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Stelter strategisch

Ich bleibe dabei: England ist ein Kauf

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Billig kaufen, teuer verkaufen

Das beste Konzept, um Erfolg bei der Geldanlage zu haben, ist einfach: billig kaufen und teuer verkaufen. Allen fundamentalen Faktoren zum Trotz kann es zu einer nachhaltigen Abweichung der am Finanzmarkt gezahlten Preise vom eigentlich gerechtfertigten Wert kommen. Es gibt also Zeitpunkte, wo es günstig ist zu kaufen – wie rückblickend im März 2009. Umgekehrt gibt es Zeitpunkte, wo es sich weniger lohnt zu kaufen und es vielmehr die Gefahr gibt, nur unterdurchschnittliche Erträge zu realisieren.

Welche Wirkung die Bewertung, also der Preis, beim Einstieg auf die nachfolgende Rendite hat, zeigt eine Analyse am Beispiel der US-Börse. Zurzeit liegt dort das sogenannte CAPE (Cycle-Adjusted Price Earnings Ratio), trotz des Kursrückgangs im Dezember, bei fast 29.

Die nach seinem Erfinder auch Shiller-PE genannte Kenngröße setzt die Bewertung einer Aktie ins Verhältnis zum über zehn Jahre geglätteten und inflationsbereinigten Gewinn, den ein Unternehmen erwirtschaftet. Nur im Jahr 2000 und 1929 lag die Bewertung noch höher.  

Die Kenngröße CAPE eignet sich nicht zum kurzfristigen Timing des Marktes. Es ist aber ein sehr guter Indikator für künftige Erträge. So lässt sich zeigen, dass Kapitalanleger, die bei einer Bewertung von 25 oder höher gekauft haben, über 10 Jahre im Durchschnitt nur 3,39 Prozent erzielt haben. Im Median, der nicht so stark vom besten Jahr 1997 („High“) verzerrt ist, lag die Rendite bei 2,92 Prozent und im schlechtesten Jahr („Low“) bei -1,38 Prozent.

Wer teuer kauft, riskiert also nicht nur einen starken Einbruch, sondern erzielt selbst mit einem Anlagehorizont von zehn Jahren keine Rendite – schon gar nicht, wenn man die gleichzeitig fortschreitende Inflation berücksichtigt. Dies sollten alle jene im Hinterkopf haben die angesichts der ungebremsten Liquiditätsflut der Notenbanken davon ausgehen, dass Aktien nicht mehr fallen. Dies mag sein – auch wenn ich es für unwahrscheinlich halte –, bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass die Investition sich gut verzinst.

UK ist unschlagbar billig

Nun ist billig nicht gleich gut. Man denke nur an die europäischen Banken, vor denen ich immer gewarnt habe. Zwar lag ich auch hier unter Trading-Gesichtspunkten falsch, weil der Sektor eine Bärenmarktrallye hingelegt hat, strategisch gilt aber die Warnung, dass der Sektor an einer toxischen Mischung aus zu geringem Eigenkapital, zu vielen faulen Krediten, intransparenten Wetten, zu hohen Kosten und (auch dank Null-Zinspolitik der EZB) zu geringen Erträgen leidet. Kurz gefasst: der Sektor ist zu recht tief bewertet, was nicht bedeutet, dass er billig ist. Das wissen wir erst nach der nächsten Rezession und der damit verbundenen weiteren Runde in der Eurokrise. Zocken ja, Anlegen nein.

Anders ist das in Großbritannien. Das Land wird immer ein Hort der Sicherung von Eigentum bleiben – anders als Deutschland, wo in Berlin allen Ernstes die Enteignung von privaten Immobilienbesitzern aus „sozialen Gründen“ (Thema einer der nächsten Folgen) überlegt wird.

Auch ich bezweifle nicht, dass es im Falle eines Hard-Brexits zu einer tiefen Rezession in Großbritannien kommt. So gibt es Schätzungen seriöser Institute, wie beispielsweise Capital Economics, die einen Einbruch des britischen BIP um ein bis zwei Prozent für diesen Fall erwarten. Unangenehm, aber zu bewältigen. Trotz aller aktuellen Panikmeldungen bereiten sich die Unternehmen auf das Schlimmste vor – und noch besteht ja die Hoffnung auf eine bessere Lösung.

Derweil gehört die britische Börse mit einem CAPE von 14,6 zu den billigsten Märkten der Welt. Günstige Währung, günstige Aktien, Rechtsstaatlichkeit und mehr Chancen als Risiken sprechen für ein Engagement, welches – wenn man historische Erfahrungen zugrunde legt – immerhin eine jährliche Rendite von 9,4 Prozent für die kommenden zehn Jahre erhoffen lässt.

In Europa würde das Modell nur für Spanien, Italien und die Niederlande höhere Erträge prognostizieren. Was wiederum zeigt, dass man sich auf die Modelle alleine nicht verlassen darf. Spanien und Italien bleiben in einer Währungsunion gefangen, in der sie niemals ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen werden und Holland wird wie Deutschland eine Hauptlast des Schadens tragen müssen, wenn die Politiker der Eurozone zum Endkampf um eine nicht rettbare Währung blasen.

Da fühle ich mich an der Börse von London deutlich besser aufgehoben.

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