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Banca Monte dei Paschi Warum das die gefährlichste Bank Europas ist

Die Banca Monte dei Paschi überlebte fünf Jahrhunderte, Revolutionen, Staatspleiten und Weltwirtschaftskrisen. Nun ist sie der Kern von Europas neuer Bankenkrise. Warum ist die kleine Bank so riskant?

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Monte dei Paschi Quelle: REUTERS

Von der Stadtheiligen Sankt Katharina aus dem italienischen Siena sagt man, sie habe keine Mühe gescheut, den Mächtigen ins Gewissen zu reden. Sie kritisierte Eigennutz, verdammte Verschwendung und kämpfte gegen Hochmut. Und trotz ihrer Mahnungen blieb Katharina von Siena illusionslos. Die Welt, befand sie kurz vor ihrem Tod, schaffe im Grund nur eins: Leiden. Das habe Gott so gewollt, um den Weg zu ihm ins Jenseits besonders erstrebenswert scheinen zu lassen. Heute liegen Katharinas Gebeine noch immer in der Basilika von Siena. Und womöglich hat man nicht nur Wert darauf gelegt, ihre sterblichen Überreste zu verwahren sondern auch, ihre düsteren Prophezeiungen Wahrheit werden zu lassen.

Denn zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren bricht in diesen Tagen ökonomisches Unheil über der Stadt ein. Die Banca Monte dei Paschi di Siena entwickelt sich erneut zum Risiko.

Es ist nicht irgendeine Bank sondern die älteste der Welt und der gefährlichste Brandherd der Finanzwelt. Dabei ist sie nicht einmal besonders groß: 4,8 Milliarden Euro Marktkapitalisierung, keine 200 Milliarden Euro Bilanzsumme. Selbst die Verwebungen mit anderen Banken, was im Fall der Pleite einen Dominoeffekt auslösen könnte, sind nach allem, was man weiß, überschaubar. Trotzdem zittern Banker und Politiker in ganz Europa vor ihr.

Die Banca ist unreformierbar

Den Fall von Siena macht so besonders, dass hier die Fehler von Bankmanagern auf ein einmaliges System treffen, das sie in Siena ein „groviglio armonioso“ nennen, das harmonische Geflecht. Ein Geflecht aus wirtschaftlicher, politischer und ökonomischer Elite, das sehr schön veranschaulicht, welche desaströsen praktischen Folgen der recht abstrakte Begriff der Systemrelevanz entfalten kann und wie unreformierbar eine Bank ist, die eine giftige Symbiose mit der sie tragenden Gesellschaft eingegangen ist.  

La Banca. La Cassa. La Bancarotta. Italien hat der Welt die Worte "Bank" geschenkt, "Kasse" und "Bankrott". In diesen Tagen nun kommt „La Casta“ hinzu. Die Kaste. Der Schlüssel zum Verständnis der italienischen Bankenkrise liegt in diesem einmaligen Geflecht.

„Ich nenne es lieber die unheilige Allianz“, sagt Davide Usai. Der 41-Jährige trägt die global gültige Uniform des modernen Managers: grauer Anzug, hellblaues Hemd, raspelkurze Haare und gepflegter Dreitagebart. Nur das Sakko, in das er noch hineinwachsen müsste, weicht vom erwartbaren Auftritt ab. Eigentlich gehört Usai überhaupt nicht dazu. Er soll als Chef der Fondazione Monte dei Paschi di Siena, die einst größter Anteilseigner der Bank war, eigentlich nach dem ersten großen Bankencrash von Siena vor fünf Jahren in der Toskana-Stadt aufräumen.

Stiftung und Geldautomat

Usai, ein stiller Mann, der eine Karriere als Finanzmanager beim italienischen Ableger des Kinderhilfswerks Unicef hinter sich hat, wurde im September vergangenen Jahres in Siena als Chef der mächtigen Stiftung, die sich den Namen mit der Bank teilt, eingesetzt. Da schien das Gröbste eigentlich vorbei: Die „Kaste“, die Siena Jahrzehnte ein Herrschaftsduopol aus Bank und Stiftung aufgedrückt hatte, war in den Wirren der Finanz- und Eurokrise zusammengebrochen. Nun sollten Manager von außen kommen, das System entflechten und in die Zukunft führen. Doch plötzlich befinden sich die Bank, und damit auch Stiftung und Stadt, wieder in einem perfekten Sturm.

