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Die Lichter vorbeifahrender Autos hinterlassen in Frankfurt am Main auf der Flößerbrücke farbige Spuren vor der abendlichen Skyline Quelle: dpa

Schlechte Zeiten für Euro-Bankaktien

Thorsten Polleit
Thorsten Polleit Chefvolkswirt der Degussa und volkswirtschaftlicher Berater des P&R Real Value Fonds

Banken im Euro-Raum stehen unter Druck - und mit ihnen ihre Aktien. Die Kurse sind so niedrig, dass manche Anleger einen Kauf erwägen. Der Blick auf die Hintergründe zeigt aber: Viele Bankaktien sind zu teuer.

Bill Gates sagte im Jahr 1994: „Banking is necessary, banks are not.” Neue disruptive Technologien haben seine damals prophetische Aussage Wirklichkeit werden lassen. FinTech-Anbieter drängen in angestammte Geschäftsfelder der Banken vor: Ob Privatkundengeschäft, Zahlungsverkehr, Kreditgeschäft, Vermögensanlage oder Kapitalmarktfinanzierungen – überall gerät das klassische Bankmodell unter Druck.

Im Prinzip ist das alles andere als besorgniserregend: Der Wettbewerb ist eine „schöpferische Zerstörung“, wie Joseph A. Schumpeter (1883 – 1950) schrieb, er ist produktiv: Bessere Lösungen ersetzen Althergebrachtes – zum Nutzen der Kunden, zur Förderung des allgemeinen Wohlstandes.

Doch die schöpferische Zerstörung, die die Banken heimsucht, stellt eine gewaltige volkswirtschaftliche Herausforderung dar. Der Grund dafür liegt in der Konstruktion des heutigen Geldsystems: Es handelt sich um ein ungedecktes Papiergeldsystem, das man auch als Fiat-Geldsystem bezeichnen kann: Die staatlichen Zentralbanken halten das Geldproduktionsmonopol, und sie weiten die Geldmenge per Kreditvergabe „aus dem Nichts“ aus. Sie haben zudem privaten Banken eine Lizenz erteilt, dabei kräftig mitzumischen: Den Geschäftsbanken ist es ausdrücklich erlaubt, im Zuge der Kreditgewährung neues Geschäftsbankengeld „ex nihilo“ zu schaffen.

Die Banken leiten durch ihre Darlehensvergabe nicht etwa vorhandenes Geld vom Sparer an den Investor weiter, sie erhöhen vielmehr die umlaufende Geldmenge. Das hat weitreichende Konsequenzen. Zum einen setzt die Kredit- und Geldmengenausweitung einen künstlichen, auf Sand gebauten Konjunkturaufschwung („Boom“) in Gang, der immer mehr Kredit und Geld und immer niedrigere Zinsen braucht, damit er nicht kollabiert, also nicht in einen „Bust“ umkippt. Zum anderen beeinflussen die Banken durch ihre Kredit- und Geldmengenvermehrung auch maßgeblich die Güterpreise in der Volkswirtschaft – die Preise der Konsumgüter und auch die Preise für Aktien, Häuser und Grundstücke.

Solange die Geldmenge steigt, nehmen die Güterpreise zu (beziehungsweise sie fallen höher aus im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht gestiegen wäre). Die Preisinflationierung kommt zu einem Ende, wenn die Geldmenge nicht mehr wächst. Und wenn die Geldmenge gar schrumpft, steht eine Deflation – ein Preisverfall – ins Haus. Wenn aber Produktpreise, Aktienkurse, Häuserpreise und Löhne fallen, wird es brenzlig: Schuldner geraten in Probleme, denn ihre realen Schuldenlasten steigen. Kreditausfälle lassen die Kreditmärkte einfrieren. Firmen fahren ihre Produktion zurück. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Depressions-Krise nimmt ihren Lauf.

Warum sollte die Geldmenge plötzlich schrumpfen? Antwort: Wenn die Banken nicht mehr willens oder in der Lage sind, neue Kredite zu vergeben, wenn sie fällige Kredite nicht mehr durch neue Krediteersetzen wollen und ihre Kunden zur Rückzahlung auffordern. Dazu kann es kommen, wenn Banken Verluste erleiden (weil zum Beispiel Kredite ausfallen), und die Verluste ihre Eigenkapitalbasis reduzieren. Letzteres ist ein dramatisches Ereignis: Banken unterlegen schließlich ihre Risikogeschäfte nur mit einem Bruchteil an Eigenkapital, so dass sie bei einem Eigenkapitalverlust ein Vielfaches ihrer Kredit- und damit auch Geschäftsbankengeldmenge zurückführen müssen.

Bankaktien der Euro-Zone sind stark abgeschlagen gegenüber der US-Konkurrenz.

Ein Schrumpfen des Bankenapparates hätte also im Fiat-Geldsystem deflationäre Folgen. Die dadurch ausgelöste „Bereinigungskrise“ ist für die wohlstandsverwöhnten Volkswirtschaften politisch inakzeptabel. Deshalb wird auch keine kollektive Kraftanstrengung gescheut, den strauchelnden Bankenapparat über Wasser zu halten. Das haben die Politikmaßnahmen der jüngsten Vergangenheit nur zu deutlich gezeigt: Ob Niedrig- oder Negativzinspolitik, drastische Geldmengenvermehrung oder Bankenunion, alles wird zur „Rettung“ der Banken getan. „Whatever it takes“, lautet das Motto. Die beunruhigende Erkenntnis: Die Volkswirtschaften haben ihr Schicksal an das Wohl und Wehe des Fiat-Geld-Bankenapparates geknüpft.

Es ist kein Geheimnis, dass viele Banken im Euroraum ernste Probleme mit ihrer Ertrags- und Gewinnsituation haben. Zudem ächzen sie unter faulen Krediten: Die EZB schätzt sie auf 880 Milliarden Euro – das wären etwa 35 Prozent des bilanzierten Eigenkapitals der Banken der Euro-Zone. Und der Euro-Bankenapparates ist riesig: Seine Bilanz beläuft sich auf mehr als 30 Billionen Euro, das sind etwa 291 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Euroraum. (Zum Vergleich: Der US-Bankenapparat hat ein Volumen von nur 16,7 Billionen US-Dollar und beläuft sich lediglich auf 84 Prozent des US-BIPs.) Die bange Frage ist: Wie lange werden private Investoren den Euro-Banken noch Eigenkapital bereitstellen wollen?

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