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Intelligent investierenVom richtigen Umgang mit Crash-Sorgen

Herrscht zunehmend Unsicherheit an der Börse, bleibt eine Frage entscheidend: Kann ich den Gesamtmarkt outperformen oder nicht? Von der Antwort auf diese Frage und den damit verbundenen Handlungskonsequenzen hängt der Investment-Erfolg entscheidend ab.Thorsten Polleit 20.06.2018 - 06:16 Uhr

Der psychologische Schwachpunkt der meisten Börsianer: die Angst vor Verlusten.

Foto: WirtschaftsWoche

„Bald kommt der Aktienmarkt-Crash.“ Wer eine solche Überschrift veröffentlicht, kann sich großer Aufmerksamkeit sicher sein. Denn sie rührt an Urängste, an psychologische Schwachpunkte der meisten Börsianer: der Angst vor Verlusten. Derzeit fallen die Krisenprophezeiungen wieder auf fruchtbaren Grund: Der weltweite Börsenboom befindet sich bereits in seinem neunten Jahr, und an Faktoren, die sein Ende einläuten könnten, herrscht kein Mangel.

Als da wären: Die US-Zentralbank (Fed) hebt die Zinsen an und beendet die bisher kurstreibende Geldflut; die US-Administration greift zu Importzöllen, auf die andere Länder mit Vergeltung reagieren – und damit wird die internationale Arbeitsteilung, der unverzichtbare Grundpfeiler des weltweiten Wohlstandes und eine wichtige Triebfeder der Unternehmensgewinne, in Frage gestellt; und dann steigt auch noch die ohnehin bereits hohe weltweite Verschuldung immer weiter an.

Wie soll man als umsichtiger Investor mit diesen und anderen Crash-Ängsten umgehen? So mancher Investor wird vermutlich das Börsen-Fernsehen anschalten, wird Marktberichte von Banken und Brokern lesen und versuchen, sich ein fundiertes und umfassendes Bild zu machen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Wenngleich das auch auf den ersten Blick vernünftig klingt: Doch das ist es nicht, was der Investor als erstes machen sollte.

Er sollte sich vielmehr die zentrale, die elementare Frage in Erinnerung rufen, die sich jeder, der mit Sinn und Verstand investieren will, stellen und auch gut durchdacht beantworten sollte. Diese Frage lautet: Kann ich über die Jahre hinweg betrachtet besser als der Gesamtmarkt abschneiden, ja oder nein? Kann ich eine Rendite erzielen, die langfristig höher ist als die Rendite des Gesamtmarktes – kann ich das leisten, oder kann ich das nicht leisten? (Siehe hierzu die nachstehende Grafik.)

Die zentrale Frage für alle, die umsichtig investieren.

Foto: WirtschaftsWoche

Nein, ich kann nicht
Wenn die Antwort Nein lautet, ist das keine Schande. Man steht nicht allein damit: Den meisten der Investoren gelingt es nicht, eine Rendite zu erzielen, die höher ist als die Rendite des Gesamtmarktes. Die sinnvolle Lehre daraus ist: Investiere in den Welt-Aktienmarktindex per Zertifikat oder ETF. Denn durch ein solches passives Investieren kannst Du an der weltweiten Kursentwicklung der Unternehmensanteile teilhaben, und das zu sehr geringen (Transaktions-)Kosten.
Konsequent angewandt setzt man hier auf die lange Frist, das heißt man betreibt kein „Market Timing“. Denn wer meint, er könne durch vorzeitiges Verkaufen den Kursstürzen auf dem Aktienmarkt entkommen, begeht einen Denkfehler: Wer meint, er könne durch geschicktes, zeitweises Aus- und Wiedereinsteigen besser abschneiden als der Aktienmarkt, der widerspricht seiner Grundsatzentscheidung: dass er eben nicht besser abschneiden kann als der Gesamtmarkt. Das ist ein Fehler, den man vermeiden sollte.

