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  4. Hoher Weizenpreis: Die Terminbörsen trägt keine Schuld

Knappheit bei AgrarrohstoffenBaywa-Chef Klaus Lutz: „Uns droht ein Afrikanischer Frühling“

Der Vorstandschef von Deutschlands größtem Agrarhändler warnt vor Versorgungsengpässen bei Grundnahrungsmitteln. Ohne die Investoren an den Warenterminbörsen wäre die Lage wohl noch viel schlimmer.Frank Doll 29.04.2022 - 15:10 Uhr

Weizenknappheit

Foto: imago images

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie ähnelt sich. Im Jahr 2011 trieb Trockenheit in Russland und der Ukraine den Weizenpreis nach oben. Die beiden wichtigsten Weizen-Exportländer schränkten damals ihre Ausfuhren ein. Heute sorgt der Krieg für Exportausfälle. In der Ukraine sind Ernte und Aussaat des Getreides massiv gefährdet. Russlands Exporte sind teilweise Sanktionen unterworfen, werden vom Kreml aber auch gezielt als Waffe eingesetzt, um andere Teile der Welt zu destabilisieren. Die Folge: Dem Weltmarkt fehlen ein Drittel der Weizenexporte.

Leidtragende sind erneut viele Länder der arabischen Welt, die auf Weizenimporte aus der Schwarzmeerregion angewiesen sind. Vor gut zehn Jahren brachen in sieben Ländern der Region blutige Unruhen aus. Der Arabische Frühling sowie das daraus entstandene Machtvakuum waren auch eine Folge dramatisch gestiegener Lebensmittelpreise.

Im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Chefredakteur Beat Balzli warnt Klaus Lutz, der Vorstandschef von Deutschlands größtem Agrarhändler Baywa, in Anlehnung an die Ereignisse in der arabischen Welt vor einem Afrikanischen Frühling. Er verweist auf die Bürgerkriege im Jemen, in Eritrea und Somalia und die dortige Jahrhundertdürre. Diese Faktoren verschärften die Versorgungslage für den gesamten Kontinent weiter. 

Wer an der Weizenmisere indes keine Schuld trägt: Die Händler an der wichtigsten Warenterminbörse der Welt. Bei steigenden Agrarrohstoffpreisen müssen sie oft als Sündenböcke herhalten. Ohne sie wäre die Lage aber womöglich noch deutlich schlechter.

Absicherung seit dem Mittelalter

Schon vor dem Krieg in der Ukraine legten die Getreidepreise massiv zu. Heute notiert ein Scheffel (Bushel) Weizen, rund 27 Kilogramm, an der Chicago Board of Trade (CBoT) bei 1071 US-Cent. Das ist etwa doppelt so hoch wie Mitte 2020. Die CBoT ist die weltgrößte Börse für den Handel von Agrarrohstoffen. Solange sich die Ernteaussichten nicht spürbar aufhellen und die Kriegsparteien Frieden schließen, sehen auch die Händler an dem 1848 gegründeten Handelsplatz keine Entspannung der Versorgungslage.

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Produzenten verkaufen an der CBoT eine fixe Menge zu einem zukünftigen Zeitpunkt und festen Preis, Händler oder Finanzanleger halten dagegen. In der Regel wird die Ware zum Termin aber nicht geliefert, sondern die Akteure zahlen oder kassieren einen Wertausgleich in bar. Bis weit ins Jahr 2023 hinein werden an der CBoT Geschäfte auf Höhe des aktuellen Preisniveaus abgeschlossen.

Spekuliert werde da nicht, sagt Baywa-Chef Lutz. Im Gegenteil: Die Händler in Chicago gelten als konservativ und bodenständig. Sie sehen sich nicht in einer Riege mit den smarten Jungs an der Wall Street.

Bauern und Agrarhändler sichern sich seit Jahrhunderten mit Termingeschäften ab. Schon im Mittelalter wurden vorab ganze Schiffsladungen verkauft, bevor die Waren den Hafen überhaupt erreicht hatten. Das funktioniert aber nur, wenn Finanzinvestoren auf der Gegenseite in die andere Richtung wetten.