Usai hat selbst eine Zeit gebraucht, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Heute braucht er ein Wort, um das ganze Drama zu erklären: „Bancomat“, sagt Usai und schaut seinen Gegenüber erwartungsfroh an. Bancomat, muss man wissen, nennen die Italiener die Geldautomaten. Die Sieneser nannten so die Stiftung, deren Chef Usai heute ist. Man gab einen Wunsch oben ein, und unten purzelte das Geld zur Erfüllung des Wunsches heraus. Wie Manna vom azurblauen Toskana-Himmel.

Irrwitzige Expansionspläne

Hat man die Parallele zwischen Geldautomat und Stiftung verstanden, weiß man, warum sich Italiens Bankenkrise nicht durch Pochen auf europäische Währungsregeln wird einfach lösen lassen. Es war Ende der 1990er Jahre und der Finanzkapitalismus hatte seine lukrativste Zeit noch vor sich, als man sich in Siena ein Konstrukt ausdachte: Die 1472 gegründete Banca Monte dei Paschi sollte aus quasi-staatlicher Trägerschaft herausgelöst werden. Eine gewisse Zahl der Anteile sollte an Private gehen, die Mehrheit von mindestens 51 Prozent aber an eine zu gründende Stiftung. Die Geburtsstunde der Fondazione Monte dei Paschi, so steht es in den Geschichtsbüchern. Die Geburtsstunde von La Casta in Siena, so weiß man heute.

Der Deal war einfach: In den Stiftungsgremien saßen Vertreter von Politik, Wirtschaft, Kirche, Kultur, Wissenschaft und Vereinen aus der Region – alles fachfremde Herrschaften, die in ihrem ganzen Unwissen mit Hilfe ihres Mehrheitsanteils den Bankern der Banca Monte dei Paschi den Rücken für irrwitzige Expansionspläne freihielten. Im Gegenzug bedankten sich die Manager, indem sie jährlich hübsche Gewinne auf die Anteile der Stiftung ausschütteten. „So sollte sichergestellt werden, dass die Bank die Interessen der Region berücksichtigt“, sagt Usai, der Nachlassverwalter von außen.

Siena war der Prototyp des perfekten Italiens

Und dabei ging es um richtiges Geld: Die Stiftung saß zwischenzeitlich auf einem Kapitalstock von 7,5 Milliarden Euro. Das erlaubte in guten Jahren, mal 120, mal 150, auch mal 180 Millionen Euro über der Stadt und ihren Bürger auszuschütten. Zwei Milliarden Euro flossen so zwischen 2000 und 2011 von der Bank an die Stiftung in die Stadt mit gerade mal 55000 Einwohnern. Es entstand eine gotisches Gigantopia, der Prototyp des perfekten Italiens: Tolle Landschaft, pompös sanierte Häuser, kostenloser Nahverkehr, beste Kultur. Dazu der beste Basketballverein des Landes, ein Fußballerstligist, eine Top-Universität. Das Manna fiel vom Himmel auf fruchtbaren Boden. „Die Stiftung hat hier bis 2011 alles bezahlt, die hat richtig gute und auch ein paar weniger gute Dinge gemacht. Dieser Stadt ginge es ohne die Stiftung nicht so gut“, sagt Usai.

Der mächtigste Mann der Region war sein Vorgänger, der Stiftungspräsident.

So hätte es immer weiter gehen können, wenn die Gremien der Bank vor lauter Geldausgeben nicht versäumt hätten, ihren Bankmanagern etwas genauer in die Bücher zu schauen. Die wollten nämlich vor allem eins: Nicht nur die älteste Bank der Welt verwalten sondern auch eine der größten.

