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Neuer Chef der Deutschen BörseEin Investmentbanker wird Börsenlenker

Mit Carsten Kengeter steht ein ehemaliger UBS-Investmentbanker an der Spitze der Deutschen Börse, der einst über einen Handelsskandal stolperte. Jetzt muss er zeigen, dass er es besser kann als Vorgänger Reto Francioni.Yvonne Esterházy 04.05.2015 - 16:30 Uhr

„Im Ansatz deutsch, trotzdem zugänglich“. Ab Juni ist Kengeter offiziell Börsen-Chef.

Foto: Deutsche Börse

Die zwei Handys, die an diesem März-Vormittag in Wimbledon vor ihm auf dem Tisch liegen, deuten schon darauf hin: Ganz entspannt ist der Manager nicht, während er im Café seinen English Breakfast Tea trinkt. Carsten Kengeter ist in diesen Wochen damit beschäftigt, seine privaten Firmenbeteiligungen aufzulösen oder jedenfalls so neu zu ordnen, dass es keine Interessenkonflikte gibt. Der 48-Jährige hat in den vergangenen zwei Jahren in kleine Finanztech- und Biotech-Unternehmen investiert. Das muss jetzt sortiert werden. Kengeter ist seit 7. April Vorstand der Deutschen Börse. Nach der Hauptversammlung am 13. Mai soll er die Leitung des Konzerns und dann ab 1. Juni den Vorstandsvorsitz übernehmen. Da sind geordnete Verhältnisse von Vorteil.

Für Kengeter gehen rund zwei Jahre als Privatier, Investor und Gastprofessor an der London School of Economics (LSE) zu Ende. Zwei Jahre, in denen er einen ganz neuen Blick auf die internationale Hochfinanz, in der er seit zwei Jahrzehnten Karriere macht, gewonnen haben will. „Als ich draußen war, habe ich festgestellt, dass die Regulatoren sehr viel Gutes gemacht haben und die Banker eigentlich nicht“, sagt er. Auch die Forschung an der LSE, wo er sich mit Regulierungsthemen und der Finanzkrise befasste, trug offenbar zur Läuterung bei. Wissenschaftlich veröffentlicht hat der Gastprofessor seine Erkenntnisse freilich bisher nicht, Vorlesungen hat er auch keine gehalten. Aber vielleicht gewährt ja demnächst der Praxistest Einblicke darin, was genau Kengeters Forschungs- und Freizeitjahre so an Erkenntnis gebracht haben.

windeln.de

Der Online-Händler windeln.de, der auf Baby- und Kindersachen spezialisiert ist, will offenbar noch im ersten Halbjahr 2015 an die Börse. Das berichten Insider. Die Deutsche Bank, Goldman Sachs und die Bank of America Merrill Lynch seien beauftragt worden, der Firma beim Börsengang zu helfen.
Das frische Kapital soll dem Unternehmen Spielraum für seine weitere Expansion verschaffen. Die Banken wollen sich nicht zu den Plänen äußern, zunächst hatte das Wirtschaftsmagazin "BILANZ" über die Börsenpläne berichtet. Windeln.de wurde 2010 gegründet und schrieb 2014 bei einem Umsatz von 130 Millionen Euro einen kleinen Gewinn.

Foto: dpa

Sunrise

Der zweitgrößte Telekom-Anbieter der Schweiz, Sunrise, darf sich wohl über einen erfolgreichen Börsengang freuen. Die Nachfrage der Anleger war so hoch, dass das Volumen der Sunrise-Aktien sogar um 300 Millionen auf 2,3 Milliarden Franken erhöht werden konnte. Mit 68 Franken je Aktie landeten die Papiere in der Mitte der Preisspanne, kletterten aber schon am ersten Handelstag, dem 6. Februar, um über elf Prozent auf 78 Franken.

Mit dem Erlös will das Schweizer Unternehmen zunächst vor allem Schulden zurückzahlen. Zudem fließt Kapital in die Kassen des Haupteigentümers, Finanzinvestor CVC. Insgesamt lieferte Sunrise damit den größten Schweizer IPO seit acht Jahren.

Foto: REUTERS

Ferratum Oyi

Der finnische Finanzdienstleister hat Anfang Februar den Schritt auf das Frankfurter Börsenparkett gewagt. Mit einem Kursgewinn von bis zu acht Prozent ist das Debüt gelungen. Hinter Tele Columbus feiert Ferratum bereits den zweiten Frankfurter IPO 2015.

