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Crash-Absicherung Anleger ködern mit der Angst vorm Untergang

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Vorsicht bei aggressiven Finanzexperten

Dabei sind Ängste oder Ärger über die Politik generell keine gute Basis für die Geldanlage, weil Emotionen rationale Analysen erschweren. Je alarmistischer der Tonfall von Finanzexperten, -anbietern oder -vermittlern, desto kritischer sollten Anleger deshalb Empfehlungen hinterfragen.

Denn womöglich haben die Mahner selbst keine klare Sicht – oder wollen gezielt Emotionen und Ängste schüren, um den Absatz ihrer Produkte zu fördern. „Das ist eine typische Strategie aggressiver Finanzvermittler“, warnt Andreas Zittlau. Der Geschäftsführer der Kölner Vermögensverwaltung Privacon konstatiert ebenfalls „erhebliche Spannungen“ in der Euro-Zone, die zu „ernst zu nehmenden Risiken“ führen. „Aber niemand kann seriös prognostizieren, ob und wann es zu einem Crash kommt – und vor allem nicht, ob wir dann einen inflationären oder deflationären Schock erleben.“ Es ist also offen, ob die Preise im Ernstfall steigen oder sinken; zur Crashabsicherung einseitig auf Sachwerte wie Immobilien oder Gold zu setzen ist deshalb gefährlich. „Wenn es zu einer Deflation – also einem signifikanten Rückgang der Preise – kommt, drohen erhebliche Wertverluste“, sagt Zittlau.

Gerade bei Anbietern vom Grauen Kapitalmarkt klingt es jedoch oft, als sei Inflation das einzig realistische Szenario. So kritisierten die Marktwächter Finanzen, eine Spezialabteilung der Verbraucherzentralen, 2016 in einer Studie zur „Transparenz bei Werbung für Produkte des Grauen Kapitalmarktes“ allzu einseitige Werbebotschaften – auch im Hinblick auf „Unwägbarkeiten in Finanzwirtschaft und Geldpolitik“.

Namentlich nennen die Verbraucherschützer in der Studie die WMH UG, einen Goldhändler aus Nürnberg. Unter der Überschrift „Gold als Inflationsschutz“ schreibt dieser mit Blick auf die Hyperinflation 1923: „Wer sich entschlossen hatte, in Gold zu investieren, verfügte außerdem über ein Tauschmittel, mit dem Lebensmittel, Kleidung oder Medikamente für die ganze Familie gekauft werden konnte. So schützte eine Geldanlage in Gold nicht nur vor dem finanziellen Verlust, sondern konnte unter Umständen sogar das Überleben sichern.“

Falsch ist das nicht. Aber wer Goldbesitz zur Überlebensfrage stilisiert und Risiken relativiert, darf sich über Kritik nicht wundern. Insbesondere rügten die Marktwächter die Aussage, „der Sparer/Anleger trägt kein Kursrisiko“. Sie sei „in Bezug auf das angebotene Produkt nicht nachvollziehbar“. Die Formulierung ist inzwischen von der Webseite verschwunden.

„Gerade Anbieter von Gold und Silber setzen beim Marketing häufig auf Untergangsszenarien“, sagt Lena Ribka von den Marktwächtern. Sie berichtet, dass auf Anlegermessen „geschickt Ängste geschürt werden, um dann die vermeintliche Rettung zu präsentieren“.

Loblied auf Sachwerte und Betongold

Auch jenseits von Gold und Silber sind Lobpreisungen auf Sachwerte bisweilen dick aufgetragen. „Sachwerte“, wirbt der Initiator des Friedrich & Weik Wertefonds (F&W) auf seiner Webseite, „können niemals wertlos werden und waren in Zeiten wirtschaftlicher Verwerfungen Papiergeld immer überlegen.“ F&W sieht nicht nur die EU, sondern auch die Markt-, die Weltwirtschaft und den Kapitalismus „in ihrer historisch schwersten und dauerhaftesten Krise“ – und propagiert unter anderem „Real Assets“ wie Wald oder Immobilien.

Aber wie wertbeständig sind Sachwerte? „Anleger haben damit immer wieder hohe Verluste erlitten“, sagt Julius Reiter, Partner der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf. Der Anlegeranwalt hat zahlreiche Investoren vertreten, die Schrottimmobilien, Schiffsbeteiligungen oder andere Sachwerte gekauft hatten: „In vielen Fällen haben Bankberater oder Finanzvermittler mit der vermeintlichen Wertbeständigkeit geworben.“ Zwei Probleme hätten sie verschwiegen oder verharmlost:

Das sind die größten Anlegerfehler
Privatanleger machen vermeidbare Fehler Quelle: REUTERS
Mangelnde Streuung Quelle: REUTERS
Fehler 1: Mangelnde Streuung Quelle: AP
Fehler 1: Mangelnde Streuung - Gegenmittel Quelle: dpa
Fehler 2: Aktien-Picken - Befund Quelle: dpa
Fehler 2: Aktien-Picken - Folgen Quelle: dpa
Fehler 2: Aktien-Picken - Gegenmittel Quelle: dpa
  • Wenn Anleger zu überhöhten Preisen kaufen, wird der vermeintliche Inflationsschutz schnell zur Basis für einen ganz persönlichen Vermögensverfall. So erwiesen sich Immobilien in den neuen Bundesländern, die in den Neunzigern Tausenden Investoren als Steuersparmodell verkauft wurden, oft als nicht vermietbar und nahezu wertlos.
  • Wenn Investoren über Anlagevehikel kaufen, kann das den Sachwertcharakter konterkarieren. „Häufig beteiligen sich Anleger an komplexen Konstruktionen und sind nur indirekt beteiligt“, sagt Zittlau. „Das birgt erhebliche Risiken.“
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