ZEW-Umfrage Finanzexperten wollen Stablecoins strenger kontrollieren

Quelle: Getty Images

Mehrere eigentlich wertstabile „Stablecoins“ erwiesen sich jüngst als instabil. Dies führte zu Verlusten an den Kryptomärkten. Finanzexperten äußern sich in einer Umfrage dazu, für wie riskant sie die Währungen halten.

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Erst TerraUSD, jetzt USDD von Tron: Stablecoins haben zuletzt gleich zweimal die Kryptomärkte ins Wanken gebracht. Mitte Mai sinken die Kurse von Bitcoin und Co. massiv, und einer der Auslöser ist ausgerechnet der Stablecoin des Kryptonetzwerks Terra. In den vergangenen Tagen sorgte dann der Stablecoin von Tron für Wirbel.
Dabei sollen Stablecoins eigentlich vor allem eins sein: stabil. Ihr Wert ist an eine Leitwährung gekoppelt, normalerweise an den Dollar. Der Preis eines Stablecoins sollte also eigentlich immer bei einem Dollar liegen.

Das funktioniert, indem das Netzwerk hinter dem jeweiligen Stablecoin für jeden Coin, den es ausgibt, bestimmte Vermögenswerte hält, um den so besicherten Coin stabil zu halten. Bei vielen Stablecoins wird diese Bindung durch normale Assets garantiert, zum Beispiel über Anleihen oder schlicht Cash.

Es gibt aber auch sogenannte algorithmische Stablecoins, die durch andere Kryptowährungen oder gar eine Kryptowährung des eigenen Netzwerks abgesichert werden. Das war zum Beispiel bei Terra der Fall. Weil das Netzwerk am Ende Bitcoin verkaufte, um den Coin stabil zu halten, kam es zu dem massiven Preisverfall an den Märkten. Vom Vertrauensverlust mal ganz zu schweigen. Auch bei USDD Tron handelt es sich um einen algorithmischen Stablecoin.

Systemisches Risiko für den Finanzmarkt?

Die wichtigste Frage ist nun, ob Stablecoins das Zeug dazu haben, mit ihrem Kollaps das gesamte Finanzsystem ins Wanken zu bringen. Dies gilt kaum für Stablecoins wie Terra oder USDD Tron. Es könnte aber auf große Stablecoins zutreffen, wie Tether, die unter anderem über Anleihen an den Wert des Dollar gebunden sind.

Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschafsforschung (ZEW) hat die Turbulenzen zum Anlass genommen, um 100 Finanzmarktexperten zu diesem Thema zu befragen. Sind Stablecoins eine Gefahr für das Finanzsystem? Die Ergebnisse der Befragung liegen der „WirtschaftsWoche“ exklusiv vorab vor.

Kurz nach dem Terra-Kollaps kommt es erneut zu einem Kryptocrash. Das schwierige Marktumfeld lässt einige Anbieter torkeln, und wieder einmal schwächelt ein Stablecoin. Das stellt das Vertrauen der Anleger auf die Probe.
von Philipp Frohn

Die meisten Experten gehen davon aus, dass der Zusammenbruch eines großen Stablecoins einen geringen Effekt auf das gesamte Finanzsystem hätte. Aber immerhin rund zwölf Prozent der Befragten glauben, dass so ein Crash einen sehr großen oder sogar extrem großen negativen Effekt auf das traditionelle Finanzsystem hätte.
Als größtes Risiko werden dabei Effekte durch sogenannte Fire Sales gesehen, also Notverkäufe. Die Finanzexperten fürchten, dass Emittenten wie Halter von Stablecoins im Fall der Fälle gezwungen sein könnten, die dahintersteckenden Assets wie etwa Unternehmensanleihen schnellstmöglich zu verkaufen. Mehr als die Hälfte der Befragten fürchtet, dass solche Notverkäufe seitens der Emittenten an den Märkten für Probleme sorgen könnten.

Experten fordern mehr Regulierung, aber kein Verbot

Vor allem am Fall des Stablecoin Tether wird dieses Szenario immer wieder diskutiert. Das Unternehmen Tether Limited kann bisher kein offizielles Testat über die eigenen Rücklagen vorlegen. Nach eigenen Angaben ist der Coin insbesondere durch kurzlaufende Unternehmensanleihen, Schatzbriefe und liquide Mittel gedeckt. Ob die Reserven tatsächlich existieren? Keiner weiß es so genau. Doch angenommen, es stimmt. Dann gilt wohl: Würde Tether im Zuge von Turbulenzen einen Großteil der kurzlaufenden Anleihen abstoßen, könnte das den entsprechenden Markt schon ordentlich durcheinanderbringen.

Das wissen auch die vom ZEW befragten Finanzexperten. Obwohl die meisten die Risiken insgesamt eher gering einschätzen, spricht sich eine große Mehrheit für eine strengere Regulierung der Coins aus. Fast 85 Prozent sind dafür, dass Stablecoins generell reguliert werden sollten. Dabei wären mehrere Optionen denkbar. Zum einen könnte die Finanzaufsicht auch die Emittenten solcher Kryptowährungen unter ihre Fittiche nehmen. Zum anderen wäre es denkbar, den Emittenten vorzuschreiben, mit welchen Assets sie ihre stabilen Coins unterlegen müssen. Wirre netzwerkinterne Konstrukte wie bei Tether wären dann nicht mehr möglich.

Weiterhin halten die Befragten auch Eigenkapitalvorschriften für die Emittenten für sinnvoll. Ein Verbot von Stablecoins wird dagegen von immerhin 26 Prozent der Befragten abgelehnt – zu groß scheint die Gefahr, dass einige Anbieter ein solches Verbot ohnehin umgehen würden.

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„Ein vollständiges Verbot von Stablecoins bewerten die von uns befragten Finanzmarktexpertinnen und -experten sehr zurückhaltend“, sagt der Wissenschaftler Frank Brückbauer, der die Umfrage beim ZEW betreut hat. Es sei fraglich, ob ein Verbot von Stablecoins überhaupt umsetzbar wäre, da die digitalen Finanzwerte in dezentralen Netzwerken gehandelt würden, auf die der Staat ohnehin keinen Zugriff hat. „Insgesamt sprechen sich die Finanzmarktexpertinnen und -experten für mehr Kontrolle über die Emittenten von Stablecoins aus“, sagt Brückbauer.


Lesen Sie auch: Die Kryptowährung TerraUSD, der Stablecoin des Terra-Netzwerks, gilt als Mitverursacher des großen Crashs am Kryptomarkt. Was steckt hinter der Kryptowährung und wie hat sie funktioniert?

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