Das 2005 gegründete Unternehmen aus Helsinki vergibt Kleinkredite über 25 bis 2000 Euro, die per Handy oder Internet sofort abgeschlossen werden können. Von dem Börsengang-Volumen von brutto rund 110 Millionen Euro sollen rund 48 Millionen an Ferratum fließen. Das frische Geld will das Unternehmen in neue Produkte und die Expansion in weitere Länder stecken. Zudem soll sich Ferratum vom reinen Kreditanbieter nach und nach zu einer mobilen Bank entwickeln.

Foto: dpa

Tele Columbus

Der drittgrößte deutsche Kabelnetzbetreiber Tele Columbus startet seinen bereits im Herbst angekündigten Börsengang. Wie das Unternehmen mitteilte, werden 51 Millionen Aktien zu zehn Euro das Stück ausgegeben. Das gesamte Angebotsvolumen liege damit bei 510 Millionen Euro, davbon 333 bis 367 Millionen Euro aus Kapitalerhöhung. Erster Handelstag soll der 23. Januar sein.

Mit dem Geld will Tele Columbus seine Schuldenlast senken und in den Ausbau der eigenen Kabelnetze investieren. Zusätzlich zur Kapitalerhöhung werden auch Altgesellschafter Aktien verkaufen. Beteiligt an Tele Columbus sind unter anderem Londoner Finanzinvestoren. Kerngebiet des Kabelnetzbetreibers ist Ostdeutschland. Auch in einigen westdeutschen Gegenden besitzt der Anbieter Kabelnetze.

Foto: Screenshot

Etsy

Etsy, eine Online-Handelsplattform für Handgemachtes, will laut einem Bericht des US-Magazins mashable noch im laufenden Quartal an die Börse. Das Ebay für Heimwerker will mit der IPO rund 300 Millionen Dollar einsammeln. Über das gut zehn Jahre alte Portal wurden vergangenes Jahr Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar gehandelt.

Foto: Screenshot

Scout24

Schon vergangenes Jahr liebäugelte die Scout24-Gruppe, zu der Immobilienscout24, AutoScout24, die Datingseite FriendScout24 und das Finanzvergleichs-Portal FinanceScout24 gehören, mit dem Börsengang. Nachdem jedoch die Papiere von Zalando und RocketInternet ins Rutschen geraten waren, wurde es still um die IPO-Pläne. Doch Anfang 2015 könnte ein Börsengang durchaus wieder ein Thema werden.

Das Unternehmen ist derzeit mit gut zwei Milliarden Euro bewertet und gehört Hellman & Friedman (49 Prozent), Blackstone (21 Prozent) und der Deutschen Telekom (30 Prozent).

Foto: Screenshot

Axel Springer Digital Classifieds

Ebenfalls Anfang 2015 soll die Online-Anzeigenbörse Axel Springer Digital Classifieds aufs Parkett. Eigentümer sind Axel Springer SE (70 Prozent) und General Atlantic (30 Prozent), bewertet wird das Unternehmen derzeit mit rund drei Milliarden Euro. Wie groß das Volumen des Börsengangs sein soll, ist noch offen.

Foto: dapd

Bayer

Bayer will spätestens 2016 sein Kunststoff-Geschäft an die Börse bringen. Mit einem von Analysten geschätzten Wert zwischen zehn und elf Milliarden Euro wäre Bayer Material Science sogar ein Dax-Kandidat.

Foto: REUTERS

Die Erwartungen jedenfalls sind hoch. Als die Börse Ende Oktober Kengeters Ernennung bekannt gab, schwärmte die „Börsenzeitung“: „Ein prächtiger Fang für die Börse.“ Und Aufsichtsratschef Joachim Faber sagte: „Wir freuen uns sehr, dass es uns gelungen ist, einen so erfahrenen und qualifizierten Nachfolger für den langjährigen CEO der Deutschen Börse AG zu identifizieren.“ Reichlich Vorschusslorbeeren; vermutlich auch, weil sein Vorgänger Reto Francioni eine durchwachsene Bilanz hinterlässt. Da stört es kaum, dass ein ehemaliger Goldman-Sachs-Weggefährte Kengeters stänkert: „Er war ein Teflon-Mann“ – einer, an dem kein Problem hängen blieb.

Am Sitz der Deutschen Börse in Eschborn hätten es manche gerne gesehen, wenn der Neue schon im Januar angefangen hätte. Mit dem Unternehmen sei ja nichts mehr passiert in den vergangenen Jahren, viele langweilten sich, hört man. Nach der 2012 gescheiterten Fusion zwischen der Deutschen Börse und der New York Stock Exchange, die in letzter Minute von den EU-Wettbewerbsbehörden gestoppt wurde, hatte sich viel Frustration aufgebaut.