Wachstum um jeden Preis

Die Chance, ihre Wachstumsphantasien zu erfüllen, sehen die Banker 2007 gekommen. Die Großbank ABM Amro muss ihre italienische Tochter Banca Antonveneta verkaufen. Eine überschaubare Bank, die aber über in Teilen einen attraktiven Kundenstamm verfügt. Man ist sich mit der Pariser Großbank BNP Paribas einig, das Institut für sieben Milliarden Euro zu verkaufen. Da kommen die Toskana-Banker dazwischen und bieten einfach mal neun Milliarden. Ohne Not zwei Milliarden über dem nächst niedrigen Angebot, muss das denn sein? Fragten die Herren in den Aufsichtsgremien. „Wenn wir weiter wachsen, können wir noch mehr ausschütten“, war die Antwort der Banker.

Wer hätte da Nein gesagt?

Die ältesten Geldhäuser der Welt
10. Bank of New York Mellon, 1784 gegründetNachdem Alexander Hamilton an der Verfassung die Vereinigten Staaten mitschrieb, gründete er die Bank of New York. Es war das erste Unternehmen, das im New York Stock Exchange gelistet wurde. Der Börsenindex wurde 1792 ins Leben gerufen. 2007 wurde das Traditionsinstitut schließlich von der Mellon Financial Corporation übernommen - es entstand die heutige Bank of New York Mellon. Quelle: AP
9. Halifax Bank of Scottland, 1695 gegründetDen Schotten wird bekannterweise ein gutes Händchen für Geld zugeschrieben. Die Bank of Scottland dürfte ihren Beitrag dazu geleistet haben. Während die Bank of England vor allem dem Staat finanziell unter die Arme greifen sollte, war die Bank of Scottland überwiegend für Betriebe und Geschäft da. Es ist die älteste existierende Bank im Vereinigten Königreich. Aus der Fusion mit der Halifax Bank ging 2001 die Halifax Bank of Scottland hervor. Quelle: dpa-tmn
8. Bank of England, 1694 gegründetAuch ein Schotte soll die Idee zur Gründung der englischen Zentralbank gehabt haben. Die Bank verhalf dem Vereinigten Königreich zum Aufstieg der führenden Seemächte im 18. und 19. Jahrhundert. Es ist nach der schwedischen Riksbank die zweitälteste Zentralbank der Welt. Quelle: dapd
7. Coutts & Co, 1692 gegründetDer Gründer und Schmied John Campbell of Lundie versorgte seine schottischen Landsleute in London mit Silbertellern und Juwellen. Nebenbei kümmerte er sich auch um das Finanzgeschäft seiner Kunden. Seitdem ist das Kerngeschäft die private Vermögensberatung. Im Jahr 2000 ging die Bank in den Besitz der Royal Bank of Scottland über und gehört zum Bereich Privatgeschäft der RBS Group. Quelle: dpa
6. Barclays Bank, 1690 gegründetDie heute drittgrößte Bank Großbritanniens wurde von Quäkern gegründet. 1967 stellte sie den ersten Geldautomat der Welt auf. Quelle: dpa
5. C. Hoare & Co., 1672 gegründetEs ist die letzte Privatbank aus der Riege der Institute, die im 17. und 18. Jahrhundert gegründet wurden. Das Geldhaus wird heute noch von einem der Nachfahren von Sir Richard Hoare geführt. Seit 1690 befinden sich die Räumlichkeiten der Bank in der Fleet Street und damit im Herzen der City of London - british tradition at its best. Quelle: Screenshot
4. Sveriges Riksbank, 1668 gegründetDas Gebäude sieht modern aus, doch der Schein trügt. Die schwedische Zentralbank ist die älteste Zentralbank der Welt. Erst 1904 erhielt sie das Monopol fürs Gelddrucken, seit 1999 ist sie im Bereich der Geldpolitik völlig unabhängig. Quelle: Presse

Den Kauf finanzierten die Anteilseigner über eine Kapitalerhöhung. Leider legte die Finanzkrise recht offen, wie sehr sich die angehenden Weltbanker aus Siena verschätzt hatten. Um das den eigenen Aufsehern zu verheimlichen, schloss man schnell eine ganze Reihe an Derivategeschäften ab. Wie man das so machte, als Großbanker. Leider verstand man die selbst nicht so richtig, weswegen diese Geschäfte die Löcher nicht stopften sondern vergrößerten. Am Ende machte man, was man zu dieser Zeit als Banker von Welt eben machte: Man ging zum Staat und erbat von dort Geld zur Lösung des Probleme.

