Leben mit Aktien: Warum Südeuropa wieder eine Investition wert ist
Die umfassenden Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump haben die Börsen auf der ganzen Welt auf Talfahrt geschickt. Nicht nur an der Wall Street brachen die Aktienkurse ein. Der deutsche Leitindex Dax verlor zeitweise mehr als fünf Prozent. Auch in Südeuropa bekamen die Börsen die Zollwirren zu spüren: Der spanische IBEX 35 musste ähnlich hohe Verluste hinnehmen. Doch selbst das ist nur ein kleiner Rücksetzer, verglichen mit der Boomphase, die die südeuropäischen Börsen seit Jahren erleben.
Noch vor gut einem Jahrzehnt galten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien an den Finanzmärkten als Problemfälle. Unter dem wenig charmanten Akronym „PIGS“ wurden sie zusammengefasst, ihre Banken und Staatsfinanzen mit milliardenschweren Rettungspaketen stabilisiert. „Seit der Coronapandemie hat sich das Blatt gewendet“, sagt Christian W. Röhl, Chefökonom beim Neobroker Scalable Capital, im WirtschaftsWoche-Podcast „Leben mit Aktien“.
In den vergangenen drei Jahren ließen sich an Südeuropas Börsen (mit Ausnahme von Portugal) beeindruckende Renditen erzielen. Die MSCI-Indizes für die Börsen in Mailand und Madrid legten jeweils um 80 Prozent zu, das Barometer für die Börse Athen sogar um 115 Prozent. Der breite europäische Index MSCI EMU gewann derweil nur 35 Prozent. Was steckt hinter dem Aufschwung der einstigen Sorgenkinder?
„Liberation Day“ – wie schlimm wird der Handelskrieg?
1. Der Basiseffekt
Südeuropas Börsen steckten jahrelang in einer tiefen Krise, die eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Region verknüpft war. Finanzkrise, Euro-Krise und schließlich die Pandemie führten zu einem verlorenen Jahrzehnt. Südeuropa galt vielen Anlegern zeitweise als nicht investierbar. Erst 2023 überschritten spanische und italienische Aktienindizes wieder ihre Niveaus von 2007, also von vor der globalen Finanzkrise. Griechenland durchlief mit der Restrukturierung im Zuge der Staatsschuldenkrise gar einen kompletten Neustart.
Ein wichtiger Treiber der Erholung war der sogenannte Basiseffekt. Dieser beschreibt den Einfluss eines niedrigen Ausgangswerts auf prozentuale Wachstumsraten. Nach einer langen Phase schwacher oder negativer Kursentwicklung erscheint das Wachstum in der darauffolgenden Erholungsphase besonders stark, da es von einem niedrigen Niveau aus erfolgt. Von Tiefständen aus können Börsenindizes optisch beeindruckende Zuwächse aufweisen. Im Fall von Südeuropa zog dieser Effekt neue Investoren an, der Aufschwung verstärkte sich – ein klassischer Mechanismus nach tiefen Krisen.
2. Ein starker Finanzsektor
Die Börsen in Südeuropa werden dominiert von Banken und Versicherungen. In Griechenland haben Finanzwerte einen Anteil von rund 60 Prozent der Marktkapitalisierung des Leitindex, in Italien 45 Prozent, in Spanien 40 Prozent. Viele südeuropäische Banken mussten in den Krisenjahren mit Milliarden von Notenbank und Staat stabilisiert werden. Heute stehen sie besser da. In den vergangenen drei Jahren profitierten Banken insgesamt vom höheren Zinsniveau.
Besonders im Rampenlicht steht die italienische UniCredit, die mit dem Einstieg bei der deutschen Commerzbank eine Vorreiterrolle bei der Konsolidierung des europäischen Bankensektors beansprucht. Noch größer ist die spanische Banco Santander, die zuletzt als erste Euro-Bank seit Langem die Marke von 100 Milliarden Euro Börsenwert übersprang.
3. Der Tourismus-Boom
Südeuropa hat sich dynamischer von der Pandemie erholt als Deutschland oder Frankreich – nicht zuletzt dank eines massiven Tourismus-Booms, angetrieben auch von zahlungskräftigen US-Urlaubern.
Laut der Reiseinformationsplattform Mabrian bleibt Spanien das wichtigste Ziel für internationale Urlauber in Südeuropa. Im ersten Halbjahr 2025 werden voraussichtlich 33 Prozent der gesamten Reisenachfrage in der Region auf Spanien entfallen. Dahinter folgt Italien mit 27 Prozent, während Griechenland mit deutlichem Abstand und einem Marktanteil von 8 Prozent den dritten Platz belegt.
Der laufende Börsenaufschwung macht den Süden Europas wieder attraktiv für Anleger – ebenso wie die niedrigen Bewertungen südeuropäischer Aktien. So sind die südeuropäischen Indizes mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) zwischen 7 (Griechenland) und 11 (Spanien) günstiger als die Euro-Zone insgesamt mit einem KGV von 14. Das liegt auch daran, dass der teure Technologie-Sektor in Südeuropa kaum vertreten ist.
Welche Aktien aus Spanien, Griechenland und Italien besonders spannend sind, wie Anleger am besten in diese Märkte investieren und was Sie zum „Liberation Day“ wissen sollten, erfahren Sie in der neuen Ausgabe unseres Podcasts „Leben mit Aktien“.