Elsässers Auslese: Wo sind die Manager mit Zivilcourage?
Die jüngsten Vorfälle bei Volkswagen und die Schlagzeilen rund um die Fifa und das Fußballgeschäft sind nur einige Beispiele, die deutlich machen, wie wichtig das Thema Business-Ethik ist. Im Zentrum der Kritik steht die ethische Gesinnung der Führungsverantwortlichen. Wenn die Defizite und Katastrophen zu Tage treten, wird schnell auf die Mängel des Systems oder der Organisationsstruktur verwiesen. Aus meiner Sicht ist dies ein großer Irrtum. Auch die Einrichtung eines speziellen Vorstandsressorts bei VW ist die nicht die Lösung. Das Versagen liegt immer bei dem einzelnen Menschen, nicht im System. Systeme und Organisationen sind keine eigenständigen Gebilde, sondern bestehen aus Menschen. Worauf es ankommt ist: Zivilcourage.
Aufgerüttelt durch die Ereignisse dieser Tage, musste ich sofort an einen spektakulären Fall von unethischem Verhalten einerseits und Zivilcourage andererseits denken: Credit Suisse und Swissair gegen Christopher Chandiramani. Ein Fall, der zwar schon 15 Jahre zurückliegt, aber nicht in Vergessenheit geraten sollte, weil er ein Paradebeispiel und Lehrexempel ist, das den derzeit involvierten und verstrickten Managern Mut machen sollte.
Von Revoluzzern, Besessenen und Ochsen
Wie hat es ein Lehrling geschafft, Deutschlands erfolgreichste Drogerie-Kette aufzubauen? Und wie schaffte es ein Bauernsohn, der als Tbc-Kranker von allen Vergnügungen seiner Altersgenossen ausgeschlossen war, zum Chef der McKinsey zu werden? Martin Steinmeyer und Rudolf Schröck haben prominenten Männern aus Wirtschaft, Sport und Kultur die Rezepte für den Aufstieg entlockt und sie in ihrem Buch „Erfolge und ihr Geheimnis“ (Plassen Verlag. 19,99 Euro) veröffentlicht. In den Interviews berichtet Adidas-Chef Herbert Hainer, dass er wie ein Ochse trainierte, und der Verleger Dirk Ippen betont, wie wichtig es war, seine eigenen Schwächen durch qualifizierte Mitarbeiter zu kompensieren. Und in den meisten Gesprächen wird auch klar, dass manchmal vor allem eine große Portion Glück den Erfolg bringt. Bei seinem entscheidenden Tor im Pokalendspiel 1973 hätte der Ball "eigentlich drüberfliegen müssen", sagt Günter Netzer, "aber er war drin."
Foto: dpaGünter Netzer, Ex-Fußballprofi und Vereinsmanager, heute Manager beim Sportrechte-Unternehmen Infront
»Akribie und Empathie sind für mich der Schlüssel zum Erfolg. Ich war immer gut vorbereitet, weil ich ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein und Besessenheit habe. Wenn man etwas nicht unbedingt will, wird man es auch nicht erreichen.«
Foto: dpaWolfgang Porsche, Aufsichtsratschef der Porsche AG
»Unternehmer kommen nur voran, wenn sie bereit sind, sich und ihr Unternehmen ständig zu hinterfragen und zu verändern. Ein moderner Unternehmer muss auch manchmal ein Revoluzzer sein.«
Foto: dpaHerbert Hainer, Adidas-Chef
»Ich habe für Dingolfing und Landshut in der Amateurliga gespielt. Da waren Fußballer, die deutlich talentierter waren als ich. Aber ich habe trainiert wie ein Ochse und bin zweimal Torschützenkönig geworden. Ohne Training kein Erfolg – das gilt auch im Geschäftsleben: an den Dingen arbeiten, die noch nicht laufen. Versuchen, sich und andere zu verbessern und weiterzutreiben.«
Foto: dpaGötz Werner, Gründer der Drogeriekette dm