Die Börse, deren Führungsmannschaft geprägt ist von Männern um die 60, steht also vor einem Generationswechsel. Doch es geht um mehr als eine Verjüngungskur. Der Konzern soll internationaler werden, schneller, technologierorientierter. Es wird eine große Umstellung: für den Konzern und seine Mitarbeiter ebenso wie für Kengeter, der das Börsengeschäft nur als Nutzer von außen kennt und dessen Ruf seit seiner Zeit bei der UBS etwas angekratzt ist.

Alibaba

Dem chinesischen Online-Riesen gelang der größte Börsengang der Finanzgeschichte: Alibaba nahm bei der Aktienplatzierung in New York am 19. September über 25 Milliarden Dollar ein. Seitdem stieg der Kurs um 20 Prozent, Alibaba ist nun 280 Milliarden Dollar wert.

Foto: REUTERS

NN Group

Der größte Börsengang in Europa war das IPO der NN Group, der Versicherungssparte des Finanzkonzerns ING mit einem Emissionsvolumen von 2,4 Milliarden US-Dollar, vor dem IPO des britischen Verkehrsclubs AA, der 2,36 Milliarden US-Dollar einbrachte. Insgesamt gab es im Jahr 2014 sieben Börsengänge deutscher Firmen in Frankfurt und elf Emissionen von ausländischen Unternehmen, die zusammen 3,4 Milliarden Euro einbrachten.

Foto: REUTERS

SLM Solutions

Im Mai wagte sich das erste deutsche Unternehmen an die Börse. Die IPO des Lübecker 3D Drucker-Herstellers SLM Solutions fiel jedoch kleiner aus als geplant. Das Unternehmen teilte nur zehn Millionen statt der geplanten bis zu 11,2 Millionen Aktien zu. Der Preis lag mit 18 Euro am unteren Ende der bis 23 Euro reichenden Preisspanne. Der SLM-Börsengang hatte damit ein Volumen von 180 Millionen Euro.

Foto: dpa

Braas Monier

Im Juni machte der Dachpfannen- und Schornstein-Hersteller Braas Monier den bis dato größten Börsengang des Jahres in Deutschland perfekt. Das Unternehmen und seine Eigentümer nehmen mit der Emission bis zu 541 Millionen Euro ein. Die bis zu 22,5 Millionen Braas-Monier-Aktien würden zu je 24 Euro ausgegeben und damit im unteren Viertel der Preisspanne, die von 23 bis 28 Euro reichte. Allerding verlief der eigentliche Börsenstart. Mit 23,40 Euro wurden die Aktien zu Beginn des Handelstags unter dem Ausgabepreis von 24 Euro gehandelt.

Foto: dpa

Rocket Internet

Der Startup-Entwickler Rocket Internet schürte große Erwartungen. Rocket Internet nahm 1,4 Milliarden Euro ein, doch die Aktie kippte beim Debüt am 2. Oktober unter den Ausgabepreis. Inzwischen gibt es ein Kursplus von 50 Prozent, Rocket ist 8,3 Milliarden Euro wert.

Foto: dpa

Zalando

Der Mode-Händler Zalando gab seinen Aktionären erst keinen Grund, vor Glück zu schreien. Die Zalando-Aktie fiel gleich zum Start am 1. Oktober unter den Ausgabepreis und erholte sich erst nach guten Quartalszahlen. Der Marktwert liegt damit bei 5,6 Milliarden Euro.

Foto: dpa

GoPro

Der US-Hersteller von Abenteuerkameras begann als Hobby-Projekt - und ist heute zehn Milliarden Dollar wert. Schon beim Börsengang am 27. Juni sprang die Aktie von GoPro um mehr als 30 Prozent über den Ausgabepreis. Seit dem Debüt stieg der Kurs um mehr als 150 Prozent.

Foto: REUTERS

Hella

Der westfälische Autozulieferer nahm bei seinem Börsengang 430 Millionen Euro für die internationale Expansion ein. Die Hella-Aktie hält sich ohne große Sprünge über dem Ausgabepreis, das Unternehmen ist über drei Milliarden Euro wert.

