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StatistiktricksSo werden Investoren in die Irre geführt

Unternehmen und Staaten tricksen mit Statistiken, dass sich die Balkengrafiken biegen. Die frisierten Zahlen täuschen die Anleger. Wie Investoren Fallen erkennen und umgehen können.Martin Gerth 06.04.2017 - 16:26 Uhr

Statistik: Frisierte Zahlen für Anleger.

Foto: Getty Images

Wie viele Nutzer hat Snapchat? Das seit Kurzem börsennotierte Internet-Start-up müsste es wissen. Es schweigt aber lieber. Nur ausgewählte Investoren sollen bisher Statistiken zu Gesicht bekommen haben. Und die, so ein gefeuerter Exmitarbeiter, seien falsch berechnet. Der Mann klagt derzeit in Los Angeles gegen seine Kündigung. Snapchat widerspricht den Anschuldigungen. Überprüfen lassen sich die Zahlen von Snapchat selbst bei Einblick in die Gerichtsakten nicht: Die sind an den entscheidenden Stellen geschwärzt.

Die Geheimniskrämerei von Snapchat stärkt das Misstrauen gegen soziale Medien. Facebook musste frei erfundene und doppelte Konten einräumen. Bis zu 15 Prozent aller Twitter-Konten sind laut US-Forschern nicht menschlich, sondern künstlich über kleine Computerprogramme („Bots“) gesteuert. Kürzlich wurde in Großbritannien ein Netzwerk mit 350.000 Scheinkonten ausgehoben. Für die Werbung, über die sich soziale Medien finanzieren, zählen aber nur Menschen. Je größer die Lücke zwischen der offiziellen und der tatsächlichen Zahl der Nutzer ist, desto stärker überschätzen Anleger den Unternehmenswert.

Mit Statistiken wird überall getrickst. Staaten rechnen ihr Wirtschaftswachstum hoch, Unternehmen ihren Gewinn. Betrug wie bei Volkswagens Dieselabgaswerten ist nicht nötig. Es reicht, mit Zahlen so zu rechnen, dass das gewünschte Ergebnis rauskommt. Schon Mark Twain sagte: „Es gibt Lügen, verdammte Lügen und Statistiken.“

Schummeln in der Statistik: Wo getrickst wurde
Am 19. Januar sagte der saudische Ölminister schrumpfende Ölbestände voraus. Prompt zog der Ölpreis an. Tatsächlich sind die Lager in diesem Jahr gewachsen. Als die Opec Anfang März auch noch höhere US-Ölexporte meldete, rutschte der Preis unter 50 Dollar. Mit ExxonMobil wären Anleger seit 19. Januar 4,5 Prozent im Minus.
US-Präsident Donald Trump rechnet das Handelsbilanzdefizit von offiziell 500 auf 948 Milliarden Dollar hoch. Waren, die die USA nur passieren, schlägt er den Importen zu. Solche Tricks sollen Handelsschranken rechtfertigen. Maschinenbauer Krones macht 14 Prozent des Umsatzes in den USA. Trumps Politik drückte den Kurs.

Wirtschaftswachstum geschönt

Vor allem Statistiken aus Schwellenländern sind unzuverlässig. Umso wachsamer sollten Anleger sein, wenn Banken und Börsengurus diese Regionen anpreisen.

Beispiel Indien: 2015 stellte der Subkontinent die Kalkulation des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um, unter anderem änderte das Land Basisjahr und Berechnungsmethode. Die Wirtschaft sollte demnach plötzlich um 7,5 Prozent gewachsen sein. Schon das US-Außenministerium glaubte nicht daran. In einer Analyse vom Juli 2016 heißt es: „Die verschlechterte Stimmung unter Investoren ist Indiz dafür, dass das Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent übertrieben sein könnte.“ Analysten des Datendienstleisters Reuters brachten letztlich Gewissheit: Sie berechneten ein BIP-Wachstum von nur 5,5 Prozent. Anleger, die auf Indiens kreative Rechnerei setzten, schauten in die Röhre. 2015 machte der indische Aktienindex Sensex ein Plus von 0,8 Prozent. Der Industrieländer-Index MSCI Welt dagegen legte um 8,3 Prozent zu.

Auch China frisiert Zahlen. Im vergangenen Jahr wurde der Chef des nationalen Statistikamts wegen Unregelmäßigkeiten ausgetauscht. Ob es hilft, ist eine offene Frage. Besonders auffällig jedenfalls sind Chinas Tricksereien bei Stahl. So verspricht Peking regelmäßig, Überkapazitäten bei Stahlwerken abzubauen. Tatsächlich produzieren die Chinesen so viel Stahl wie nie.

Stelter strategisch

China darf nicht platzen

Vor dem Treffen von Donald Trump und Xi Jinping hält die Börse den Atem an. Während alle mit Sorge auf die Politik der USA schauen, hängen die Weltfinanzmärkte in Wirklichkeit an Chinas Schuldenwirtschaft - ein Risiko.

