts wenige Minuten nach dem Release die Corona-Warn-App geladen, haben auch schon vor Corona lieber mit Karte bezahlt, weil Bargeld einfach eklig ist. Und wenn sie sonntags vergessen haben, Ihre Zähne mit Elmex Gelee zu putzen, wie die Zahnärztin empfohlen hat, dann können Sie nicht einschlafen.

Kategorie 2: Die Nasendeppen

Die Nasendeppen zeigen uns allen, wo wir als Gemeinschaft intellektuell an unsere Grenzen stoßen. Da sitzt mir neulich im ICE schräg gegenüber ein Mann Ende Vierzig, gut gekleidet, tief versunken im Bildschirm seines Laptops, die Maske über eine Stunde lang stoisch überm geschlossenen Mund. Die Nase frei. Weil man dann ja besser durchatmen kann.

Und ich sitze da und denke mir: Soll ich was sagen? Aber was, wenn der dann erkennt, dass ich ein Corona-Streber bin? Und dann wechsele ich einfach von Stufe Alltag auf FFP2, gucke aus dem Fenster und denke: Nasendeppen belegen, dass die Solidarität in unserer Gesellschaft für viele sehr niedrig gesteckte Grenzen hat. Weil die Leute nicht immer geistig parat haben, dass da im blödesten Fall in ihrer Nase zwei haarige, dampfende Corona-Düsen sitzen. Kennen Sie die Netz massenhaft geteilte Karikatur, die zeigt, wie Männer, die ihre Nase oben aus der Maske raushängen lassen, wohl ihre Unterhose tragen? Naja.

Nasendeppen fummeln auch bei Lidl die Schokocroissants ohne Zange mit bloßen Händen aus der SB-Theke und setzen sich in der Hotelsauna mit nacktem Hintern auf die Holzlatten.

Kategorie 3: Die Solidaritäts-Totalverweigerer

Neulich im Supermarkt: Ein Pärchen Anfang 30 betritt den Laden artig mit Maske, läuft ein paar Meter vom Security-Mann an der Tür weg und dann ziehen sich beide an der Auslage mit dem offenen Gemüse und Obst die Masken runter. Als eine Art Kinnschmuck unterm Mund. Und am Tratschen und Feixen. Ich (wirklich so nett, wie mir meine Verzweiflung noch gestattet): „Ach, setzen Sie doch bitte Ihre Masken auf. Einfach aus Solidarität.“ Seine Antwort: „Wieso? Dahinten sind auch welche ohne Maske.“ Er deutet auf ein paar Typen von seinem Schlag. Der Schlag Leute, die es als Kampf für ihre persönliche Freiheit begreifen, ohne vernünftigen Grund auf Kosten der anderen ihr Ding zu machen. Die persönliche Freiheit, mit einer babyblauen Papiermaske am Kinn herumzulaufen. Ich kenne dieses Bedürfnis, sich ohne Argumente aufzubäumen, von mir. Als ich fünf Jahre alt war.



Solidaritäts-Verweigerer fahren bestimmt auch in ihrer Freizeit gerne mit 70 durch die 30er-Zone immer um den Block und lassen sicher nach dem Grillen im Park die Alufolie liegen. Warum? Weil sie die Macht dazu haben.

Eine Corona-Parallelgesellschaft. Maske nur solange, bis Sicherheitsdienste und Kontrolleure wieder weggucken. Wenn Sie solche Selbstverwirklicher kennenlernen wollen, dann fahren Sie mal U-Bahn in Berlin. Am Wochenende kommen Sie sich mit Maske mitunter vor wie ein Außenseiter.

Kategorie 4: Die Masken-Lüpfer

Ich gebe zu: Einen sich anbahnenden Nieser einfach so in die Maske donnern zu lassen, das fühlt sich am Anfang so an, als wenn man im Krankenhaus unter der warmen Decke in die Bettpfanne pullern soll. Alles in einem sträubt sich dagegen. Es passt nicht. Die Maske soll doch sauber bleiben.

Aber es gibt Leute, die sich diesem Reflex tatsächlich hingeben. Die sich die Maske zum Niesen vom Gesicht reißen. Weil sie sie doch gerade erst gestern gewaschen haben. Genauso könnte barfuß durch Glasscherben laufen, um die Schuhsohlen zu schonen. Mit dem einen Unterschied: Die Maske schützt andere.

In der Stadtbahn habe ich neulich eine Diskussion mitgehört: „Wieso nehmen Sie die Maske immer dann runter, wenn Sie mit Ihrer Bekannten reden?“
„Ja, man versteht mich ja so schlecht mit der Maske.“ Och, Kinners. Dann bleibt zu Hause.

Ich wette, Masken-Lüpfer diskutieren auch an der Flughafen-Sicherheitskontrolle: „Aber die Hautcreme gab es nur in 200 Milliliter.“ Weil eine Regel ja nicht auch dann gelten kann, wenn sie für einen gerade echt blöd ist.

Kategorie 5: Die Fashion-Victims

„Oh Gott, ich habe heute Abend ein Dinnerdate beim Italiener und habe keine passende Maske.“
Das ist der Nachteil der Abschaffung von Kontaktverboten. Man muss sich wieder Gedanken über seine Garderobe machen. Und obendrauf kommt jetzt noch der Mund-Nase-Schutz. Anfangs haben wir uns alle ja um den Kopf geknotet, was wir kriegen konnten.

Aber jetzt herrscht dieser Sozialdruck. Langsam wirkt die blaue Einweg-Papiermaske, als würden wir im Schlafanzug zum Bäcker gehen. Und warum sollten auf Dauer für eine Maske andere Maßstäbe gelten als für einen Schal, für Handschuhe oder eine Mütze? Die Maske muss zum Ganzen passen.

Gucken Sie mal bei Insta, wie die Leute dort ihre Edel-Masken feiern. Und die zwischendurch runtergezogene Maske locker am Hals ist der Vollbart der 20er-Jahre. Und ist selbst mit Markenlabel viel billiger als Angebersneaker.

Fällt schon jetzt die Maskenpflicht, wird die zweite Welle zumindest wahrscheinlicher und dann kommen wieder die Masken. Es lohnt sich so gesehen also in jedem Fall, jetzt in ein zeitloses Alltagsmasken-Premiummodel zu investieren.

Ich glaube: Bis wir alle durchgeimpft sind, wird sich die Maske als Mode-Accessoire fest etablieren. Und keine Maske zu tragen, dort wo es von den anderen erwartet wird, das wird sich anfühlen, wie mit offenem Hosenstall von der Toilette zu kommen. Es ist einfach ein Faux-pas.

Und letztendlich: Wer früher raushängen lassen wollte, wie blöd er uns alle und das „System“ findet, der musste früher mit dem Edding U-Bahn-Innenwände bekritzeln oder trotz Rauchverbot rauchen. Heute lässt er einfach seine Maske weg. Corona macht ganz viel komplizierter, aber auch manches ganz einfach. Allein schon dafür muss die Maskenpflicht bleiben.

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