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Anlagebetrug Wenn Anleger Verleumdern folgen - erst twittern, dann zittern

Spekulanten und Betrüger bewegen und manipulieren Aktienkurse über soziale Medien. Mit Tweets etwa verunsichern sie Aktionäre und treiben sie zum Verkauf. Doch Ermittlungen laufen oft ins Leere.

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Quelle: Illustration: Nate Kitch

Wenn Andrew Left Twitter-Meldungen verschickt, dann zittern Manager. Der Chef von Citron-Research spekuliert auf fallende Kurse und schießt dafür Unternehmen medienwirksam an. US-Chiphersteller Nvidia sei eine Kasino-Aktie, schreibt er in einem Tweet am 9. Juni. Kursziel: 130 Dollar. Prompt fällt Nvidia von 160 auf 143 Dollar.

Left ist beim Twittern ähnlich ruppig wie US-Präsident Donald Trump – und nimmt es mit der Wahrheit manchmal ähnlich ungenau. Im vergangenen Jahr wurde er von der Hongkong Securities and Futures Commission für fünf Jahre vom Börsenhandel ausgeschlossen, weil er 2012 behauptet hatte, das chinesische Unternehmen Evergrande Real Estate Group wäre pleite – eine Ente. Left fühlt sich von den Chinesen ungerecht behandelt, seine kritische Analyse des Unternehmens sei fundiert gewesen.

Immerhin: Left ist kein Phantom, er existiert tatsächlich und nutzt seinen echten Namen. Viele seiner Warnungen sind überspitzt, haben aber eine reale Basis. Das ist in den sozialen Netzwerken längst nicht mehr die Regel. Mit Tarnnamen, gefälschten Twitter-Konten, viel krimineller Energie und noch mehr Durchschlagskraft versuchen Betrüger, Anleger dazu zu animieren, Aktien zu kaufen oder zu verkaufen, um Kurse in die von ihnen gewünschte Richtung zu bewegen. Viele Konten stammen nicht mal mehr von echten Menschen. Laut einer Studie der Universität South California sollen 15 Prozent der Twitter-Konten bereits automatisch von Computern gesteuert sein. Hinter den Tweets stecken keine Menschen, sondern Bots. Über die lassen sich falsche Nachrichten besonders leicht streuen. Börsenbriefe? Das war einmal. Inzwischen reichen bei Twitter und auf anderen Kanälen wenige Worte, um Unternehmen in die Knie zu zwingen.

Kurs Aurelius (Euro), Zahl der Meldungen in den sozialen Medien über Aurelius. Für eine vollständige Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Grund dafür ist das rasante Wachstum der sozialen Medien. 2010 gab es dort weltweit rund 10 000 börsenrelevante Meldungen pro Tag, derzeit sind es eine Million, hat das Bonner Unternehmen Stockpulse ermittelt. Betrüger, die ihre Geschichten über soziale Medien verbreiten, haben juristisch meist wenig zu befürchten. Einen Verdacht zu streuen ist nicht strafbar. „Nur wer Manager verleumdet oder falsche Fakten über Unternehmen verbreitet, kann in der Regel belangt werden“, sagt Anwalt Peter Mattil.

Erwischt werden die Betrüger meist nur von US-Behörden. Im April deckte die US-Börsenaufsicht SEC ein Netzwerk von 27 Personen und Unternehmen auf, die über den Twitter-Account eines Investor-Relations-Dienstleisters bezahlte Aktientipps verbreitet haben. Unter Decknamen wie Equity Options Guru oder Wonderful Wizard streuten sie Analysen, die so aussahen, als stammten sie von Internetbörsenseiten wie Seeking Alpha oder Benzinga.

Zweifel säen, Gewinne ernten

Viel schwerer als Betrug ist Marktmanipulation aus Profitgier nachzuweisen. So kommt die Staatsanwaltschaft München im Fall des deutschen Unternehmens Wirecard nach eigenen Angaben nur mühsam voran. Wirecard war 2016 von der bis dato unbekannten Research-Firma Zatarra mit Betrugsvorwürfen im Internet attackiert worden. Wer hinter Zatarra steckt, ist bis heute unklar.