Es ist daher logisch, dass Profis staatlichen Statistiken misstrauen. „Besuche bei den Unternehmen geben einen besseren Eindruck vom Zustand der chinesischen Wirtschaft als die offiziellen volkswirtschaftlichen Daten“, sagt Christina Chung, Portfoliomanagerin bei der Fondsgesellschaft Danske Invest. Jason Pidcock, Fondsmanager beim britischen Vermögensverwalter Jupiter, ist selbst bei Unternehmenszahlen skeptisch. Er meide Aktien von Chinas Festlandbörsen wegen des Staatseinflusses.

Anleger können von Chinas Wachstum profitieren – auch ohne chinesische Aktien. Unternehmen aus Südkorea oder Singapur machen ebenfalls gute Geschäfte in China. So legte der Indexfonds db x-trackers MSCI Singapore binnen eines guten halben Jahres elf Prozent zu – doppelt so viel wie die Börse Shanghai.

Das Szenario
Der US-Finanzriese Bank of America Merrill Lynch (BoA) wollte es genauer wissen: Analyst Athanasios Vamvakidis hat den Euro-Währungsraum unter der Maßgabe genauer unter die Lupe genommen, dass die Euro-Zone auseinanderbricht und der Euro abgeschafft wird. Hintergrund sind neben den hohen Staatsschulden einzelner Peripheriestaaten vor allem das absehbare Ende der massiven Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), das sogenannte OMT-Programm, und in der Folge wieder steigende Zinsen. Nur die Geldpolitik der EZB hat 2012 eine Eskalation der Staatsschuldenkrise verhindert, in dem die Kreditkosten für die Peripheriestaaten auf ein historisches Tief gedrückt wurden. Was also passiert, wenn das OMT-Programm endet?

Foto: dpa

Schatten-Wechselkurse
Die BoA-Experten erwarten, dass die EZB das OMT-Programm im kommenden Jahr reduziert und schrittweise auslaufen lässt. Dadurch würden auch die Finanzierungskosten der Staaten wieder ansteigen, obwohl es länger dauern dürfte, die Leitzinsen wieder anzuheben. Insgesamt rechnet die BoA dann mit höheren Schuldenquoten in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland als 2012 auf den Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise. Ohne einschneidende Reformen steigt somit das Risiko, dass die Euro-Zone auseinanderbricht. Dies vor Augen hat BoA-Analyst Vamvakidis Schattenwechselkurse für die nationalen Nachfolgewährungen gegenüber dem heutigen Euro berechnet. Diese legen Währungsunterschiede zwischen den Euro-Staaten offen, die derzeit durch die Gemeinschaftswährung verborgen sind.

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Griechenland

Griechenland bleibt das Sorgenkind der Euro-Zone. Trotz spürbarer Fortschritte liegt die Überbewertung Griechenlands zusammen mit der Spaniens an der Spitze. Die griechische Drachme müsste deshalb nach heutigem Stand um 7,5 Prozent abwerten. Immerhin: Vor der Krise lag der Abwertungsbedarf eher bei 30 Prozent, insofern war die Verbesserung deutlich. Nur ein Land der Euro-Zone ist aktuell so stark überbewertet wie Griechenland.

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Spanien

Müsste Spanien zur Peseta zurückkehren, wäre laut BoA eine Abwertung der spanischen Währung um 7,5 Prozent erforderlich. Gegenüber dem Abwertungsbedarf vor der Krise von rund 14 Prozent ist das schon eine Stabilisierung. Allerdings haben sich Spaniens Staatsschulden seit 2008 nahezu verdreifacht. Dank der Geldpolitik der EZB hat sich die Zinsbelastung des Staates jedoch nur um 80 Prozent erhöht.

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Frankreich

Bräche der Euro heute auseinander, müsste der Franc um fünf Prozent abwerten – und damit deutlich mehr als zu Vorkrisenzeiten. Damals lag die Überbewertung bei nur zwei Prozent. Insgesamt, so Studienautor Vamvakidis, sei die Überbewertung jedoch zu gering, um die Forderungen der Rechtspopulistin Marine Le Pen nach einem Frexit und einer anschließenden Abwertung des Franc zu rechtfertigen.

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Italien

Italien bleibt etwas überbewertet, so dass die italienische Lire nur um drei Prozent abwerten müsste, um einen angemessenen Wechselkurs zu erreichen. Vor der Krise betrug die Überbewertung noch 7,5 Prozent. Seit 2012 ist die Zinsbelastung des Staates deutlich gesunken.

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Portugal

Auch in Portugal hat sich die wirtschaftliche Lage deutlich gebessert, so dass der Escudo nach heutigen Maßstäben nur noch leicht, nämlich um ein Prozent abwerten müsste, um im Gleichgewicht mit den übrigen Euro-Staaten zu notieren.

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Euro-Zone insgesamt

Für die hoch verschuldeten Südeuropäer wäre ein Euro-Ende riskant, denn sollten die Zinsen wieder steigen, sehen sie sich rasant steigenden Zinslasten gegenüber. Betrachtet man die Euro-Zonen-Staaten zusammen, ergibt sich nach den Berechnungen der BoA für den Euro insgesamt ein Aufwertungsbedarf von rund sechs Prozent. Das liegt vor allem an zwei Euro-Staaten.