Ja, ich kann – und zwar mit „Market Timing“
Lautet die Antwort Ja – ich kann besser abschneiden als der Gesamtmarkt –, wie soll man dann mit dem Auf und Ab auf den Börsen umgehen? Hier gibt es zwei mögliche Ansätze. Der erste Ansatz besteht darin, dass man mit „Market Timing“ versucht, den Aktienmarkt zu übertreffen: Als „Market Timer“ bemüht man sich, aus dem Aktienmarkt kurz bevor es zu Kursrückschlägen kommt auszusteigen und nach erfolgtem Kursrutsch frühzeitig wieder einzusteigen.

Vielleicht gibt es erfolgreiche Market Timer. Aber sie sind vermutlich rar gesät. Denn es gibt keine Möglichkeit, bereits schon heute die Faktoren verlässlich zu identifizieren und systematisch vorherzusagen, die die künftigen Aktienkurse bestimmen. In der kurzen Frist bilden sich die Aktienkurse nämlich nicht selten aufgrund psychologischer Gründe wie Euphorie und Angst, Gier und Panik, nicht aber aufgrund fundamentaler Erwägungen wie Marktstellung und Eigenkapitalrendite einer Firma.

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Die psychologischen Faktoren zu identifizieren und ihren Einfluss auf die künftigen Aktienkurse verlässlich vorhersagen zu wollen, ist ein – zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht – unmögliches Unterfangen: Es gibt das Wissen nicht, das uns sagen könnte, welche Faktoren bestimmte Gemütszustände der Börsianer bewirken, und wie diese Gemütszustände die Aktienkurse beeinflussen. Das menschliche Handeln lässt sich nicht prognostizieren, wie es in der Naturwissenschaft praktiziert wird.
Wer als Market Timer erfolgreich ist, muss daher über eine „besondere Fähigkeit“ verfügen, muss das können, was normalerweise unerreichbar ist: Er muss wissen, was künftig passiert, und welche Wirkung das auf die Aktienkurse hat. Wie gesagt, ausgeschlossen ist es nicht, dass jemand das kann. Aber die „besondere Fähigkeit“ kann per definitione nicht jeder haben. Und jeder, der meint, er könne mit Markt Timing herausstechen, sollte daher gut darüber nachdenken, ob er tatsächlich zu den erfolgreichen Market Timern zählt.

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Sollte man nicht zu den erfolgreichen Market Timern zählen – unterliegt man fälschlicherweise der Illusion, eine „besondere Fähigkeit“ zu haben –, kann einen das beim Investieren sehr teuer zu stehen kommen. Man wird in Boom-Phasen zu früh verkaufen, in Crash-Phasen zu spät kaufen und – und insgesamt wird dadurch die Investment-Rendite geringer ausfallen als die des Gesamtmarktes. Das Resultat ist nicht Outperformance, sondern Underperformance.

Ja, ich kann – aber nicht mit „Market Timing“
Der zweite Ansatz umfasst die Investoren, die meinen, sie können den Gesamtmarkt outperformen, aber nicht indem sie auf „Market Timing“ setzen. Die Investoren, die versuchen ohne Market Timing eine Outperformance zu erzielen, halten sich strikt an das „Preis versus Wert“-Prinzip. Der Preis einer Aktie ist der Börsenkurs. Er ist während der Handelszeit jederzeit und von allen einsehbar und zeigt, für wieviel Geld eine Aktie den Besitzer gewechselt hat.

Der Wert einer Aktie findet sich hingegen nicht auf dem Kurszettel (und viele Börsianer, die Aktien kaufen und verkaufen, kennen ihn nicht). Er muss vielmehr ermittelt werden – und entspricht der Summe der abgezinsten Gewinne, die ein Unternehmen erzielt. Um den Wert einer Aktie bestimmen zu können (nicht auf die Nachkommastelle, aber zumindest doch innerhalb einer gewissen Bandbreite), sind eingehende Analysen, Fachwissen und Entscheidungssicherheit gefragt.

