Börsenwoche 447: Editorial: Fremdkapital bei Aktien: Die Börsenriesen sind Schuldenzwerge

Schulden sind ein hitziges Thema. Für die einen Teufelszeug, für die anderen intelligentes Mittel zum Zweck. Sie sind auch eine Frage der Kultur. Der deutsche Student sorgt sich schnell um ein paar Tausend Euro BAföG-Schulden, während in Amerika nicht wenige College-Gänger mit unbeirrbarem Optimismus Hunderttausende Dollar Studiengebühren auf Pump finanzieren.
Auch Unternehmen handhaben das Thema ganz unterschiedlich. Manche wollen Wachstum und Renditechancen maximieren, andere eine Finanzfestung sein. Warren Buffett gehört mit seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway ganz klar zur letzteren Fraktion. 157 Milliarden Dollar an Barmitteln hat er angehäuft. Er will für jede wirtschaftliche Lage gewappnet sein. Viel lieber verzichtet er auf Rendite, als nennenswerte Risiken einzugehen. Berkshire-Vize Charlie Munger äußerte sich kurz vor seinem Tod überzeugt davon, dass ihr Unternehmen mit überschaubaren zusätzlichen Schulden problemlos doppelt so wertvoll hätte werden können.
Doch es gibt auch die Kehrseite dieser Einstellung. Die kommt mit mathematischer Rückendeckung im Gepäck. Solange Unternehmen für ihre aufgenommenen Schulden Investitionsmöglichkeiten finden, deren Rendite über den Kosten für die Verbindlichkeiten liegen, also den Zinsen, lohnt es sich, Miese zu machen. Ein Kredit zu zwei Prozent, deponiert auf ein sicheres Konto mit vier Prozent, wäre eine Lizenz zum Gelddrucken.
Solche Märchen kennt der Markt natürlich nicht. Schulden bergen immer Risiken. Irgendwann kommt der Zahltag. Sie machen überdies unflexibel. Wer Geld übrig hat, kann schnell und souverän handeln. Wer zuerst seine Schuldscheine neu sortieren muss, sitzt am kürzeren Hebel. Immer wieder überschätzen Unternehmen ihre Zahlungskraft. Besonders riskant ist die Planung der Neufinanzierung. Niemand weiß, welche Zinshöhen die Zukunft bringt.
Interessant ist dabei der Blick auf den US-Aktienmarkt. Dort verwundert seit einem Jahr die Stärke von Technologieaktien. Was oft übersehen wird: Die Unternehmen haben massig Barmittel auf der hohen Kante (siehe Chart). Ihr Wachstum finanzieren sie gelassen selbst. Ganz anders sieht es bei den etablierten Unternehmen im Dow Jones aus. Dort macht man gerne Schulden, wohl auch um stagnierendes Wachstum zu kaschieren. Die sieben dominanten Technologie-Unternehmen des letzten Jahres haben zusammen Nettobarmittel in Höhe von 406 Milliarden Dollar. Betrachtet man die sieben wichtigsten Firmen des etwas angestaubten Dow-Jones-Index, so sind davon fünf verschuldet. Insgesamt haben diese anderen Sieben Nettoschulden in Höhe von 138 Milliarden Dollar.
Aktien von überschuldeten Unternehmen entwickeln sich oft mau. Die britische Investmentgesellschaft Schroders hat eine langfristige Auswertung internationaler Aktienmärkte vorgenommen. Das Ergebnis: Zwischen 1988 und 2014 entwickelten sich finanzstarke, wenig verschuldete Unternehmen besser als der Gesamtmarkt. Sie haben mehr als zwei Prozent Überrendite generiert. Ein guter Grund, vor dem Aktienkauf kurz in die Bilanz zu blicken.
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