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Börse São Paulo Abgesang auf Brasiliens Milliarden-Illusionen

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Startschuss durch Goldman Sachs

Die Unternehmen konnten so schnell wachsen, weil Brasilien boomte – aber auch, weil Investoren ihnen bereitwillig das Geld für die Expansion gaben. Die Investmentbanken puschten den Brasilien-Hype. Den Startschuss hatte die Investmentbank Goldman Sachs 2001 gegeben. Sie zählte Brasilien unter dem Akronym BRIC zu den Staaten der Weltwirtschaft, die künftig am stärksten wachsen sollten. Das „B“ stand dabei für Brasilien als dem Rohstofflieferanten der Weltwirtschaft. Russland sollte die Tankstelle werden, Indien die Denkfabrik und China die Werkhalle. Von 2003 an boomte Brasiliens Börse dann auch, weitgehend unerwartet und deshalb so heftig wie kaum eine andere weltweit. Mehrfach schloss sie in der Dekade als bester Aktienmarkt weltweit ab, einige der weltgrößten Börsengänge fanden dort statt. Brasilien zog Investitionen an wie sonst nur China.

Die internationalen Investoren einte dabei eines mit den brasilianischen Unternehmern: maßlose Selbstüberschätzung. So verkündete Eike Batista, bis dahin ein Goldsucher und eher mäßig erfolgreicher Unternehmer, noch 2009 vollmundig, dass er spätestens 2016 der reichste Mensch der Erde sein werde.

Kursverlauf des Fleischgiganten JBS. Für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Dabei ließ sich der Unternehmer gerne in seinem Wohnzimmer fotografieren, in dem er ein McLaren-Mercedes-Cabrio geparkt hatte. Die Protzerei hätte abschrecken müssen, tat sie aber nicht. Der deutsche Versorger E.On etwa investierte mit dem Hasardeur viel Geld in den Stromerzeuger Eneva – und landete auf der Nase, mit mehreren Hundert Millionen Euro Verlust. Ende 2014 musste Eneva gar Gläubigerschutz beantragen.

Auch der Banker Esteves wollte ganz hoch fliegen: Nach Verkauf seiner brasilianischen Investmentbank an die UBS blieb er dort und versuchte sogar, die Schweizer Bank selbst zu kaufen. Marcelo Odebrecht wiederum wollte sein Bau- und Chemieunternehmen zum wichtigsten Rüstungskonzern und Agrarriesen Lateinamerikas ausbauen.

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    Kein Öl gefunden

    Die Party war 2011 vorbei, die Musik stoppte: Die Rohstoffpreise brachen ein, und die erratische Wirtschaftspolitik der linken Regierung von Dilma Rousseff verschreckte immer mehr Investoren. Brasiliens Wirtschaft stagnierte. Eike Batistas Imperium brach 2013 als erstes zusammen. Sein Ölkonzern OGX wurde schlicht nicht fündig. Mit den sinkenden Rohstoffpreisen entpuppten sich auch die Prognosen seiner anderen Konzerne als unrealistisch. Batista ist pleite, seine Anteile sind heute nur noch ein paar Millionen Dollar wert – aber blockiert. Heerscharen von Gläubigern wollen Geld.

    Odebrecht sitzt seit Juni 2015 in Haft. Die Staatsanwaltschaft klagt ihn an wegen Verdachts auf Wirtschaftskriminalität, Beamtenbestechung, Geldwäsche und Preisabsprache. Der Konzern ist tief verstrickt in den Korruptionsskandal um den staatlichen Ölmulti Petrobras, vermutet die Justiz. Odebrecht streitet alles ab. Nun haben jedoch die Chefs der anderen großen Baukonzerne Brasiliens als Kronzeugen ausgesagt. Odebrecht droht eine langjährige Haftstrafe. Von seinem Posten als Vorstandschef musste er zurücktreten. Sein Unternehmen könnte bald zerschlagen werden, weil Gläubiger Geld sehen wollen.

    André Esteves wurde vor Weihnachten kurzzeitig verhaftet – von seinem Luxusapartment am Strand von Ipanema wurde er in eine sechs Quadratmeter große Zelle im berüchtigten Bangu-Gefängnis in Rio de Janeiro verfrachtet. Er soll Schmiergelder bezahlt oder angeboten haben, als er eine Tankstellenkette von Petrobras kaufte und Kronzeugen zum Schweigen animieren wollte. Umgerechnet 14 Millionen Euro soll er zudem an Abgeordnete bezahlt haben. Esteves ist jetzt in Hausarrest, seinen Job in der Bank BTG hat er verloren.

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