Foto: dpa

Stabilus

Zu den deutschen Unternehmen, die sich 2014 aufs Parkett gewagt haben, gehört außerdem der Koblenzer Gasfedernhersteller "Stabilus". Und der Börsenstart selbst war fulminant: Der erste Börsentag des Spezialisten lag mit 22,75 Euro schon fast sechs Prozent über dem Ausgabepreis. Anschließend stieg die Aktie weiter bis auf 23,48 Euro. Nun nimmt das Unternehmen, das vor fünf Jahren knapp an der Pleite vorbeigeschrammt war, Kurs auf den Kleinwerteindex SDax. Mit einem Börsenwert des Streubesitzes von gut 280 Millionen Euro läge Stabilus schon jetzt im Mittelfeld des Index.

Foto: dpa

Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG)

Im Oktober startete der Gewerbeimmobilienkonzern TLG mit einem kleinen Plus in den Handel an der Frankfurter Börse. Die Aktie des auf Ostdeutschland fokussierten Berliner Unternehmens hielt sich nach einem ersten Kurs von 10,88 Euro über dem Ausgabepreis von 10,75 Euro. Dem Unternehmen fließen aus dem Börsengang 100 Millionen Euro zu, den Löwenanteil des Emissionsvolumens von bis zu 396 Millionen Euro kassiert aber der US-Finanzinvestor Lone Star. Er hatte den Bestand an Büros, Läden und Hotels aus dem Besitz der früheren Treuhandanstalt erst vor zwei Jahren von der Bundesregierung gekauft.

Foto: dpa

Kengeter war aus vollem Herzen Banker. Sein gesamtes Berufsleben arbeitete er für internationale Investmentbanken: Barclays de Zoete Wedd (BZW), zwölf Jahre Goldman Sachs, schließlich UBS London. Dort übernahm er 2008 die Leitung des Bereichs Zinsen, Währungen, Rohstoffe – damals das große Sorgenkind der Bank – und später die Leitung der Investmentbank. Immer weiter aufwärts ging es für den gebürtigen Heilbronner, der nun fast ein Vierteljahrhundert im Ausland gelebt hat. 2009 war er mit einem Gehalt von 13,2 Millionen Schweizer Franken und 2010 mit Bezügen von 9,3 Millionen Franken noch der Top-Verdiener der UBS. Der ehemalige Vorstandschef Oswald Grübel hatte ihn sogar zum Nachfolger auserkoren. Bis ein Skandalhändler namens Kweku Adoboli im September 2011 aufflog und Kengeters Höhenflug stoppte.

Wie man an der Börse die besten Chancen hat
Stop-Loss-Orders, bei deren Unterschreiten automatisch verkauft wird, disziplinieren und bewahren davor, permanent nach Kursen schauen zu müssen. Sinnvoll aber nur bei sehr liquiden Werten. Bei Aktien unterhalb des Dax gefährlich, weil Profis die Aktien unter das Stopp-Loss drücken und billig abfischen könnten.
Stimmen die Gründe für den Kauf noch, wird eine Aktie nur ihrer Kursgewinne wegen nicht riskanter. Also halten, auch dann, wenn es zwischenzeitlich nach unten geht. Verschlechtern sich wesentliche Parameter: verkaufen.
Angst und Gier treiben die Herde, so entstehen heftige Kursbewegungen, die aber auch schnell wieder drehen und deshalb gute Kauf- und Verkaufschancen bieten. US-Ökonom Robert Shiller zieht Parallelen zum Fußball: „Halte dich von der Meute fern, dann wird der Ball früher oder später zu dir kommen.“
Wer Unternehmen mit überzeugendem Geschäftsmodell hält, prüft Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Umsatz- und Cashflow-Entwicklung über viele Jahre und vergleicht sie mit den Zahlen der Konkurrenten. Gründe, die zu einem Investment führen, schriftlich festhalten: hilft klarer zu denken und kann, wenn der Wunsch, zu verkaufen übermächtig wird, nachgelesen werden.
Irren ist menschlich. Wer schon beim Aktienkauf festlegt, welches Minus er maximal akzeptiert, schützt sich vor Illusionen. Etwa der, nur noch Nachrichten wahrzunehmen, die die eigene positive Überzeugung stützen.

Adoboli hatte bei der UBS in London durch Luftbuchungen, fiktive Gegengeschäfte und Spekulationen auf börsennotierte Indexderivate Verluste in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar angehäuft. Kengeter, damals Chef der Investmentbank, musste dafür einen hohen Preis zahlen, in Form eines herben Karriereknicks. Dabei hatte Adoboli bereits 2006 begonnen, sein großes Rad zu drehen – als Kengeter noch bei Goldman wirkte.