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Irland

Die Wettbewerbsfähigkeit Irlands hat sich seit Ausbruch der Schuldenkrise substanziell verbessert. Das irische Pfund müsste daher aktuell 2,5 Prozent aufwerten. Vor Ausbruch der Krise war das irische Pfund laut BoA-Berechnungen noch um 15 Prozent überbewertet. Nur ein Land ist derzeit noch deutlich stärker unterbewertet als Irland.

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Deutschland

Den größten Anpassungsbedarf hätte der BoA-Analyse zufolge die D-Mark. Sie müsste um stolze 15 Prozent aufwerten. Vor der Euro-Schuldenkrise hatte die Unterbewertung der deutschen Wirtschaft nur drei Prozent betragen. Allein die massive Aufwertung der D-Mark würde die Währungen der Peripheriestaaten nahezu ins Gleichgewicht bringen, so die US-Banker der BoA.

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Besonders sensibel auf Statistiken reagieren die Rohstoffmärkte. Schon kleine Änderungen beispielsweise bei Lagerbeständen lösen große Preisbewegungen aus. Strittig sind Zahlen zu Chinas Rohstofflagern. Analysten argwöhnen, dass in chinesischen Depots weit mehr Rohstoffe schlummern als in den offiziellen Beständen der Rohstoffbörsen. „Für das Wachstum, das uns die Indikatoren für den Konsum oder den Immobilienmarkt anzeigen, wären weniger Rohstoffimporte nötig als offiziell angegeben“, sagt Torsten Dennin, Rohstoffexperte von Tiberius Asset Management. Es sei wahrscheinlich, dass China seine Bestände mit nicht benötigten Rohstoffen weiter aufstocke.

Viele Wahrheiten

Misstrauen gegen Statistik befeuert Parallelwelten

von Katharina Matheis und Sven Prange

Investoren sind daher im Rohstoffsektor mit Unternehmen gut beraten, die nicht so stark am Rohstoffpreis hängen. Dazu gehören etwa die schwedische Boliden und die deutsche Aurubis. Beide verdienen am Schmelzen von Industriemetallen. Schmelzlöhne werden vertraglich im Voraus vereinbart. Deren Höhe hängt mehr an der Auslastung der Schmelzen als am Rohstoffpreis. Entsprechend stabiler sind die Aktien der Schmelzspezialisten. Boliden (empfohlen in WirtschaftsWoche 51/2015) legte seit Dezember 2015 um 84 Prozent zu.

Instabil ist dagegen der Ölpreis. Vom Sommer 2014 an ging es zunächst bergab. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 19. Januar sagte der saudische Ölminister, die gedrosselte Produktion würde die Ölbestände in diesem Jahr spürbar drücken. Prompt stieg der Ölpreis von 51 auf 54 Dollar je Fass. Tatsächlich aber wurde mehr gefördert, die US-Ölbestände wuchsen in diesem Jahr um vier Prozent. Anfang März rutschte der Ölpreis deshalb auf 50 Dollar. Hätten Anleger am 19. Januar auf die für Ölkonzerne vermeintlich positiven Nachrichten Aktien gekauft, dann hätten sie mit Zitronen gehandelt. Der Kurs von ExxonMobil etwa ist seither um 4,5 Prozent gerutscht.

Wer am Ölgeschäft verdienen, aber nicht am politisch beeinflussten Ölpreis hängen will, sollte in Betreiber von Pipelines und Öllagern investieren. Dazu gehört die kanadische TransCanada. TransCanada profitiert von US-Präsident Donald Trump, der Pipelines, die sein Vorgänger Barrack Obama blockiert hatte, absegnet.

Alternative Mathematik

Trump ist bekanntermaßen kreativ. So wollte er beim Handelsministerium durchboxen, dass das – aus seiner Sicht zu geringe – Handelsbilanzdefizit neu berechnet wird. Offiziell betrug das Defizit im vergangenen Jahr nur 2,7 Prozent des BIPs, weniger als der Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre mit 3,8 Prozent. Trump machte aus mickrigen 2,7 Prozent imposante 5,1 Prozent. Dazu schlug er Waren, die die USA als Transitland passieren, den Importen zu.

Der Schaden, den Trump anrichtet, wenn er über kreative Berechnungen seinem Protektionismus Vorschub leistet, ist an der Börse spürbar. Der deutsche Maschinenbauer Krones zum Beispiel macht 14 Prozent seines Umsatzes in den USA. Als die Deutsche Bank am 22. März auf negative Folgen der US-Handelspolitik für Krones hinwies, rutschte die Aktie um 3,5 Prozent ab. Noch größer hatte sich die Schere zwischen Krones und dem MDax unmittelbar nach den US-Wahlen am 8. November aufgetan (siehe Grafik). Krones beschwichtigt. „Wir haben zwar Wettbewerber in den USA, die starken sitzen aber in Europa“, sagt Vorstandschef Christoph Klenk.

So können falsche Kursreaktionen auf gefälschte Berechnungen auch eine Chance für Anleger sein: Krones etwa dürfte seine Verluste wieder aufholen.

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