Chinesischer Aktienmarkt: Chinas Tech-Offensive lockt ausländische Anleger
Jahrelang ließen ausländische Investoren die Finger von chinesischen Aktien. Doch die Fortschritte der Volksrepublik bei künstlicher Intelligenz und der Entwicklung von Halbleitern hat bei Investoren ein Umdenken angestoßen. Vor allem der Durchbruch des chinesischen KI-Entwicklers DeepSeek ermutige Anleger, sich auch am chinesischen Aktienmarkt wieder umzusehen, sagten Experten. Dieser habe in den letzten drei Jahren im Ausland als „nicht investierbar“ gegolten. „Vor einem Jahr wollte man China aus den Indizes ausschließen. Heute wird China als eigenständige Anlageklasse betrachtet, die man nicht ignorieren kann“, sagte Zheng Yuchen, Investmentchef der China-Fondseinheit von Allianz Global Investors.
Auch Daten zu Fondsneugründungen und Mittelzuflüssen zeigen die wieder anziehende Begeisterung für den 19 Billionen Dollar schweren chinesischen Aktienmarkt, zu dem auch Hongkong zählt. Morgan Stanley zufolge war der August für globale Hedgefonds der Monat mit den größten Käufen chinesischer Aktien seit sechs Monaten. Daten von Morningstar zeigten, dass die Zahl der Neuauflagen von Schwellenländer-Aktienfonds ohne China in diesem Jahr auf acht von 21 im vergangenen Jahr zurückging. Das bedeutet, dass Investoren, die in Schwellenländer investieren, besonders China im Blick haben.
„Frühaufsteher sind schon da“
Ermutigt werden Anleger aus dem Ausland durch die technischen Möglichkeiten in China und die wachsende Nachfrage nach einer Diversifizierung jenseits amerikanischer Anlagen. Die Fortschritte Chinas auf dem Technologiesektor haben die Sorgen global aufgestellter Anleger gemildert, dass der Handelskrieg zwischen China und den USA sowie die Exportverbote der US-Regierung im Technologiebereich die Innovation in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ausbremsen könnten. Einer UN-Studie zufolge ist China erstmals unter die zehn innovativsten Volkswirtschaften vorgestoßen und hat in einem weltweiten Innovations-Ranking der Vereinten Nationen Deutschland aus den Top Ten verdrängt.
Noch ist der Rekordlauf an den chinesischen Aktienmärkten hauptsächlich von inländischen Anlegern getrieben. Doch der Stimmungsumschwung bei ausländischen Investoren könnte die Rally weiter verstärken. Vergangene Woche zog der Shanghai Composite Index auf den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt; in Hongkong kletterte der Index auf ein Vierjahreshoch. Vereinzelt nahmen Anleger zuletzt Gewinne mit.
Angelockt durch die Rally seien ‚Early Birds‘ aus dem Ausland schon zurück in China, sagte Brett Barna, ehemaliger Hedgefonds-Manager. Er plane die Einrichtung einer Investitionsplattform, die amerikanischem und europäischem Kapital den Zugang zu den chinesischen Kapitalmärkten erleichtere.
Deepseek als Auslöser
Ausgelöst durch den Durchbruch von DeepSeek, dem Erfinder eines chinesischen KI-Modells, das mit ChatGPT konkurriert, gebe es „eine Neubewertung chinesischer innovativer Vermögenswerte“, sagte Jerry Wu, Fondsmanager bei Polar Capital. Die Dynamik in der Volksrepublik beschränke sich aber nicht auf DeepSeek, sondern habe in allen Bereichen zugenommen, von der Künstlichen Intelligenz bis zur Biotechnologie und Robotik. Polar Capital, ein in London ansässiger Vermögensverwalter mit einem Volumen von 20 Milliarden Dollar, wechselte Ende 2024 von einer Untergewichtung zu einer positiven Haltung gegenüber China.
Auch Benjamin Low von der Investmentfirma Cambridge Associates registriert bei seinen Kunden wachsendes Interesse nach China-Fonds. Viele nicht in Asien ansässige Kapitalanleger würden in diesem Jahr Reisen nach China und Hongkong planen, um Investitionsmöglichkeiten zu erkunden. „Einige davon zum ersten Mal seit Covid.“
Probleme bestehen fort
Allerdings steckt die chinesische Wirtschaft weiterhin in einer Schwächephase, wie die Daten zur Industrieproduktion sowie den Einzelhandelsumsätzen zuletzt zeigten. Ausländische Direktinvestitionen gingen in den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13,2 Prozent zurück. Die fragile Wirtschaftslage ist einer der Hauptgründe dafür, dass sich die ersten Schritte der Vorreiter noch nicht in nennenswerte langfristige Kapitalzuflüsse umgesetzt haben. Der Deflationsdruck in China hindere ihn daran, den gesamten Markt überzugewichten, sagte etwa Alexander Redman, Chefstratege von CLSA für Aktien. Damit die Rally auch nach 2025 anhalte, müsse der KI-Boom der Gesamtwirtschaft zugutekommen, konstatierte Fondsmanager Wu.
Ausländische Investoren befänden sich derzeit in einer „Neubewertungsphase“ und konzentrierten sich auf Chinas langfristige Wettbewerbsfähigkeit, sagte Cheng Yu, Portfoliomanager der AllianzGIs China-Fondseinheit. „Ausländisches Kapital steht vor der Tür und beobachtet die Lage.“
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