Dennoch bot Kengeter, so sagt er, drei Mal nach dem Adoboli-Debakel seinen Rücktritt an. Er blieb aber, stattdessen ging UBS-Chef Grübel, Sergio Ermotti wurde dessen Nachfolger. Erst mit der strategischen Neuausrichtung der Bank, weg vom kapitalintensiven Anleihegeschäft und mit einer drastischen Verkleinerung der Investmentbank, wurde Kengeter Schritt für Schritt entmachtet. Im Sommer 2012 wurde ihm der ehemalige Bank-of-America-Banker Andrea Orcel als Co-Chef der Investmentbank zur Seite gestellt, im Oktober wurde Orcel alleiniger Chef, Kengeter stattdessen zum Chef der Abwicklungseinheit. Mitte 2013 verließ er die Bank.

Hört man Kengeter zu, wird klar: Sein Job bei der UBS stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Bank hatte bei seinem Amtsantritt 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, extreme Schlagseite. Es mangelte an Kontrollen, an Risikomanagement, an Steuerung.

Ab vom Schuss. Deutsche-Börse-Zentrale – nicht London, nicht Frankfurt, nur Eschborn.

Foto: dpa

Ein UBS-Mitarbeiter lobt seinen ehemaligen Chef als „sehr durchorganisiert – im Ansatz deutsch, trotzdem zugänglich“. Und so versucht er rückblickend, seiner Zeit bei der UBS etwas Positives abzugewinnen, eine gute Erfahrung sei sie gewesen und „hilfreich zur weiteren Orientierung“. Er wehrt sich dagegen, zum Sündenbock gestempelt zu werden: „Den zweiten Kapitän für den Untergang der Titanic verantwortlich zu machen, der nicht am Steuer war, sondern die Rettungsboote organisierte, ist nicht fair.“

Reine Weste bescheinigt

Ein aktueller Managing Director der UBS meint: „Letztlich trifft es natürlich die Leute oben.“ Kengeter aber sagt noch heute: Verantwortlich für Adoboli sei er nicht gewesen. Rückendeckung erhält Kengeter von seinem künftigen Chefkontrolleur Faber, der dem „Wall Street Journal“ sagte, der Aufsichtsrat habe im Zusammenhang mit dem Fall Adoboli einen intensiven Austausch mit allen relevanten Aufsichtsorganen, mit Gerichten und mit der UBS gehabt. Alle hätten Kengeter eine reine Weste bescheinigt.

Fest steht, dass die britische Finanzaufsicht, die die UBS im Zusammenhang mit dem Adoboli-Skandal wegen gravierender System- und Kontrollmängel rügte, Kengeter nicht im Visier hatte. Auch keine andere Aufsichtsbehörde hat ihn jemals beschuldigt. Das gilt auch für die Manipulation des Referenzzinses Libor, für die die UBS im Jahr 2012 eine Strafe von 1,5 Milliarden Dollar von den amerikanischen, britischen und Schweizer Aufsichtsbehörden aufgebrummt bekam.

Bei der britischen Finanzaufsicht FCA heißt es, es gebe keinerlei Hinweise dafür, dass Kengeter persönlich bei Libor Fehlverhalten vorzuwerfen sei. Der Bankenausschuss im britischen Unterhaus lud zwar Kengeters Ex-Co-Chef Alex Wilmot-Sitwell und ein paar andere UBS-Banker vor, nicht aber den Deutschen. Der Teflon-Mann eben.