Großteil der Stadt-Elite ist angeklagt

Der Staat schickte zwar Geld, aber nur unter der Prämisse, den Filz aus Stiftung und Bank zu zerschlagen, den alten Vorstand abzusetzen. Beim Blick in die Bücher stieß das neue Management auf allerlei unschönes, weswegen sich noch heute ein Großteil der Stadt-Elite mit juristischen Ärgernissen herumschlägt: Bürgermeister und Bankmanager sind genauso angeklagt wie ehemalige Stiftungsfunktionäre. Beim örtlichen Basketball-Manager fand man 1,2 Millionen Euro in bar, der ehemalige Pressechef der Bank brachte sich mit einem Sprung aus dem Fenster selbst ums Leben.

Seitdem ist in Siena wenig, wie es war: Die Universität hat ein Drittel der Studenten verloren, das von der Stiftung bezahlte Siena Biotech-Centre meldete Insolvenz an, statt mehr als 100 Millionen Euro schüttete die Stiftung zwischen 2013 und 2015 gar kein Geld mehr aus.

"Großes Rachebedürfnis"

Das war die Lage, die Usai vorfand, als er seinen Dienst antrat. Er, ein Mann von außen. Unbelastet, ohne Netzwerk in Stiftung, Bank und Stadt.

Er versucht nun, aufzuräumen in Siena. „Es gibt hier ein großes Rachebedürfnis in der Region“, sagt Usai und reiht jedes Wort so bedächtig an das vorangegangene, dass erst gar keine weiteren Emotionen aufkommen. „Auch dieses müssen wir eindämmen.“  Die Stiftung hat deswegen Klagen über drei Milliarden Euro gegen ehemalige Manager, Geschäftspartner und andere Banken laufen. Zu den Geschäftspartnern von einst zählten etwa JP Morgan oder Credit Suisse. Ob sie heute noch zu den Beklagten gehören, dazu äußert sich in Siena niemand. Überhaupt versucht man derzeit, auf dem Vergleichswege Lösungen zu finden. „Sonst beschäftige ich mich damit in zehn Jahren noch, falls man mich dann noch lässt“, sagt Usai.

Ende Juni sickerte ein Brief der Europäischen Zentralbank an die Bank durch: Die Bank solle ihre faulen Kredite über etwa 47 Milliarden Euro (von 111 Milliarden Euro Gesamtkreditvolumen) bis 2018 um 30 Prozent abbauen. Die Bank war bis dahin von 3,5 Milliarden Euro ausgegangen. Das Problem ist: Markt und Bank haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie viel die Kredite noch wert sind. Die Anlagegesellschaft Bernstein veröffentlichte Anfang Juli eine Schätzung, dass die 40 Prozent der MPS-Kredite, die als notleidend einzustufen seien, eigentlich nur ein Viertel des bilanzierten Wertes wert seien. Stimmt das, verlöre die Bank eine weitere Milliarde. Das Kernkapital der Bank würde unter die Grenze sinken, die die EZB als Minimum definiert hat.

Die Ersparnisse der Bürger von Siena sind in Gefahr

Zwar hat die Bank seit dem Höhepunkt der Krise dank staatlichen und privaten Kapitals bis zu zehn Milliarden Euro an Eigenkapital hinzugewonnen. So recht will sich das aber nicht in der Bilanz bemerkbar machen. Und so braucht das Institut nun, rechnen Analysten der Großbank Morgan Stanley, bis zu sechs Milliarden Euro frisches Kapital.

Das mindestens genauso große Problem aber: Die Menschen aus Siena haben nicht nur über Jahre von den Ausschüttungen der Bank profitiert – sie haben ihr auch über Jahre Obligationen abgekauft; nachrangige Anleihen, die hübsch verzinst waren. Das Volk von Siena hätte so doppelt profitiert: Von den Ausschüttungen der Stiftung und von den Zinsen der Anleihen. Papiere im Wert von fünf Milliarden Euro halten die Sieneser auf diese Art etwa. Es sind die Papiere, die als erstes Wert verlören, wenn die Bank ihre Kredite nun abschriebe, ohne dass der Staat weiteres Geld hinzugibt.

