Kleingeld abschaffen? "Bargeld ist aufwändig und teuer"

Kleve will 1- und 2-Cent-Stücke abschaffen. Das macht wirtschaftlich Sinn, erklärt Franz-Josef Arndt, Geschäftsführer des Bankenverbands Nordrhein-Westfalen, im Interview.

Kasse Quelle: dpa

Herr Arndt, in Kleve sollen ab Februar die 1- und 2-Cent-Münzen aus den Geschäften verschwinden und die Preise stattdessen auf- oder abgerundet werden. Finden Sie das als Bankenvertreter gut oder schlecht?

Franz-Josef Arndt: Zunächst einmal: Münzen, auch kleine Münzen, sind in Deutschland gesetzliches Zahlungsmittel. Händler dürfen die Annahme bis zu einem gewissen Umfang nicht verweigern. Die Aktion in Kleve baut darauf, dass die Kunden freiwillig mitziehen und die Auf- und Abrundung akzeptieren. Mal sehen, ob das klappt. Unabhängig davon macht es betriebswirtschaftlich durchaus Sinn, den Bargeldumlauf zu reduzieren.

Franz-Josef Arndt Quelle: Presse

Warum?  

Das Handling von Bargeld ist für Banken und Handel sehr aufwändig, auch deshalb ist die Annahme größerer Bargeldsummen bei vielen Banken mit einer Gebühr verbunden. Allerdings geht es hier auch um eine kulturelle Frage: Die Deutschen mögen das Bargeld. Fast 80 Prozent der geschäftlichen Transaktionen  und über 50 Prozent des Bezahlvolumens werden in Deutschland noch immer mit Bargeld abgewickelt. Auch wenn es für die Wirtschaft am besten wäre, den kompletten Zahlungsverkehr bargeldlos abzuwickeln: Die Präferenzen der Verbraucher können wir nicht ignorieren.


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Der Trend zu bargeldlosem Bezahlen, wie etwa in Skandinavien, macht also vor Deutschland Halt?    

Nein. Er braucht nur länger, um sich durchzusetzen. Die Banken werden weiter massiv in bargeldlose Technologien investieren. In Zukunft dürfte die Bedeutung des Bargelds daher auch in Deutschland zurückgehen. Statistiken der Bundesbank zeigen, dass diese Entwicklung – wenn auch langsam – bereits eingesetzt hat. 2008 wurden bei uns 82,5 Prozent aller Transaktionen in bar bezahlt, 2014 waren es nur noch 79,1 Prozent. Es werden auch zunehmend größere Volumina per Karte bezahlt.

Welche Zahlungsmittel Europäer bevorzugen
Das Geschäft mit dem Versenden von Geld über Smartphone-Apps lockt jetzt auch etablierte Banken an. Die Deutsche Kreditbank (DKB) kooperiert dafür mit dem Startup Cringle. Pro Monat kann ein Nutzer bis zu 100 Euro über die Cringle-App verschicken, abgewickelt wird die Zahlung per Lastschrift von der DKB. Pro Transaktion werden 20 Cent fällig, zum Start wurde die Gebühr auf 10 Cent gekappt. Das neue Angebot trifft bereits auf Wettbewerb im Markt. So bietet der Online-Bezahldienst PayPal seit Juli das Versenden von Geld über seine Smartphone-App in Deutschland an. Für Kunden, die ihren PayPal-Account mit einem deutschen Bankkonto verknüpft haben, ist das Angebot kostenlos, bei Kreditkarten wird eine Gebühr fällig. In vielen europäischen Ländern tun sich moderne Bezahlsysteme jedoch noch so schwer... Quelle: dpa
ÖsterreichOhne Bargeld geht in Österreich gar nichts. 86 Prozent bezahlen an der Kasse in bar, 12 Prozent mit EC-Karte. Eine Kreditkarte kommt nur in einem Prozent der Fälle zum Einsatz. Auf sonstige Alternativen wie Schecks, PayPal, Lastschrifteinzug oder Ähnliches entfällt insgesamt nochmal ein Prozent. Quelle: Deutsche Bundesbank; Europäische Kommission; Deloitte (Stand: 2014) Quelle: dpa
PolenIn Polen werden 80 Prozent der Bezahlvorgänge an der Kasse bar beglichen. Eine EC-Karte nutzen –ähnlich wie in Österreich – 13 Prozent der Bevölkerung. Immerhin werden auch drei Prozent der Bezahlvorgänge durch Kreditkarten abgewickelt. Auf die alternativen Zahlungsmittel entfallen vier Prozent. Quelle: dpa
DeutschlandAuch die Deutschen haben ihr Geld beim bezahlen lieber in fester Form in der Hand – in 79 Prozent der Fälle wird bar bezahlt. Zwölf Prozent der Käufe werden mit der EC-Karte beglichen, weitere sechs Prozent per mit Lastschrifteinzug, Scheck und anderen alternativen Zahlungsmethoden. Quelle: dpa
ItalienZwar ist Bargeld mit 69 Prozent noch immer das beliebteste Zahlungsmittel in Italien, aber auf Platz zwei kommen auch schon alternative Zahlungsmittel mit 17 Prozent. So sind Schecks, Kundenkarten, PayPal und andere Alternativen zusammen genommen bei den Italienern beliebter als die EC-Karte mit neun Prozent und die Kreditkarte mit sechs Prozent. Quelle: dpa
Sagrada Familia Quelle: AP
London Tower Bridge Quelle: dpa

Mal ganz praktisch gefragt: Wofür braucht man Ein- und Zwei-Cent-Münzen? Davon kann man sich nichts kaufen.

Stimmt. Aber sie erleichtern es dem Handel, zu Marketingzwecken so genannte Schwellenpreise einzusetzen, die auf 98 oder 99 Cent enden. Ich bin daher nicht ganz sicher, ob Experimente wie jetzt in Kleve von Erfolg gekrönt sein werden. Womöglich haben gerade große Händler kein Interesse an der Abschaffung der kleinen Münzen, weil sie dann auf Schwellenpreise verzichten müssten. Ein Preis von 9,99 Euro macht keinen Sinn, wenn ohnehin auf zehn Euro aufgerundet wird.

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Es gibt noch ein anderes Argument. Kritiker sagen: Bargeld bedeutet Freiheit. Wer das Bargeld abschafft, erhöht die staatliche Kontrolle über die Menschen.

Auch das scheint mir eine Mentalitätsfrage zu sein. In Skandinavien, wo man zum Teil sogar bei Straßenhändlern mit Karte bezahlt, können die Menschen mit diesem Argument wenig anfangen. In Deutschland ist der Stellenwert des Datenschutzes gerade gegenüber staatlichen Stellen deutlich ausgeprägter, auch stößt der "gläserne Kunde" auf mancherlei Widerstände.

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