»Warum heißt Erfolg Erfolg? Weil er Folgen hat! Und was sind die Folgen des Erfolgs? Dass man nicht so weitermachen darf, wie man zum Erfolg gekommen ist. Oder wie es Einstein formuliert hat: ,Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.‘«
Foto: dpaHerbert Henzler, Ex-McKinsey-Deutschland-Chef
»Es gibt diesen wunderbaren Satz von Woody Allen: ,90 Percent of Success is Being There.‘ Und ich war oft zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle – dafür braucht man Glück.«
Foto: dpaMark Wössner, Ex-Bertelsmann-Chef
»Die Geigerin Anne-Sophie Mutter wusste schon mit zehn Jahren: ,Ich will Weltgeigerin werden!‘ Und sie ist es, basierend auf einzigartigem Talent und großer Willenskraft, auch geworden. Für mich ist deshalb unbedingter Erfolgswille primäre Grundlage, auf der Erfolg aufbaut.«
Foto: WirtschaftsWocheAndreas Jacobs, Chef der Jacobs Holding AG
»Ich bin nicht der Typ, der nur ein bequemes Leben führen möchte – nach dem Motto ,Meine Frau, meine Kinder, mein Haus, mein Auto, meine Pferde‘ – und bloß keinen Stress, keine Krise, keine Kündigungen. Krisenmanagement ängstigt mich nicht. Ich freue mich über jede Herausforderung.«
Foto: WirtschaftsWocheKonrad Bernheimer, Kunsthändler
»Man muss sich in seinem Metier absolut auskennen. Mir macht heute deshalb keiner was vor, weil ich den Job des Kunsthändlers von Grund auf gelernt habe – von den Teppichen über die Malerei bis zu den Alten Meistern.«
Foto: WirtschaftsWocheFranz Beckenbauer, ehemaliger Fußballspieler, Fußballtrainer und heute Ehrenpräsident des FC Bayern München
»Das Wichtigste, was ich vom Fußball für meine spätere Zeit übernommen habe, ist das mannschaftliche Denken. Das ist in einem Unternehmen nicht anders. Natürlich muss es – wie in einem Fußball-Team auch – eine gewisse Hierarchie geben. Aber die Basis für unternehmerischen Erfolg ist die Zusammenarbeit.«
Foto: dpaDirk Ippen, Zeitungsverleger
»Umgebe dich nie mit Leuten, die dir nach dem Mund reden! Oft sind Querdenker die besten Kreativ-Köpfe für ein Unternehmen. In meiner Anfangszeit gab es einige Ressortleiter, die richtig unbequem waren. Wir haben uns oft gestritten, aber am Ende stand eine bessere Zeitung.«
Foto: dpa
Ich schätze mich glücklich, dass ich Herrn Chandiramani in Zürich im Jahre 2002 kennenlernen durfte. Er war im Juli 2000 nach fast 20-jähriger Tätigkeit als Analyst und Fondsmanager bei der Credit Suisse Gruppe entlassen worden. Grund für seine Entlassung war sein Mut, gegen den Willen seiner Vorgesetzten, eine negative Einschätzung zur Substanz und Integrität der Swissair (die damalige „SairGroup“) zu veröffentlichen. Die Bank und die Airline waren damals durch Geschäftsleitung und Verwaltungsrat miteinander verbandelt. Um den Gerüchten mancher Pressestimmen entgegen zu treten, wollten sie Herrn Chandiramani einen Maulkorb verpassen. Sie entschlossen sich, ihn vor die Tür zu setzen.
Im Frühjahr 2001 ging Christopher Chandiramani in Zürich vor Gericht. Er hat Recht behalten. Gut sechs Monate später blieben die Flugzeuge am Boden, die Swissair ging spektakulär Konkurs. Die Ikone der Schweizer Wirtschaft war Pleite. Sogar die Auffanggesellschaft, die „Swiss“ wurde zwei Jahre später an die Lufthansa billigst abgegeben. Eine Blamage für die Züricher Wirtschaftselite. Chandiramani hatte ins Schwarze getroffen. Bilanztrickserei, Finanzakrobatik und verfehlte Akquisitionen hatten schließlich ein böses Ende gefunden.