Diese Unternehmen ziehen sich von der Börse zurück
Die AGO AG Energie + Anlagen (WKN A12UK4) fokussiert sich auf die Geschäftsfelder Planung und Bau von Energieversorgungsanlagen für Industriekunden und Kommunen. Angekündigt hat das Unternehmen sein Delisting am 17. April 2014, am 30. Dezember 2014 wird sich die AGO AG von der Börse zurückziehen.
Die Biolitec AG (WKN A1JXLS) ist einer der führenden Hersteller von Lasermedizin-Geräten. Seit dem 15. November ist das Unternehmen nicht mehr an der Börse, angekündigt hatte es das Delisting am 6. Mai 2014.
Die Wohnungsbaugesellschaft CD Deutsche Eigenheim AG (WKN: 620833) hat auf ihrer Hauptversammlung am siebten November 2014 ihr Delisting angekündigt. Einen konkreten Termin für den Börsenrückzug gibt es jedoch noch nicht.
Die Cycos AG (WKN: 770020), eine Tochtergesellschaft der Unify, hat ihr Delisting Anfang Juli angekündigt. Zum 22. Januar 2015 wird das Unternehmen von der Börse verschwunden sein.
Der Keramik-Konzern Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG (WKN: A1TNLL) hat sich bereits am 28. Oktober 2014 von der Börse verabschiedet.
Die DTB-Deutsche Biogas AG (WKN: A1E898) erzeugt und vertreibt Strom und Wärme aus Biogasanlagen. Das Unternehmen hat sein Delisting am 1. September 2014 angekündigt und am 20. Oktober umgesetzt.
Der Anbieter von Automatisierungstechnik, Elite World S. A. (WKN: A0JK6E), ist schon 1999 an die Börse gegangen. Heute gehören fast 89 Prozent der Aktien der Bernhard-Weiss-Stiftung. Zwischen 2004 und 2011 war die Aktie sogar im SDax gelistet. Seit dem 3. Oktober ist sie nicht mehr frei handelbar.
Die Elite World S. A. (WKN: A0JK6E) hat ihr Delisting am 7. Oktober 2014 angekündigt. Einen Termin für den Rückzug von der Börse gibt es noch nicht.
Die EPG AG (WKN: A12UK9), Spezialist für chemische Nanotechnologie, kündigte am 2. April 2014 den Rückzug von der Börse an. Noch sind die Aktien handelbar.
Die Franconofurt AG (WKN: 637262) erwirbt, verwaltet, vermietet, verkauft und renoviert Wohnimmobilien in Frankfurt und Umgebung. Obwohl das Unternehmen im Geschäftsjahr 2013 sehr erfolgreich gewesen ist und sogar Dividenden ausschüttete, hat sich die Franconofurt AG am 3. März entschieden, den Entry Standard Handel an der Frankfurter Wertpapierbörse zu kündigen.
Greater China Precision Components Ltd. (WKN: A0MZS3) hat sich zum 30. September von der Börse verabschiedet.
Auch die Hahn-Immobilien-Beteiligungs AG (WKN: 600670), Anbieter von Immobilien für den Einzelhandel, hat seinen Börsenrückzug beschlossen, weil nur wenige Aktien gehandelt werden, der Aufwand dafür aber hoch ist. Umgesetzt wird das Delisting am 18. Februar 2015.
Auch die Vermögensvermittler von der Informica Real Invest AG (WKN: 526620) haben der Börse bereits den Rücken gekehrt. Fünf Monate nach der Ankündigung folgte das Delisting am 15. August.
Für Jetter (WKN: 626400), den Hersteller von Automatisierungstechnik für Feuerwehrkraftzeuge, Traktoren und Laster verlor die Börsennotierung ihren Sinn, weil das Unternehmen zu einem großen Teil in das Schweizer Unternehmen Bucher aufging. Zum ersten Mai 2014 zog sich das Unternehmen von der Börse zurück.
Die Magix AG (WKN: 722078), Hersteller von Multimedia-Software, begründete den am 30. November vollzogenen Börsenabschied mit den Worten, es gehe dem Unternehmen auch ohne Eigenkapital von der Börse gut genug. Angekündigt wurde das Delisting im Mai 2014, danach fiel der Kurs.
Der Pflege- und Seniorenheimbetreiber Marseille-Kliniken AG (WKN: A1TNRR) nahm die Aktien nur zwei Monate nach der Ankündigung aus dem Handel, das Delisting erfolgte am 11. August 2014. Nach der Ankündigung im Juni brach der Aktienkurs um rund ein Drittel ein. Für die Aktionäre ein Tiefschlag.
Am 17. Februar kündigte die an der der Frankfurter Wertbörse notierte n.Runs AG (WKN: A0LEFF) ihr Delisting an. n.Runs ist über die Tochtergesellschaften in den Märkten Unified Communications und Videoconferencing als Systemhaus und Beratungsunternehmen positioniert. Am 5. Juni meldete das Unternehmen beim zuständigen Amtsgericht in Mainz Insolvenz an. Seit dem 10. September ist das Unternehmen von der Börse verschwunden.
Die Online Marketing Solutions AG (WKN: A0Z231) kündigte ihr Delisting am 18.Juli 2014 an. Am 30. September beendete das Unternehmen dann seine Notierung an der Börse.
Der Vorstand des finanzmarktorientierten Internetunternehmens Onvista (WKN: 546160) hat am 27. November 2014 beschlossen, den derzeit in Köln angesiedelten Geschäftsbetrieb nach Frankfurt am Main zu verlagern. Außerdem soll die Notierung im General Standard an der Frankfurter Börse im zweiten Quartal 2015 enden.
Das Informationstechnologie-Unternehmen Pironet NDH AG (WKN: 691640) bietet unter anderem ITK-Outsourcing- und Cloud- Computing-Lösungen an. Am 12. September tat das Unternehmen mit Sitz in Köln seinen Börsenrückzug kund, noch sind die Papiere jedoch handelbar.
Die Unternehmensberatung Plaut (WKN: A0LCDP) kündigte ihr Delisting am 19. Mai 2014 an. Am 27. Februar 2015 soll dann der Börsenrückzug erfolgen.
Die Primion Technology AG (WKN: 511700) kündigte das Delisting am 17. September an. Umgesetzt wurde es bisher nicht.
Die Schlossgartenbau AG (WKN: 730600) ist seit dem 12. November 2014 von der Börse verschwunden.
Die Schuler AG (WKN: A0V9A2) gehört zu den Weltmarktführern in der Umformtechnik. Am 4. April kündigte das Unternehmen seinen Rückzug von der Börse an.
Auch die Filmstudios Babelsberg (WKN: A1TNM5), das größte Filmstudio Europas, zahlen mehr für ihr Listing an der Börse, als es einbringt. Deshalb wurde am 30. September das Delisting bekannt gegeben.
Der Straßenbaukonzern Strabag AG (WKN: A0Z23N) hat den regulierten Handel an der Börse Düsseldorf bereits verlassen, aber noch sind die Aktien im Freiverkehr und an der Frankfurter Börse handelbar. Die Börsenstatuten in Düsseldorf schreiben vor, das Aktien nach einem Delisting noch ein Jahr in Frankfurt handelbar bleiben müssen. Strabag sucht nun nach einer Möglichkeit, auch den Handel in Frankfurt noch vor Ablauf der Frist im September 2015 zu beenden.
Der Verkehrssystemanbieter Swarco Traffic Holding AG (WKN: 723630) hatte ebenfalls nur einen Streubesitzt von zehn Prozent - zu wenig für einen wirklich liquiden Handel. Das Jahresergebnis soll durch die Einsparungen nach dem Delistig am 3. November 2014 jährlich um 100.000 Euro höher ausfallen.
Der Online-Flug- und Reisevermittler Travel Viva AG (WKN: A0HNGF) hat der Deutschen Börse am 19. Mai 2014 gekündigt und die Notierung am 26. Juni 2014 beendet.
Die VSM AG (WKN: 763700) ist auf Schleifmittellösungen für Metall- und industrielle Holzbearbeitung spezialisiert. Am 19. Mai verkündete die Vereinigte Schmirgel- und Maschinen-Fabriken Aktiengesellschaft ihr Delisting, am 31. Dezember wird sich das Unternehmen aus Hannover von der Börse zurück ziehen.
Auch für den Fondsvermittler und Finanzportalbetreiber wallstreet:online capital AG (WKN: A0HL76) steht der Aufwand einer Börsennotierung in keinem Verhältnis mehr zu seinem Nutzen. Am 28. November 2014, drei Monate nach der Ankündigung, verschwand das Unternehmen von der Börse.
Die Württembergische Lebensversicherung (WKN: 840502) soll vom Kurszettel verschwinden. Der Stuttgarter Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische (W&W) kündigte am 10. Dezember 2014 an, die Tochter binnen sechs Monaten von der Börse nehmen zu wollen, um Kosten zu senken.