Derweil warnt die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin, dass Spekulanten mit negativen Meldungen via soziale Medien weitere Kurse manipulieren könnten. Sie würden mit Wetten auf Kursstürze gezielt profitieren. Im Börsenjargon heißen diese Wetten Shortselling.

Hintergrund der BaFin-Warnung waren Angriffe des Hedgefonds Gotham City auf das deutsche Private-Equity-Unternehmen Aurelius. Mit kritischen Analysen, die der Shortseller auch über soziale Medien verbreitete, drückte er den Aurelius-Kurs Ende März um fast 50 Prozent (siehe Grafik). Das Spiel ging im April weiter: Da ging Gotham Vorstandschef Dirk Markus persönlich an:

Gotham unterstellte dem Aurelius-Chef, er habe einen Abschluss der US-Eliteuniversität Harvard vorgegaukelt. Suggestiv fragte Gotham, ob man Markus noch trauen könne.

Die Zeit zum Überprüfen fehlt

Tatsächlich hatte Markus nur ein Gastsemester in Harvard verbracht. Aurelius spricht von einer missverständlichen englischen Übersetzung des Lebenslaufs, die inzwischen geändert worden sei. Für die Aktionäre war der Konflikt alles andere als lustig. Binnen weniger Tage löste sich fast eine Milliarde Euro Börsenwert in Luft auf.

Der Ausverkauf wurde von heftigem Gewitter in den sozialen Medien begleitet. Die Anzahl der Meldungen zu Aurelius sprang Ende März auf rund 600. Die BaFin prüft, ob es Belege für Marktmanipulation gibt.

Bereits im vergangenen Jahr wurde das deutsche Unternehmen Ströer Opfer eines Angriffs des Hedgefonds Muddy Waters. Der Spekulant zweifelte die Glaubwürdigkeit von Aufsichtsrat Dirk Ströer an.

Kurs soziales Netzwerk Cynk (in Dollar). Für eine vollständige Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Ströer, so Muddy Waters, soll Aktien im Wert von 30 Millionen Euro verkauft haben, obwohl das Unternehmen weitere Verkäufe von Insidern ausgeschlossen habe.

Das Unternehmen äußert sich nicht direkt zum Aktienverkauf. Dirk Ströer habe als Sohn des Gründers keinen Einfluss aufs operative Geschäft. Der Tweet von Muddy Waters sei nach Abschluss der Wetten auf fallende Kurse verbreitet worden. Der negative Bericht sowie der Verkauf geliehener Aktien hätten den Kurs gedrückt.

Weil mittlerweile auch automatische Handelssysteme Informationen aus den sozialen Medien auswerten, können Meldungen innerhalb von Sekunden eine Vielzahl von Aktiengeschäften auslösen. Entpuppt sich eine Meldung als Falschmeldung, haben die Spekulanten in der Zwischenzeit längst ihren Schnitt gemacht.

Wie simpel das geht, zeigt ein Beispiel aus Frankreich. Im November 2016 brachten Betrüger eine gefälschte Pressemitteilung des französischen Baukonzerns Vinci in Umlauf. Darin stand, Vinci habe seinen Finanzvorstand gefeuert. Binnen weniger Minuten brach die Aktie um 18 Prozent ein. Als Vinci die Meldung kurz danach dementierte, erholte sich der Kurs schnell.

Nicht nur Shortseller, auch Aktienpusher beherrschen das Spiel. Sie pumpen die Kurse wertloser Aktien mit Jubelmeldungen über Facebook, Twitter und Co. auf. Ist der Kurs oben, steigen sie aus, die Aktien brechen ein. Diese Masche wird Pump & Dump genannt (Aufpumpen und Verschleudern). Bevorzugtes Revier der Betrüger sind Trendthemen wie Marihuana, Seltene Erden oder soziale Netzwerke.

