BörsenWoche 513: Editorial: Wenn der Markt liefert, aber die Börse leidet
In China erscheint im Schnitt alle zwei Tage ein neues Elektroautomodell. Der Markt boomt: Vergangenes Jahr wurden in China 12,9 Millionen Elektroautos verkauft, inklusive Plug-in-Hybriden. 2020 waren es gerade einmal 1,4 Millionen. Innerhalb von nur fünf Jahren hat sich der Absatz also fast verzehnfacht. Im vergangenen Jahr wurden in China so viele E-Autos verkauft wie in Europa Autos insgesamt – inklusive Verbrennern.
Großer Absatz, große Chancen? In der Theorie schon. Aber dass wachsende Märkte stets auch Chancen für Anleger eröffnen würden, ist ein Denkfehler. Und der hat Anleger schon viel Geld gekostet. Es gibt hier zwei Probleme: Erstens weckt ein dynamischer Markt häufig die Fantasie der Börse, weshalb die Bewertungen von Aktien hochgeboten werden. Ein paar Jahre später zeigt sich dann, dass die Wertpapiere rückblickend zu teuer waren.
Das zweite Problem ist grundlegender: Nur weil ein Markt wächst, bietet er noch lange keine attraktiven Geschäftsmodelle. Oder er bietet sie nur den ein oder zwei größten Unternehmen der Branche. Außerdem kann der Absatz wachsen, während der Umsatz sinkt – und zwar, wenn die Preise fallen. Das war vergangenes Jahr beim weltgrößten Batterieproduzenten CATL der Fall. Das Produktionsvolumen stieg um ein Viertel, aber der Umsatz sank gleichzeitig um zehn Prozent. Der Grund waren die weiterhin fallenden Batteriepreise. Der Trend gefällt auch den Aktionären nicht, der Aktienkurs hat seit Dezember 2021 ein Drittel nachgegeben.
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Mehr E-Autos, mehr Batterien. Dafür braucht es jede Menge Lithium. Aber obwohl die Nachfrage wächst, sinkt der Preis – weil der Markt liefert und aktuell sogar ein Überangebot herrscht. Für Anleger ist das verheerend. Das zeigt etwa der Ende 2021 aufgelegte ETF Global X Lithium & Battery Tech. Er sollte von der wachsenden Nachfrage nach Batterien und den dafür benötigten Rohstoffen profitieren. Seit Auflage hat der ETF Anlegern allerdings einen Verlust von 59 Prozent beschert (siehe Grafik).
Aber auf dem chinesischen Markt herrscht ein Preiskrieg, der für viele Hersteller rote Zahlen zur Folge hat. Eine Ausnahme ist BYD: Mit einem Absatz von 4,3 Millionen Autos im Jahr 2024 gehört das Unternehmen zu den größten Autoherstellern weltweit. Es setzt auf Masse, um niedrige Preise durchzusetzen. Chinesische Kunden bekommen von BYD kompakte, aber hochwertige Elektroautos für umgerechnet weniger als 7000 Euro. Ähnlich viel kann bei BMW schon eine Lackierung kosten.
BYD drückt seine Preise so stark, dass sogar die chinesischen Behörden ihren Unmut äußern. Gerade geht in China nur BYD als Sieger hervor, weswegen die Aktie steigt und steigt. Aber das Unternehmen ist die Ausnahme. Allen anderen Herstellern geht es schlecht. Die Nachfrage wächst, aber das Angebot wächst noch schneller. Das ist gut für Innovation und Verbraucher. Die meisten Aktionäre werden jedoch enttäuscht.
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