So sah der Preis aus, den die Preisträger in Empfang nahmen. Die Boston Consulting Group konnte sich erneut als Gesamtsieger behaupten. Bewertet wurde sowohl der Ruf als auch die Leistung der Berater – und zwar aus Kundensicht. Die beiden Branchenexperten Frank Höselbarth von der auf Unternehmensberatungen spezialisierten People und Brand Agentur und der Frankfurter BWL-Professor Lars Wellejus ermittelten in einem dreiteiligen Verfahren die Markenstärke und die Fähigkeit zur Wertsteigerung. Als Grundlage diente ihnen eine Erhebung, für die 1500 deutsche Unternehmen nach ihrer Meinung zu 40 großen und mittleren Beratungshäusern befragt wurden. Zusätzlich konnten sich die Beratungen auch mit einzelnen Projekten bewerben, die anschließend von einem Fachbeirat und einer Jury bewertet wurden.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDurch den Abend führten WirtschaftsWoche-Redakteur Daniel Rettig und Sabine Stamm
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheBWL-Professur Lars Wellejus ermittelte zusammen mit Frank Höselbarth den Gewinner des Wettbewerbs.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheBranchenexperte Frank Höselbarth von der People und Brand Agentur.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheIn der Kategorie Restrukturierung belegte PricewaterhouseCoopers den ersten Platz. Im Bild: Nicolas Reinhart (Mitte), Apcoa, Daniel Judenhahn (2. v. r.), PwC
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDen ersten Platz in der Kategorie Supply-Chain-Management sicherte sich Ernst & Young. Im Bild von links nach rechts: Alexander Warmulla, Ernst & Young , Dr. Achim Gerstlauer, BASF, Dr. Frank Jenner, Ernst & Young, Stephan Heidemann, BASF
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheRoll & Pastuch belegten Platz eins in der Kategorie Marketing und Vertrieb. Im Bild (v.l.n.r.): Prof. Dr. Oliver Roll, Robert Hartung, LR Health & Beauty Systems, Steffen Kampmann, Roll & Pastuch
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheErnst& Young holte sich auch den ersten Platz in der Kategorie IT-Management. Den Preis nahmen Jens Koerner und Holger Wilkens entgegen
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Als beste Unternehmensberater im Bereich Personalmanagement wurde die Promerit AG ausgezeichnet. Im Bild (v.l.n.r): Andrea Anderson, Nicole Gilbert, Kai Anderson und Malte Martensen von der Promerit AG
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDen ersten Platz im Bereich M&A, Finanz- & Risikomanagement belegte Network Corporate Finance. Im Bild (v.l.n.r.): Frank Schönert, Sebastian Altmayer, Natalia Nesterenko, Alexander Maluche, Michael Barfuß.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDer erste Platz in der Kategorie Wettbewerbsstrategie ging an Stern Stewart. Im Bild (v.l.n.r.): Gerhard Nenning, Ralph Hesse, Olaf Paltian.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDie Gewinner wurden natürlich gebührend gefeiert
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDoch nciht nur die Gesamtunternehmen, auch die besten Projekte wurden von der Jury gekürt
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWochePrämiert wurde auch AlixPartners. Die Auszeichnung nahm Axel Schulte entgegen
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWochePrämiert wurde auch Roland Berger. Die Auszeichnung nahm Martin Streichfuss entgegen.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheMit dem Prädikat "Exzellent" wurde Simon-Kucher & Partners Strategy & Marketing Consultants versehen. Im Bild (v.l.n.r.): Dr. Georg Tacke, Dr. Klaus Hilleke
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheAuch Deloitte Consulting wurde prämiert. Den Preis nahm Fabian Marckstadt entgegen.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDas Prädikat "Exzellent" erhielt Horváth. Im Bild (v.l.n.r.): Dr. Oliver Greiner, Christiane Marie Wilkins, Thorsten Lips.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWochePrämiert wurde zudem auch Barkawi Management Consultants. Im Bild (v.l.n.r.): Marco Piovano, AGCO, Dr. Andreas Baader, Jasmin Drescher, Oliver Bendig, Barkawi Management Consultants.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Die Asuzeichnung "Exzellent" erhielt auch Höveler Holzmann Consulting. Den Preis nahmen Florian Holzmann und Dr. Bernhard Höveler entgegen.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWochePrämiert wurde auch Goetzpartners Corporate Finance. Im Bild: Marc Boscheinen, Dr. Jan-Hendrik Röver.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDas Prädikat "Exzellent" erhielt PricewaterhouseCoopers. Im Bild (v.l.n.r): Moritz Wewer, PwC, Angelika Heinl, Merck, Marcus Völmecke, PwC.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheEin weiterer Preis für PwC. Im Bild: Holger Herbert, PwC, Dr. Peter Gassmann, Strategy&.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDas Prädikat "Exzellent" ging auch an AutomotiveTraining & Consulting. Im Bild: Andreas Schwarz (links), René Baumann (rechts).