Und der Volkswille äußert sich entsprechend.

Die Sieneser tun, als sei nichts gewesen

„Der Geist hier“, sagt Davide Usai, „ist an vielen Stellen noch der alte, auch wenn die Menschen neu sind.“ Das Telefon klingelt, er muss abnehmen, es ist wichtig. Der Bürgermeister. Man hat ein gutes Verhältnis, gegenseitiges Verständnis. Es geht mal wieder um Kultur, eine Ausstellung. Am Ende aber kommt doch wieder die gleiche Frage des Bürgermeisters an Usai: „Können Sie nicht etwas dazu geben?“

In diesen Momenten stockt dem Mann, der in seiner Ruhe durch wenig zu erschüttern wirkt, der Atem. „Wir haben allein seit 2009 als Stiftung sechs Milliarden verloren.“ Statt wie früher mehr als 50 Prozent hält man heute noch 1,5 Prozent der Anteile an der Bank. Das jährliche Budget ist von im Schnitt 150 Millionen auf 2,5 Millionen Euro zusammengefallen. Das Jahr 2016 ist das erste nach drei Jahren, in dem die Stiftung überhaupt wieder Geld ausgeben kann.

Das Modell der Symbiose aus Bank, Politik und Gesellschaft wankt

Und dennoch tun viele Sieneser so, als sei nichts gewesen. „Viele in der Kommune und im gesellschaftlichen Leben hier wollen einfach nicht verstehen, dass das Geld weg ist – und nie wieder kommt“, sagt Usai. Jeder hat mitbekommen, dass es der Bank nicht gut geht; aber niemand mag sich eingestehen, dass man hier ein Jahrzehnt lang über dem eigenen Niveau gelebt hat. Einer Stadt, die von 544 Jahren 539 Jahre lang sehr vieles richtig gemacht hat, ihren Selbstbetrug beizubringen. Wie soll das gehen?

Wissenswertes über Italien

Womöglich mit Hilfe einer Realität, die nicht mehr zu leugnen ist. Siena mag das schillerndste, größte, tragischste Beispiel aus der Krise des italienischen Staatskapitalismus sein -  es ist nicht das einzige. Und überall in Italien wankt dieses Modell einer Symbiose aus Banken, Politik und Gesellschaft in diesen Wochen. Weil die Wirtschaft des Landes seit Jahren stagniert, steigt die Zahl der faulen Unternehmenskredite in den Bankenbüchern. Sollen sie diese abschreiben, geht das fast immer auf Kosten des gesellschaftlichen Lebens vor Ort.

Stiftung plant Rückzug aus der Banca

Die Konstruktion aus Bank, Bevölkerung und Stiftung ist in Siena nämlich keine Ausnahme. Landesweit haben sich die Italiener mit 31 Milliarden Euro über nachrangige Anleihen an ihren Banken beteiligt. 30 Prozent der Anteile an Italiens Banken werden laut einer Regierungseinschätzung von Stiftungen gehalten, die damit mehr oder weniger das Gemeinwohl fördern. Und wie in Siena wankt dieses System überall, sobald die jeweilige Bank kriselt. 20 Milliarden Euro sind so seit 2008 an Stiftungsvermögen in Italien verpufft.

In Siena versuchen sie es jetzt deswegen mit einem radikalen Schnitt: dem Komplettrückzug aus der Bank. „Warum sollte ich interessiert sein, eine Bank zu kontrollieren?“, fragt Usai. Und der Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, dass dies eine rhetorische Frage ist. „Am besten wäre es, die Bank fände jemanden, der einen Mehrheitsanteil kauft.“ Freilich ist das keine ganz einfache Sache. Zum einen: Wer außer dem staatlichen Rettungsfonds Atlante bindet sich eine solche Bank ans Bein? Und: Selbst wenn sich ein Käufer findet, was passiert mit der Stadt? 2000 Menschen in Siena arbeiten für die Bank. Der Verkauf ist wie die dritte Stufe einer Katastrophe: Erst versiegte das Geld der Stiftung, dann verlieren die Anleihen der Bürger ihren Wert und schließlich 2000 gut bezahlte Bankmitarbeiter einer Mittelstadt ihren Arbeitsplatz. Nun diskutiert man, ob der private Rettungsfond Atlante einen Teil der faulen Kredite kauft.