Wohin er nun die Deutsche Börse steuern wird? In Fachkreisen wird spekuliert, ob Kengeter das Unternehmen umbaut, welche Projekte er beerdigen, welche Bereiche er abstoßen, mit wem er künftig enger kooperieren, was er kaufen könnte. Er muss neue Wachstumschancen ausloten, denn das klassische Börsengeschäft ist nicht mehr der große Treiber. Für die großen Geschäfte sorgt der Terminmarkt Eurex, der von Börsen-Vize Andreas Preuß geleitet wird; vier Fünftel der Kunden der Deutschen Börse sitzen in London. Er habe viele Ideen, die er aber im Moment noch mit niemandem teile, sagt Kengeter. „Meine Aufgabe wird es sein, diverse Brücken zwischen Frankfurt und dem Rest der Finanzwelt zu bauen.“

In den ersten Tagen in Frankfurt ging es ihm vor allem darum, Mitarbeiter und Unternehmen kennenzulernen. Ein früherer Kollege bescheinigt: „Er ist ein hervorragender Netzwerker“, einer ohne Arroganz, zugänglich: „Der nahm sich sogar Zeit für ein Schwätzchen mit den Praktikanten.“

Dabei haben viele Hochkaräter seinen Weg gekreuzt: Ex-Goldman-Kollege Marcus Schenck wird im Mai Finanzvorstand der Deutschen Bank, der Aufsichtsratsvorsitzende der Bank, Paul Achleitner, ist ebenso ein Goldman-Alumni. Schon seit etwa 20 Jahren kennt Kengeter Börsen-Aufsichtsratschef Faber. Der war es auch, der den Schwaben dazu überredete, nach Eschborn zu kommen. Avancen habe Faber ihm schon länger gemacht, ist zu hören.