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWochePrämiert wurde auch Camelot ITLab. Im Bild: Uwe Eisinger, Mario Baldi.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDas Prädikat "Exzellent" erhielt CSC Deutschland. Im Bild (v.l.n.r.): Philipp Elkuch, Jürgen Hiller, DB Schenker, Jens Lucke, Daniel Walz, DB Systel, Nicki Skujat.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheDas Prädikat "Exzellent" erhielt auch Allianz SE - Allianz Inhouse Consulting. Im Bild (v.l.n.r.): Dr. Gerhard Hastreiter, Hermann Rothert, Isabella Edelmann, Philipp Anders, Andreas Brunner, Andreas Koch.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ich habe stets den Kontakt zu diesem mutigen Mann gehalten. Herr Chandiramani berichtet mir, dass seine Gerichtsverhandlung damals in der Schweiz der größte Arbeitsgerichtsprozess mit der meisten öffentlichen Beachtung war, wie der vorsitzende Richter ihm versicherte. Es kam zu beinahe täglicher Berichterstattung. Überraschend wohlgesinnt waren die Medien, die ihm den Rücken stärkten. Vor dem Arbeitsgericht erschienen sogar Fernsehstationen und 20 bis 30 Medienschaffende, um ihn zu unterstützen.
Anders ging es dagegen innerhalb der Credit Suisse zu. Herr Chandiramani berichtete mir: „Zunächst hielt keine einzige Person von der Bank zu mir. Alle hatten Angst, erst später kontaktierten mich Einzelne. Offenbar wurden die Leute gewarnt, mit mir in Kontakt zu treten“. Keiner seiner Kollegen oder Vorgesetzten hat es gewagt, sich öffentlich für ihn und seine Sache einzusetzen. Auch in der Anwaltsszene stieß er auf Widerstand. Die erste Anwaltskanzlei legte das Mandat nieder mit der Bitte um Verständnis, aus Angst vor einem Boykott durch Großbanken. Erst ein unabhängiger Anwalt, ein Bekannter aus der Militärdienstzeit, zog den Prozess für Chandiramani durch. Mein Freund erinnert sich: „Es gab mehrere Gerichtssitzungen. Der Prozess zog sich zwei Monate hin. Die Bank blieb stur. Erst auf Druck des Gerichts gegen die Bank einigte man sich auf eine Abfindung in Höhe eines Jahresgehalts“.
Befragt, was er aus heutiger Sicht jemandem in einer ähnlichen Situation mit auf den Weg geben würde, sagt Christopher Chandiramani: „Auf jeden Fall ist das ein Einschnitt ins Leben und in die Berufsentwicklung, ein persönliches Erdbeben. Besonders wenn man für „gute Arbeit“ entlassen wird“. Ohne Zweifel ein harter Weg.
Insgesamt fühlt sich Herr Chandiramani heute gestärkt. Ihm gelang es, ein neues Leben aufzubauen. Er ist heute vorwiegend in der Schweizer Politik mit seinem Finanz Know-how als Parlamentarier tätig.
Ich habe bewusst diesen Fall etwas detaillierter aufgezeigt. Es ist gut zu wissen, was auf einen zukommen kann. Denn ich weiß, auch im Volkswagen Konzern und in den Fußballverbänden sind aufrichtige und anständige Menschen tätig. Vielleicht ermutigt es den einen oder anderen über das Thema Zivilcourage nachzudenken. Es ist auf Dauer besser, morgens mit Freude in den Spiegel zu schauen. Ich weiß, es lohnt sich. Nur Mut. Mein Freund Christopher Chandiramani, heute 58 Jahre alt, Schweizer Bürger in Rapperswil, er hatte ihn.
In diesem Sinne auf in eine starke Woche,
Ihr Markus Elsässer