Wirtschaft fördern statt Fresken

Bisher unterscheidet sich Siena auch deswegen so angenehm von den freilichtmuseumartigen anderen Toskana-Städten, weil es dort jenseits der Touristenfolklore Leben gibt. Weil dort echte Menschen echter Arbeit nachgehen.

In der Stiftung glaubt man, das auch ohne Bank retten zu können. Und verweist gerne auf den Stadtrand. Dort hat sich, in der ganz und gar toskanaunverdächtigen Schlichtheit moderner Wirtschaftsförderer-Architektur ein Gebäudekomplex in die Landschaft gerumpelt. „TLS“, steht dort. Toscana Life Science. Einen siebenstelligen Betrag gibt die Stiftung hier in diesem Jahr, um die Brücke zwischen biowissenschaftlicher Forschung und Kommerz zu schlagen. Der US-Konzern Glaxo-Smith-Kline hat bereits eine Niederlassung angedockt.

„Draghi wird Italien ganz besonders beistehen, weil´s seine Landleute sind“

Gezieltes fördern und fordern statt Manna regnen zu lassen. So stellen sie sich die Toskana der Zukunft vor: Junge, engagierte Menschen entwickeln Ideen. Die Stiftung unterstützt die besten davon mit Geld, für zwei, vielleicht drei Jahre. Was dann nicht fliegt, soll eingestellt werden, Silicon Valley trifft Italianatá. Kultur, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaftsförderung, Wohlfahrt – das alles will man punktuell fördern. Aber nur noch Modernes. Keine Fresken aus dem 15. Jahrhundert mehr vergolden, kein Geld für Vergangenheit. Ab 2018 will Usai wieder fünf Millionen Euro im Jahr ausgeben. Fünf statt 150. Es gibt Menschen in der Stadt, die behaupten: Wenn man die ganzen unsinnigen Ausgaben abzieht, waren es ohnehin nie mehr Euro, die wirklich sinnvoll investiert wurden.

Wohlstand macht träge

„Wenn wir auch weniger Geld haben, haben wir immerhin den Geist unserer Leute“, hofft Usai auf einen Mentalitätswechsel. Immobilien, Beteiligungen an etablierten Unternehmen – alles, was nach Vergangenheit riecht, verkauft er in diesen Tagen.

Wohlstand macht träge, das haben sie in Siena gelernt. Jetzt muss die ganze Gesellschaft wieder lebendig werden. Die Chance dafür hat sie, auch wenn die Bank dieser Tage wieder ins Chaos trudelt. Noch herrscht relativer Wohlstand in der Stadt: Viele Familien besitzen mehrere Immobilie, viele bekommen Unterstützung aus der Rentner-Generation. Aber das ist ein flüchtiger Wohlstand: Er kann allenfalls eine Übergangszeit finanzieren, dann ist er aufgebraucht. Er muss jetzt für die richtigen Dinge aktiviert werden.

EU-Banken tief in der Krise

Ende Juli wird die EZB die Resultate des neuesten europäischen Bankenstresstests veröffentlichen. Niemand in Europa glaubt, dass die Banca Monte dei Paschi, an der der Staat schon jetzt mit vier Prozent der zweitgrößte Anteilseigner ist, ihn bestehen wird. Die Frage wird, davor oder danach, sein, ob man sich zu einem klaren Schnitt durchringt oder der italienische Staat dem Druck der Kaste nachgibt, und die Sterbefrist ein weiteres mal verlängert.

Monte war übrigens im mittelalterlichen Italien die Bezeichnung für einen staatlichen Schuldenberg. Wuchs der Monte so hoch, dass er nicht mehr zu bezwingen war, machte man etwas ganz einfaches: Man begann einfach, einen neuen Staatsschuldenberg anzuhäufen und nannte ihn „Monte Nuovo“.

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