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In der Praxis angewandt, bedeutet das „Preis versus Wert“-Prinzip, dass man eine Aktie dann und nur dann kauft, wenn ihr Preis deutlich (sagen wir 10 bis 20 Prozent) unter ihrem Wert liegt (wenn also eine „Sicherheitsmarge“ vorliegt). Ein Beispiel soll das erläutern, wie das „Preis versus Wert“-Prinzip funktioniert. Nehmen wir an, Sie kommen zu dem Schluss, dass das Unternehmen X ein hervorragendes Unternehmen ist, und dass seine Aktie 100 Euro wert ist.
Die Aktie handelt jedoch (weil andere das ebenso sehen wie Sie) bei 120 Euro. Zu diesem Preis kaufen Sie natürlich nicht. Denn Sie wollen ja nicht mehr für die Aktie bezahlen, als sie wert ist. Doch dann gibt es plötzlich Panik an der Börse (weil zum Beispiel die italienische Regierung verkündet, sie wolle aus dem Euro aussteigen), und die Aktienkurse purzeln um, sagen wir, 30 Prozent. Der Aktienkurse von Unternehmens X fällt sogar noch stärker, von 120 auf 70 Euro.

Ihre Analyse zeigt nun aber, dass durch die „Italienkrise“ die Gewinne des Unternehmens X gar nicht negativ beeinflusst werden, dass die Aktie nach wie vor 100 Euro wert ist. Daraufhin kaufen Sie beherzt zu 70 Euro – denn sie rechnen aufgrund von guten Gründen damit, dass der Aktienkurs früher oder später auf 100 Euro, also den Wert der Aktie, steigt und Ihnen eine Rendite von 42,9 Prozent winkt. Zudem haben Sie eine Sicherheitsmarge von 30 Euro: Um diesen Betrag kann der Wert der Aktie fallen, ohne dass sie einen dauerhaften Kapitalverlust verschmerzen müssen.

Gesetzt den Fall, ihre Werteinschätzung ist fehlerhaft, und die Aktie ist nur, sagen wir, 80 Euro wert. Ihre Sicherheitsmarge ist also nicht 30, sondern 10 Euro – aber nach wie vor positiv: Sie haben ja die Aktie gekauft zu einem Preis (zu 70 Euro), der deutlich unter dem Wert der Aktie liegt. Selbst wenn Sie den Wert der Aktie um 25 Prozent überschätzt haben sollten (wenn er 80 statt 100 Euro beträgt), haben Sie dank der Sicherheitsmarge einen Verlustpuffer, der Sie vor Fehlern, vor denen man nie gefeit ist, bewahrt.

Wissen, warum man was tut

Wenn Sie meinen, Sie können den Aktienmarkt nicht outperformen, ist der Fall klar: Verfolgen sie eine konsequent passive Aktienanlage, investieren Sie in einen breit aufgestellten Weltaktienmarktindex, bleiben Sie langfristig investiert, nehmen sie von Market Timing Abstand. Wenn Sie hingegen meinen, dass eine Outperformance möglich ist, sind die Chancen für die meisten Investoren vermutlich am größten, wenn sie ohne Market Timing eine Outperformance anstreben, anstatt eine Anlagestrategie mit Market Timing zu verfolgen.
Sich mit diesen Überlegungen eingehend auseinanderzusetzen, ist vermutlich eine der wichtigsten Maßnahmen für jeden Investor, unter anderem auch um Crash-Sorgen zu bändigen beziehungsweise sie sinnvoll in Investment-Entscheidungen zu berücksichtigen. Denn wenn man weiß, was man tut, und warum man es tut, hilft das, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das wusste schon Heinrich Heine (1797 – 1856), der schrieb: „Diejenigen fürchten das Pulver am meisten, die es nicht erfunden haben.“

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