Fed und EZB: Der gefährliche Balanceakt der Notenbanken
Donald Trump dürfte am Mittwoch jeden Satz von Jerome Powell genau verfolgen. Allerdings wird das, was der Chef der US-Notenbank Fed dann sagt, wohl eher nicht im Sinne des Präsidenten sein. Die Mehrheit der Marktteilnehmer geht davon aus, dass die US-Währungshüter den Leitzins, der aktuell zwischen 4,25 und 4,5 Prozent liegt, unverändert lassen werden. Laut den Terminmärkten erwarten das knapp 98 Prozent der Anleger.
Trump findet den aktuell Leitzins viel zu hoch. Angesichts sinkender Ölpreise verlange er sofort sinkende Zinsen, hatte der neue US-Präsident in der vergangenen Woche auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos gepoltert. Die etwas verquere Logik hinter seiner Forderung: Gehe der Ölpreis zurück, sänken auch die Verbraucherpreise, woraufhin die Zinsen ebenfalls sinken könnten, weil sie nicht mehr im Kampf gegen die Inflation benötigt würden. Später legte Trump noch einmal gegen Powell nach: „Ich denke, ich kenne die Zinssätze viel besser.“
Powell wird sich also erklären müssen. Mehr als die Zinsentscheidung selbst dürfte die Finanzmärkte interessieren, wie der Chef der US-Notenbank auf Trumps Verbalattacken reagiert. Immerhin gilt die politische Unabhängigkeit der Notenbanken als höchstes Gut der Geldpolitik. Fällt sie, wäre das insbesondere für den Anleihemarkt ein großes Problem.
Der Schuldendienst wird teurer
Der Markt für US-Staatsanleihen ist einer von Trumps größten Gegnern. Nur so lässt sich sein Angriff auf Chef-Notenbanker Powell überhaupt erklären. Je höher die Renditen der sogenannten Treasuries steigen, desto teurer wird es für Trumps neuen Finanzminister Scott Bessent, neue Schulden zu machen. Hält Trump an seinen Steuersenkungsplänen fest, könnten die hohen Zinsen für Bessent zum Problem werden. Ähnlich ist es zum Beispiel 1993 Präsident Clinton passiert. Auch der damalige US-Präsident musste von seinen expansiven Plänen abrücken, weil die Renditen auf US-Staatsanleihen zu hoch gestiegen waren.
Aktuell liegen die Renditen für Treasuries mit zehnjähriger Restlaufzeit bei 4,56 Prozent. In der Woche vor Trumps Amtsantritt waren es aber bereits 4,8 Prozent. Die Grenze von fünf Prozent gilt bei vielen Analysten als gefährliche Schwelle für die Märkte.
Muss Jerome Powell also um seinen Job fürchten? Der Vertrag des Währungshüters läuft noch bis Mai 2026. Vor Trumps Amtsantritt war zunächst unklar, inwiefern Trump in die Fed hineinregieren würde. So gab es unter anderem Gerüchte, sein Team arbeite an einem Plan, wie er Powell entmachten könnte. Später beschwichtigte Trump.
Dabei hat der von Trump selbst ins Amt berufene Powell durchaus Erfolge vorzuweisen. Immerhin ist ihm die sogenannte "sanfte Landung“ gelungen, er hat die Zinsen deutlich gesenkt, ohne dabei die Wirtschaft abzuwürgen.
Pech für Powell: in der gleichen Zeit haben sich die Bondmärkte zunehmend von den Entscheidungen der Notenbanken entkoppelt. Obwohl die Fed die Zinsen deutlich gesenkt hat, ist die Rendite für US-Treasuries im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen.
Wie gefährlich das Einmischen Trumps wäre, zeigen auch die jüngsten Äußerungen von der Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde. In einer Videobotschaft warnte Lagarde, stabile Preise müssten weiterhin die Entscheidungsgrundlage der Notenbanker bleiben. Politischer Druck dagegen ließe Wechselkurse und Anleiherenditen stärker schwanken und hätte so einen sehr negativen Einfluss auf das Vertrauen in die Märkte.
