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Absturz der türkischen Lira „Andere Schwellenländer sind deutlich weiter als die Türkei“

Wechselstube in der Türkei Quelle: imago images

Die türkische Lira verliert schnell an Wert, Anleger sind besorgt. Der Schwellenländer-Aktienmanager Michael Altintzoglou hält die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und für Schwellenländerinvestments aber für begrenzt.

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WirtschaftsWoche: Erwarten Sie, dass der türkische Premierminister Erdogan seinen Stolz mal vergisst und Investoren entgegenkommt? 
Michael Altintzoglou: Eher nein. Er müsste jetzt zulassen, dass die Zentralbank die Zinsen deutlich anhebt - oder Gesprächsbereitschaft mit dem Internationalen Währungsfonds signalisieren. Doch alle Maßnahmen würden die türkische Wirtschaft zu einem langwierigen und schmerzhaften Anpassungsprozess zwingen. Die Türkei müsste das machen, was Argentinien vorgemacht hat. In der vergangenen Woche stiegen dort die Zinsen von 40 auf 45 Prozent, Argentinien hat sich mit dem Internationalen Währungsfonds arrangiert. Aber Erdogan sagt, dass hohe Zinsen zu Inflation führen. Er verteufelt alle volkswirtschaftlichen Zusammenhänge und hängt Verschwörungstheorien an. Den IWF wird er wohl nicht ins Boot holen. Aus der prekären Situation gibt es kaum einen Ausweg. 

Es würde zu ihm passen, internationale Investoren durch Kapitalverkehrskontrollen in die Schranken zu weisen. Wenn sie nicht mehr flüchten könnten, hätte er die Lira gerettet?
Mit solchen Maßnahmen sperrt man nicht nur Anleihe- und Aktienanleger ein, sondern bekommt auch kein Geld mehr von ausländischen Direktinvestoren. Denn die Unternehmen müssten fürchten, dass auch ihre Investitionen eingefroren werden. Solche Maßnahmen führen zu einem weiteren Vertrauensverlust und rächen sich langfristig.

Michael Altintzoglou (37) verantwortet als Portfoliomanager den Schwellenländer- Aktienfonds des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch. Zuvor arbeitete Altintzoglou fünf Jahre als Portfoliomanager bei der DWS und war Analyst bei der HSBC.   Quelle: Presse

Haben Ihre Anleger keine Angst vor einem Flächenbrand in Schwellenländern? 
Nein. Sie sind besorgt, aber besonnen. Das Beruhigende aus Investorensicht ist, dass der Einfluss der Türkei auf die Weltwirtschaft und die internationalen Finanzströme relativ begrenzt ist - trotz der 80 Millionen Einwohner. Die kurzfristigen Ausschläge an den Kapitalmärkten mögen hoch sein, der Einfluss auf die Realwirtschaft anderer Länder hingegen ist überschaubar. Außerdem investieren wir ja nicht in Länder, sondern in Aktien gesunder Unternehmen. 

Neben der türkischen Lira sind aber auch die Währungen etwa von Brasilien, Indien, Indonesien und Südafrika gegenüber dem Dollar gefallen. Das ist aber doch die internationale Ansteckungsgefahr. 
Es ist ein altbekanntes Muster, dass im Falle einer Krise in einem Schwellenland andere Emerging Markets in die gleiche Schublade gesteckt werden. Viele Anleger ziehen dann vorsichtshalber Gelder ab – und überlegen erst später, ob es Verbindungen zwischen Land A, B oder C und der Türkei gibt. Dann werden sie vermutlich erkennen, dass die Türkei in den vergangenen Jahren wichtige Reformen vernachlässigt hat. Die Probleme dort sind hausgemacht. Andere Emerging Markets sind da deutlich weiter. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht. Hier sehen wir Strukturreformen, sinkende Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite, rückläufige Inflationsraten, steigende Fremdwährungsreserven.

Was können Anleger jetzt tun? 
Krisen bieten immer Chancen, um in Qualitätsaktien einzusteigen. Uns gefallen etwa einige Banken in Indien. In dem Land leben 1,3 Milliarden Menschen, zwei Drittel sind jünger als 35 Jahre. Die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen steigt. In China sind einige Technologietitel einen Blick wert. Ihre Services sind aus dem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Das gilt vor allem für soziale Netzwerke und E-Commerce-Plattformen. Für eine anhaltende Schwäche vieler dieser Aktien sehen wirkaum fundamentale Gründe. Aber alles wird momentan über einen Kamm geschoren. 

Ja, weil unter den großen Themen Zinserhöhung und Handelskonflikte viele Schwellenländer besonders leiden. 
Steigende Zinsen treffen viele Emerging Markets längst nicht mehr so hart wie noch vor einigen Jahren. Die Abhängigkeit vom ausländischen Kapital hat sich reduziert. Es gibt mittlerweile eine breite Basis lokaler Investoren. Dazu zählen etwa die Pensionsfonds in den Ländern. Die Zahl der heimischen Aktionäre steigt. Die US-Zinsen steigen schon seit längerer Zeit, das dürfte kaum einen Investor überraschen. Die Auswirkungen der US-Handelspolitik lassen sich nicht pauschal beurteilen. Offene Volkswirtschaften wie Südkorea sind davon härter betroffen als Länder wie Indien, deren Märkte vor allem durch den Binnenkonsum geprägt werden. 

Anleger, die Kursschwankungen aushalten, können jetzt durchaus langfristig in Schwellenländer investieren. In einigenBereichen haben uns die Länder bereits überholt. Der Trend, dass immer mehr Menschen in die Mittelschicht aufsteigen und Schwellenländer stärker wachsen, bleibt intakt. Durch wiederkehrende schlechte Nachrichten dürfen sich die Anleger aber nicht verunsichern lassen. 

Woran denken Sie? 
In China gibt es aktuell mehr Unternehmenspleiten. Das ist aber eine normale marktwirtschaftliche Reaktion darauf, dass die Kreditvergabe vor zwei Jahren verschärft wurde. Mancher könnte aber aus den Pleiten falsche Schlüsse ziehen. Und wenn eine Schuldenkrise in China heraufbeschworen wird, leiden alle Aktienmärkte. Mich beunruhigt allerdings Italien derzeit fast mehr als die Türkei. Von dort kommen zweifelhafte Forderungen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Lega verlangte, dass die EZB den Risikoaufschlag von EWU-Staatsanleihen gegenüber Anleihen anderer Euro-Mitgliedsländer auf 150 Basispunkte beschränken solle. Mancher fordert schon einen Schuldenerlass. In Italien sind ähnlich wie in der Türkei jederzeit fatale wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen möglich, die zu Kursverlusten führen können.

Welche Regionen favorisieren Sie?
Grundsätzlich denken wir in erstklassigen Unternehmen, nicht in Regionen. Viele davon kommen derzeit aus Asien. Die Region wächst dynamisch und hat gute demografische Voraussetzungen. Investoren finden dort innovative Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen, die mitunter mehrere Entwicklungsstufen übersprungen haben und heute Vorbilder für westliche Unternehmen sind. 

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