Zinsen: Das Mysterium der amerikanischen Geldpolitik
Was ist der nächste geldpolitische Schritt der US-Notenbank Fed?
Foto: imago imagesZehnmal in Folge hat die US-Notenbank Fed die Zinsen nun bereits angehoben, und man könnte meinen, die nächsten geldpolitischen Schritte seien nun leichter vorherzusagen. Doch weit gefehlt: Ich glaube, dass derzeit noch nicht einmal die Fed selbst weiß, was sie auf ihrer nächsten Sitzung am 13. und 14. Juni beschließen wird.
In den vergangenen Wochen haben Vertreter der mächtigsten und einflussreichsten Zentralbank der Welt eine Reihe möglicher Maßnahmen angedeutet; im Gespräch ist eine weitere Zinserhöhung, aber auch eine Pause oder eine Verschiebung des nächsten Zinsschrittes auf den Monat Juli. Ein Fed-Vertreter ließ durchblicken, dass es für die Institution besser gewesen wäre, die Zinsen bei der vergangenen Sitzung im Mai nicht erhöht zu haben.
Es erscheint verlockend, die große Bandbreite an Meinungen unter den Fed-Vertretern auf die Unbeständigkeit der wirtschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen zurückzuführen. Schließlich haben die Schuldenkrise und die Erschütterungen des amerikanischen Bankensystems die ohnehin unsicheren Wachstums- und Inflationsaussichten weltweit verschlechtert.
Der wahre Grund für die Verwirrung ist jedoch, dass sich die Fed auf einen unangemessenen politischen Rahmen und ein veraltetes Inflationsziel stützt. Beide Probleme wurden in den vergangenen zwei Jahren durch eine Reihe von Fehlern bei der Analyse, den Prognosen, der Kommunikation, den politischen Maßnahmen, der Regulierung und der Aufsicht verschärft.
Inzwischen ist man sich weitgehend einig, dass sich die Fed selbst ein Bein gestellt hat. Nicht nur, dass die Notenbank die Inflation während des größten Teils des Jahres 2021 fälschlicherweise als „vorübergehend“ bezeichnete, obwohl sich die Beweise für das Gegenteil häuften und prominente Ökonomen davor warnten. Auch nachdem der Fed-Vorsitzende Jerome Powell Ende November 2021 eingeräumt hatte, dass man das Wort „vorübergehend“ wohl streichen müsse, reagierte die Notenbank zu zaghaft.
Nach diesen beiden Fehlern war die Fed gezwungen, massiv gegenzusteuern – was sie mit den größten Zinserhöhungen seit Jahrzehnten auch tat. Mit der starken und plötzlichen Straffung provozierte sie aber nicht nur große Risiken für Wachstum und Finanzstabilität. Der geldpolitische Aufholprozess kam auch zu spät, um zu verhindern, dass sich der Inflationsdruck vom Güter- auf den Dienstleistungssektor und die Löhne verlagerte. Dies hat dazu geführt, dass die Kerninflation, die volatile Lebensmittel- und Energiepreise ausschließt, nun hartnäckiger ist als erwartet und weniger auf steigende Zinsen reagiert.
Offenkundig haben sich die Fed-Offiziellen strategisch verzettelt. Nachdem sie das Zeitfenster für sachgerechte Geldpolitik verpasst haben, befinden sie sich nun in einem Sumpf politischer „Second-Best-Lösungen“, von denen jede ein hohes Risiko von Kollateralschäden birgt.
Erhöht die Fed im Juni erneut die Zinsen, wächst das Risiko, dass die Wirtschaft in eine Rezession abgleitet und die finanzielle Instabilität zunimmt. Verzichten die Währungshüter hingegen auf den Zinsschritt, droht ihnen ein weiterer Glaubwürdigkeitsverlust beim Kampf gegen die Inflation.
Meine Prognose: Die Fed wird auf ihrer Juni-Sitzung eine weitere Zinserhöhung ankündigen, sofern die nächsten Arbeitsmarkt- und Verbraucherpreisdaten positiv überraschen. Diese werden in den Tagen vor der Sitzung des geldpolitischen Offenmarktausschusses FOMC veröffentlicht.
Beim derzeitigen Stand der Dinge ist eine Zinserhöhung wahrscheinlich. Aber unabhängig davon sollte die Priorität der Fed jetzt darin bestehen, die eigenen strukturellen Schwächen zu beseitigen, die überhaupt erst zu diesem Schlamassel geführt haben. Das bedeutet nicht nur, den geldpolitischen Rahmen zu überarbeiten und die Angemessenheit ihres Inflationsziels intern zu bewerten. Sondern auch, ihre institutionelle Isolation anzugehen.
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