Am 17. Juni 2014 reichte eine Kaskade von Twitter-Meldungen, um den Kurs des Social-Media-Unternehmens Cynk an einem Tag um mehrere Tausend Prozent hochzutreiben. Ein Twitter-Nutzer aus den USA kommentierte das treffend:

Nur eine leere Hülle

Zeitweise war Cynk mehr wert als das Bruttoinlandsprodukt von Belize, dem Firmensitz. Am 11. Juli 2014 nahm die US-Börsenaufsicht SEC die Aktie aus dem Handel. Cynk war wohl nur eine leere Hülle. Die Adresse in Belize existierte jedenfalls nicht.

Das Aufpumpen von Cent-Aktien wird im Internet oft von Promotern gegen Bezahlung gesteuert. In jüngster Zeit wurden zum Beispiel Lithium-Aktien gehypt. Lithium gehört zu den Seltenen Erden und wird zum Bau von Batterien für Handys und Elektroautos benötigt. Schon 2013 hatte die US-Börsenaufsicht SEC wegen Manipulationsverdacht mehrfach in den Handel mit Lithium-Aktien eingegriffen. Viele zweifelhafte Aktien waren nur noch wenige Cent wert.

Jetzt, da der Bedarf an Lithium wieder steigt, erleben diese Zombie-Aktien ein Comeback – auch dank PR aus den sozialen Medien. Beispiel: Für das kanadische Unternehmen Southern Lithium Corp etwa wurde Anfang Mai bei Twitter kräftig getrommelt: Die Botschaft „Southern Lithium erwirbt zusätzliche Schürfrechte“ wurde vielfach geteilt. Doch schon am 15. Mai warnte die BaFin vor Kaufempfehlungen für Southern Lithium. Sie enthielten „unrichtige und irreführende“ Angaben. Southern Lithium meldete bisher keine nennenswerten Umsätze und schrieb rote Zahlen.

Besonders eifrig wird auch für Marihuana-Aktien getrommelt. Auf Twitter werben Branchendienste wie Cannabis Biz News oder Marijuana Observer, aber auch reihenweise anonyme Nutzer. Im Fokus stehen einige umstrittene Aktien, darunter CV Sciences. Vorstandschef Michael Mona soll den Börsenwert des Unternehmens manipuliert haben, wie die SEC im Juni mitteilte. Mona war der erste Marihuana-Milliardär, nachdem einige US-Bundesstaaten den kommerziellen Anbau von 2014 an erlaubt hatten.

Bereits im März verurteilte die SEC Vincent Mehdizadeh, Chef des kalifornischen Marihuana-Unternehmens Medbox, zu zwölf Millionen Dollar Geldstrafe, weil er Umsätze gefälscht hatte. Der Medbox-Chef soll auch 630.000 Dollar abgezweigt haben, um eine Luxusimmobilie in Los Angeles zu kaufen. Bei Twitter hielt das Unternehmen Anleger mit Meldungen über den medizinischen Nutzen von Marihuana bei Laune. Mit Erfolg: Der Kurs stieg von 2012 bis 2014 von 1,25 auf 102 Dollar.

Am 18. Februar 2014 polterte Andrew Left von Citron Research über Medbox: „Die Aktie ist wertlos.“ Und schob großspurig nach: „Citron hat mehr Betrügereien von Unternehmen aufgedeckt als jede andere Quelle an der Wall Street.“

Left liebt Trophäen. In seinem Büro stehen Zigarrenkisten der Pleitefirmen Enron und Madoff. Er ist wohl auch so erfolgreich, weil er die dunkle Seite der Börse kennt. So wurde er 1998 von der National Futures Association (NFA) abgemahnt, weil er mit falschen Informationen über riskante Rohstoffwetten Kunden betrogen haben soll. Die NFA schränkte seine Lizenz ein und schickte ihn zu einem Training für ethisches Verhalten.

Im Fall Medbox lag Left jedoch richtig. Als der Schwindel von Vincent Mehdizadeh aufflog, stürzte die Aktie auf zwei Cent ab.

Derzeit schießt Left das britische Pharmaunternehmen Mallinckrodt an. Nicht nur diese Aktie werde auf null fallen, warnt er. Ob das nur Wunschdenken ist, bleibt offen.

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