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Anleihemärkte Hochverschuldete Unternehmen säen die nächste Krise

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Finanzmärkte unterschätzen das Inflationsrisiko

Die Verschuldung der US-Unternehmen wächst derzeit mit einer Jahresrate von gut zehn Prozent, mehr als doppelt so schnell wie die operativen Mittelzuflüsse.

Mit neuen Schulden wollen die Finanzchefs der Unternehmen auch ihr mageres Gewinnwachstum kaschieren. Um den Gewinn pro Aktie zu halten oder zu steigern, kaufen Unternehmen verstärkt eigene Aktien zurück. Das hat die Hausse an der Wall Street zusätzlich befeuert, Aktienrückkäufe aber auch immer teurer gemacht. Im vergangenen Jahr machten die im Aktienindex S&P 500 enthaltenen Unternehmen 480 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe locker, ein Viertel mehr als 2012. Im gleichen Zeitraum sind die Dividendenausschüttungen um zwölf Prozent auf über 330 Milliarden Dollar gestiegen.

Benebelt vom Schuldenrausch und steigenden Kursen, unterschätzen die Finanzmärkte aber das Inflations- und Zinsrisiko in den USA. Steigen dort die Zinsen, wird das weltweit zu spüren sein. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel warnte schon vor einem Jahr: Niemand wisse, wie stark die globalen Kreditkosten steigen werden und wie geordnet der Prozess ablaufen wird, wenn die US-Notenbank die Zinszügel anzieht. Wegen der „euphorischen“ Finanzmärkte hat die BIZ jetzt erneut ihrer Sorge vor einem zu späten oder zu langsamen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik Ausdruck gegeben. Anleger tun gut daran, die Warnungen der BIZ nicht einfach beiseite zu wischen.

Versteckte Inflation

Mehr als fünf Jahre Nullzinspolitik und Billionen Dollar schwere Anleihekäufe durch die US-Notenbank Fed haben in den USA einen enormen Inflationsdruck entstehen lassen. Schon nach offizieller Lesart kletterten die US-Verbraucherpreise im Mai im Jahresvergleich um 2,1 Prozent. Ermittelte man, wie es US-Statistiker John Williams macht, die Inflation noch mithilfe öffentlich zugänglicher Daten nach den Methoden von 1990, wären die Verbraucherpreise gar um sechs Prozent gestiegen.

An den Anleihemärkten wird jetzt viel davon abhängen, ob es der Fed gelingt, die Anleger davon zu überzeugen, dass sie den Leitzins in den nächsten Jahren nur sehr behutsam anheben wird. Problem: Die Inflationserwartungen in den USA liegen bereits über dem Fed-Inflationsziel von zwei Prozent. Die Lohnstückkosten sind im ersten Quartal um über fünf Prozent gestiegen. Das US-Bankensystem könnte 2.600 Milliarden Dollar, die als Überschussreserven bei der Fed schlummern, vermehrt zur Kreditvergabe einsetzen.

Daumen hoch: Ecuadors Staatspräsident Correa kehrt zurück an den Kapitalmarkt. Quelle: AP

Die Fed steht also vor einer gefährlichen Gratwanderung. Sie läuft dabei Gefahr, die Kontrolle über die Zinsmärkte zu verlieren. Analysten der US-Großbank JP Morgan warnen: „Macht die Fed ernst mit Zinserhöhungen, drohten Kapitalabflüsse aus hochverzinslichen und weniger liquiden Bereichen des Kreditmarktes.“ Es könnte dort zu einem freien Fall der Preise kommen, im Extremfall würde hier niemand mehr neue Schuldpapiere kaufen. Bonitätsschwache Unternehmen gerieten dann in Liquiditätsnöte, weil sie ihre Schulden nicht mehr refinanzieren könnten.

Wie dramatisch sich die Zinssituation ändern kann, ließ sich jüngst in Großbritannien beobachten. Als der britische Notenbankchef Mark Carney überraschend eine Zinswende in Aussicht stellte, sprangen dort die kurzfristigen Marktzinsen spürbar nach oben. Einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, erhielt die Fed bereits im Mai und Juni 2013: Nachdem der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke erstmals die Rückführung der Anleihekäufe (Tapering) in Betracht zog, zogen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen aus dem Stand um 0,8 Prozentpunkte an. Das löste eine Verkaufswelle bei Unternehmensanleihen aus.

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