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Das ist gerade am US-Bondmarkt besonders wichtig. Rund 28,3 Billionen Dollar an handelbaren Papieren hat das US-Finanzdepartment aktuell in seinen Büchern stehen. Das ist etwa das Sechsfache von Deutschlands Wirtschaftsleistung (BIP). Zudem gelten US-Anleihen als weltweit sicherste Anlageform: Mit dem Dollar als Leitwährung gilt es als nahezu ausgeschlossen, dass die Papiere ausfallen und das Land zahlungsunfähig wird. US-Staatsanleihen sind deshalb das Schmiermittel für die globalen Finanzmärkte, andere Märkte wie der US-Hypothekenmarkt hängen unmittelbar an den Bewegungen der Treasuries.
Wäre der Zins dank Trump künstlich niedrig, würde das zwar wie vom Präsidenten erhofft die Konjunktur antreiben, aber auch den Dollar entwerten. Ob es für Trump überhaupt möglich wäre, Powell vorzeitig zu feuern, ist zudem rechtlich höchst umstritten.
Generell erwarten die meisten Analysten, dass die Währungshüter zunächst abwarten werden, wie Trump und sein Team weiter vorgehen werden, vor allem beim Thema Zölle. „Was die Konsequenzen der im Raum stehenden Zollerhöhungen angeht, wird man noch einige Zeit im Dunkeln tappen“, sagt Harald Preißler, Kapitalmarktstratege beim auf Anleihen spezialisierten Vermögensverwalter Bantleon.
Zeit verschafft die weiterhin robuster als erwartet wachsende US-Konjunktur Powell und seinen Kollegen Zeit. Erik Weisman, Chefökonom bei MFS Investment Management rechnet frühestens im Juni mit der nächsten Zinssenkung seitens der Fed. Insgesamt preisen die Terminmärkte gerade nur noch eine Zinssenkung ein.
Trotzdem besteht für Trumps Forderung noch Hoffnung: Fed-Vizepräsident Christopher Waller deutete zuletzt an, die Kerninflationsrate (ohne Preise für Nahrung und Energie) läge näher am zwei Prozent-Ziel der Fed als bisher erwartet. „Die Fed könnte die Leitzinsen tatsächlich schneller senken als von den Terminmärkten derzeit eingepreist“, heißt es beim Anleihemanager Bantleon.
Entscheidend wird für die Märkte, wie sich Trumps Politik auf das Preisniveau in den USA auswirken wird. Steigen die Preise wie erwartet durch höhere Zölle und wachsenden Konsum, müsste die Notenbank darauf mit steigenden Zinsen reagieren und die Renditen für Staatsanleihen dürften einen erneuten Anlauf auf die Marke von fünf Prozent nehmen.
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Etwas einfacher ist die Lage bei der EZB. Die Wirtschaft der Euro-Zone wächst vor allem dank den Problemen der Schwergewichte Deutschland und Frankreich verhalten, Analysten rechnen deshalb damit, dass EZB-Chefin Lagarde den Leitzins in der Euro-Zone moderat um 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent senken wird. Auch der Ausblick ist weniger zurückhaltend: „Unter der Annahme, dass das wirtschaftliche Umfeld mild bleibt, dürfte die EZB die Leitzinsen bis zum Sommer auf ein neutrales Niveau von 2 Prozent senken“, sagt Kevin Thozet aus dem Investmentkomitee des Vermögensverwalters Carmignac.
Neben der Frage, ob sich Lagarde zu Themen wie Unabhängigkeit der Fed unter Trump oder dessen Zollpolitik äußern wird, könnte die Währungshüterin am Donnerstag in Frankfurt auch auf die Frage eingehen, wer jetzt eigentlich die Staatsanleihen kauft – denn die Kaufprogramme der EZB sind nun endgültig ausgelaufen.
Laut Daten der Zentralbank selbst ist etwa bei Bundesanleihen insbesondere der Anteil ausländischer Investoren als Käufer gestiegen. In Italien dagegen sind es primär private Haushalte, die als Käufer eingesprungen sind. Für die Finanzmärkte ist das Thema durchaus relevant. Während die Zentralbank die Anleihen immer bis zur Fälligkeit in ihren Büchern hatte, muss das anderen Investoren nicht zwingend so sein. Die Anleihemärkte könnten also tendenziell stärker schwanken als bisher. Egal ob mit oder ohne Einfluss von Präsident Trump.
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