Finanzanleger für steigende Lebensmittelpreise verantwortlich zu machen, greift also zu kurz. Spekulanten sind bestenfalls Trittbrettfahrer, die bestehende Trends verstärken. Bevölkerungswachstum, Wetterextreme und jetzt der Krieg treiben die Preise stärker – und Regierungen, die mit Exportverboten das Angebot auf dem Weltmarkt verknappen. Einen globalen Agrarmarkt, in dem sich über Grenzen hinweg Überschüsse und Defizite ausgleichen lassen, gibt es nicht.

Spekulanten als Schmiermittel der Börse

Zwar werden weltweit jeden Tag Termingeschäfte abgeschlossen, deren Volumen ein Vielfaches der Ernte ausmachen. Börsenumsätze und Mittelzuflüsse allein sind aber nicht aussagekräftig. Offenen Kaufpositionen an Terminbörsen stehen immer genauso viele Verkaufspositionen gegenüber. Außerdem steht hinter einer Tonne realem Weizen mehr als nur ein Absicherungsgeschäft.

Landwirt, Agrarhändler, Mühle und Lebensmittelproduzent sichern ihren Preis ab. Am Terminmarkt treten tendenziell weniger Verarbeiter auf, die sich vor steigenden Preisen schützen, als Produzenten, die sich gegen fallende Preise absichern wollen. Finanzinvestoren springen in die Bresche und gleichen diese Asymmetrie aus. Würden sie sich zurückziehen, fielen sie als Gegenpartei der Bauern aus. Deren wirtschaftliches Risiko wäre dann höher. Spekulanten sind also in gewissem Sinne ein notwendiges Schmiermittel an den Terminbörsen. Ohne sie wäre die Misere am Weizenmarkt jetzt womöglich noch viel schlimmer.

Gerade bei Agrarrohstoffen ist kein Impuls von den Terminbörsen nötig, um extreme Preisbewegungen auszulösen. Schließlich lässt sich das Angebot von Weizen, Mais oder Soja nicht über Nacht erhöhen, selbst bei einer Vervielfachung des Preises. Weil Menschen aber regelmäßig essen müssen, können sie gerade auf wichtige Grundnahrungsmittel nicht verzichten. Fallen Ernten niedriger aus als erwartet, schnellen die Preise deshalb nach oben. Je leerer die Lager sind, desto stärker steigen die Preise – ganz ohne Spekulanten.
Einzelne Investoren auszuschließen oder Agrartermingeschäfte zu verbieten, hätte weniger Teilnehmer und weniger Liquidität am Markt zur Folge. Die Termingeschäfte einzelner Investoren hätten dann keinen geringeren, sondern sogar einen höheren Einfluss. Und die Gefahr, dass die Preise für Agrarrohstoffe stark schwanken, wäre viel größer.

Was bei einem Verbot des Terminhandels droht, zeigt die Geschichte: Im 19. Jahrhundert war die Getreidebörse in Berlin größer als die Wertpapierbörse. Großgrundbesitzer verkauften dort ihre Ernte auf Termin. 1894 stellte die Reichsregierung fest, dass im Getreidehandel auf ein „echtes“ Termingeschäft „20 speculativer Natur“ kämen. 1896 wurde der Terminhandel verboten. Die Folgen waren katastrophal: Bauern und Verarbeiter konnten sich nicht mehr gegen natürliche Ernte-Schwankungen absichern; viele gingen pleite. Was folgte, waren Schutzzölle und letztlich der Einstieg in die europäische Subventionierung der Landwirtschaft.

Lesen sie auch: Im Podcast erzählt Baywa-Chef Lutz, warum er mit einem Willy-Brandt-Poster seine Großmutter schockte, beim Süddeutschen Verlag „ohne Ende verprügelt“ wurde und der Krieg in der Ukraine auch für Ägypten eine Katastrophe ist.

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