„Ich bin ein verträglicher Kerl“, sagt Kengeter über sich selbst. Extrovertiert sei er, sagt ein ehemaliger Weggefährte, er sei ein „Händlertyp“. Als solcher bringt Kengeter viele Kenntnisse über die Bedürfnisse großer Börsenkunden mit. Die Vermutung liegt nahe, dass er Investmentbanken bei Konditionen und Umbau der Börsensysteme entgegenkommen wird. Kengeter gilt zudem, nicht zuletzt aufgrund seiner Privatinvestments, als technikaffin, er könnte stärker auf Fortschritte bei Infrastruktur und Technologie setzen – für Börsen heute der wichtigste Bereich.

Zudem wird dem anglophil auftretenden Deutschen ein starker Hang zur Internationalisierung attestiert. Eschborn wird zwar Hauptsitz der Börse bleiben, doch das Gesamtunternehmen muss künftig internationaler und besser mit den großen Finanzplätzen der Welt verknüpft werden. Aufgrund seines Werdegangs ist der designierte Börsenchef in London, Hongkong und New York bekannter als alle seine Vorgänger – ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Den Chef der Londoner Börse etwa, Xavier Rolet, kennt er „aus alten Zeiten“.

Speziell in Asien könnte Kengeter ein Gewinn fürs praktische Geschäft der Börse sein. Er kennt den Kontinent und seine Gepflogenheiten, weiß aber auch um die Probleme, die sich aus den fragmentierten Märkten mit vielen verschiedenen Aufsichtsbehörden ergeben: Kengeter hat vier Jahre in Hongkong gearbeitet, als er für Goldman Sachs als Co-Head das Asienwertpapiergeschäft mit Ausnahme Japans leitete.

Manche in Eschborn hoffen, der kommunikative neue Chef werde außerhalb der Börse mehr Präsenz zeigen als sein Schweizer Vorgänger. Noch aber gibt der Neue sich unauffällig. Auf keinen Fall will Kengeter Francioni in diesen letzten gemeinsamen Wochen die Schau stehlen.

Dafür ist der Schwabe auch viel zu unprätentiös. Sein Elternhaus in Deutschland war nicht geprägt von Luxus. Er selbst erzählt, es seien „sehr bescheidene Verhältnisse“ gewesen. Kengeter wuchs als Einzelkind auf, sein Vater war früh gestorben, seine Ausbildung finanzierte er durch Stipendien und Jobs. Auf ein glänzendes Abitur folgte die Bundeswehr, anschließend schrieb er sich an der Fachhochschule Reutlingen für ein europäisches Studium ein, erwarb den Diplom-Betriebswirt und einen Bachelorabschluss in Business Administration von der mit Reutlingen verschwisterten britischen Middlesex University. Es folgte ein Master in Finanzwirtschaft und Buchhaltung von der renommierten London School of Economics.

Warum der Sprung nach England? Er habe absichtlich ein Studium gewählt, „bei dem es schwer ist, reinzukommen“. Der Mann sucht Herausforderungen: Bergmarathon, lange Touren, Skirennen, Ausdauersportarten – „alles mit Erschöpfungspotenzial“. Die andere Seite: Yoga, klassische Gitarre, Marcel Proust, Werke des britischen Schriftstellers Thomas Hardy. Bei seinem Schwiegervater soll er gelegentlich Traktor fahren. Kengeters Frau Brigitte, eine diplomierte Ernährungswissenschaftlerin, stammt von einem Bauernhof.

Zu seinem Engagement in Eschborn sagt er: „Es hat schon ein bisschen etwas mit nach Hause kommen zu tun.“ Dafür nimmt er mit einem Jahresgehalt von 3,5 Millionen Euro in seiner alten Heimat auch deutlich weniger Geld in Kauf als bei seiner letzten Station. Im Gegenzug dürfte der Job prestigeträchtiger sein. Die ideale Voraussetzung also nach der schwierigen Zeit für ein Comeback in der Heimat. Und wenn es nicht klappt? Kengeter hofft, dass die Deutsche Börse Wandlungs- und Entwicklungswillen genug hat. Dennoch: Sein Haus in England behält er, und die Familie bleibt zunächst auch noch dort.

Zwei Handys wird er also weiter gut gebrauchen können.

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