Börsenwoche 408: Editorial: Die China-Formel

Es war ein drastisches Exempel der chinesischen Kader: Kurz nachdem Alibaba-Gründer Jack Ma vor zwei Jahren eine kritische Rede hielt, verschwand der damals reichste Chinese für mehrere Monate von der Bildfläche. Der bereits terminierte Börsengang der Alibaba-Tochter Ant wurde abgeblasen, die chinesische Kartellbehörde legte noch eine Milliardenstrafe obendrauf.
Was zunächst als singulärer Racheakt an Ma eingeordnet wurde, war der Beginn eines Blutbads in Chinas Tech-Sektor. Im April 2021 bestellte die kommunistische Partei die Chefs führender Internetkonzerne nach Peking und drohte mit Strafen bei Ungehorsam. Endgültig in Panik versetzte das Regime Investoren, als es die boomende Nachhilfebranche kurz darauf über Nacht der Gemeinnützigkeit unterwarf und ihr damit den Todesstoß gab.
Die darauffolgenden Monate stürzten China-Investoren in ein tiefes Tal der Tränen. Der Führungszirkel um Machthaber Xi Jinping war von einem wichtigen Erfolgsfaktor der chinesischen Techbranche zum nahezu unberechenbaren Risiko mutiert. Immer mehr ausländische Investoren zogen ihr Kapital ab, der Nasdaq Golden Dragon Index, der chinesischen Techkonzerne mit US-Listing abbildet, verlor in der Spitze gut drei Viertel seines Wertes. Mit dem Börsentiefpunkt der westlichen Märkte im Oktober vergangenen Jahres konnte der Drachen-Index einen Boden bilden. Auffällig ist aber die wesentlich schwächere Entwicklung gegenüber dem chinesischen Leitindex SSE Composite (siehe Grafik).
Das Säbelrasseln im Pazifik dürfte dabei eine Rolle spielen. China droht offen mit einer Invasion nach Taiwan. Neben den wirtschaftlichen Problemen, die eine weitere Zuspitzung oder Eskalation der Lage mit sich brächte, wird sich die geopolitische Spannung vor allem schleichend auf die Finanzmärkte auswirken, sagt Elliot Hentov. Der Chefstratege für geopolitische Fragen beim US-Vermögensverwalter State Street erklärt in unserer Analyse, wie er bei der Risikobewertung vorgeht, welche Szenarien State Street für den Taiwan-Konflikt durchspielt und wie Privatanleger am besten mit geopolitischen Risiken umgehen.
Die Zurückhaltung westlicher Investoren dürfte aber auch eine Nachwirkung der Tech-Kernschmelze sein. Dabei ist das Chance-Risiko-Profil von China-Investments inzwischen wieder attraktiv – wenn Anleger auf einige Kriterien achten. Der Konsens am Markt ist zwar, dass China die Maßnahmen rückblickend als Fehler einstuft und nun die wirtschaftliche Erholung priorisiert. Ich persönlich sehe das Ganze jedoch eher zyklisch und glaube nicht, dass sich erneute Eingriffe ausschließen lassen.
Makrostratege Hentov hat sich intensiv mit den Mustern hinter den Eingriffen auseinandergesetzt und dabei ein paar Grundregeln entworfen, die ich seitdem als China-Formel verwende. Grundthese ist, dass die Partei weiterhin ein starker Partner für alle Firmen bleibt, die im Einklang mit ihren Zielen stehen – etwa die soziale Ungleichheit im Land verringern oder die chinesischen Umweltziele voranbringen. Was kritisch gesehen wird, zieht potenziell die Regulierungswut des Regimes auf sich. Dazu zählen Unternehmen, die sicherheitskritische Technologie entwickeln, Daten im Ausland verarbeiten, viel ausländisches Fremdkapital haben, importabhängig sind oder großen Einfluss in China haben.
Interessante Titel sind deshalb zum Beispiel der Windkraftanlagenbauer Goldwind oder der halbstaatliche Pharmamulti Sinopharm: Billiger Strom ohne Abgase und bezahlbare Gesundheitsversorgung sind mit dem Kommunismus vereinbar. Sofort zugreifen sollten Anleger allerdings nicht. Goldwind steckt im handfesten Abwärtstrend, eine Bodenbildung scheint hinsichtlich der erwarteten Ergebnisse und der aktuellen Notierung aber immer wahrscheinlicher. Sinopharm hingegen ist zuletzt zu stark gestiegen und birgt Rückfallpotenzial. Wir setzen die Aktien auf unsere Watchlist.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse!
Ihr Lukas Schmitt