Rüstung: „Wir müssen offen sagen, was wir wissen – und auch, was wir nicht wissen“
Lange Zeit waren Investitionen in Rüstungsunternehmen für viele Anleger aus moralischen Gründen tabu. Doch das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Sicherheit gilt zunehmend auch in der Finanzwelt als ethischer Wert. Die WirtschaftsWoche hat mit Bernd Villhauer, Finanzethiker am Weltethos-Institut, über Rüstung, Verantwortung und ethische Grauzonen gesprochen.
WirtschaftsWoche: Lange galten Rüstungsaktien als moralisch problematisch. Warum hat sich das geändert?
Bernd Villhauer: Früher war es ganz selbstverständlich, Rüstung aus ethischen Portfolios auszuschließen. Wer nachhaltig investieren wollte, also etwa soziale Standards beachtete oder CO2-Emissionen reduzieren wollte, sagte meist klar: Rüstung geht gar nicht. Das hatte viel mit der friedlichen Weltlage in Europa zu tun. Die Vorstellung einer unmittelbaren Bedrohung war für viele schlicht nicht präsent.
Das hat sich grundlegend geändert. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die wachsenden geopolitischen Spannungen haben gezeigt: Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr – und die USA sichern Europas Verteidigung nicht mehr automatisch mit ab. Das hat ein Umdenken ausgelöst.
Ein Umdenken hin zu Sicherheit als neuem moralischen Wert?
Das trifft es gut. Viele Menschen wollen weiterhin nachhaltig investieren – das hat sich nicht geändert. Aber sie sagen jetzt: In der heutigen Weltlage wäre es naiv, das Thema Verteidigung auszublenden. Das heißt nicht, dass man Prinzipien über Bord wirft. Aber es hat sich ein neuer Blick auf Sicherheit, auch militärische Sicherheit als Teil verantwortungsvollen Handelns entwickelt. Es ist ein Lernprozess und das ist grundsätzlich positiv.
Ist das ein Fortschritt – oder eher ein ethischer Dammbruch?
Ich würde es als realistische Weiterentwicklung sehen. Es ist wichtig, die eigenen Maßstäbe regelmäßig zu hinterfragen. Auch in der Nachhaltigkeit: Ist Elektromobilität als einzige Perspektive immer sinnvoll? Ist vegane Ernährung der einzige Weg oder brauchen wir auch nachhaltige Landwirtschaft mit Tierhaltung? Gerade solche Debatten benötigen wir auch bei Rüstungsinvestments. Es geht nicht darum, alles zu rechtfertigen. Und es kann auch sein, dass man einmal bei finanziellen Engagements ein „komisches Bauchgefühl“ hat. Aber sich auf veränderte Realitäten einzustellen und die eigenen Positionen zu überdenken – das ist ein Zeichen von Reife.
Wenn Rüstungsinvestments plötzlich moralisch geboten scheinen, könnte das Gewalt legitimieren. Sehen Sie diese Gefahr?
Das ist ein wichtiger Punkt. Ich warne deshalb davor, Rüstung als nachhaltig zu labeln. Das ist etwas ganz anderes als zu sagen, sie ist unter den aktuellen Umständen notwendig. Wir müssen klar unterscheiden: Ein Investment kann aus sicherheitspolitischen Gründen sinnvoll sein, ohne gleich moralisch „gut“ oder „nachhaltig“ zu sein. Rüstung hat in Nachhaltigkeitsfonds aus meiner Sicht nichts verloren. Dort sollte man transparent sagen: Das ist ein klassisches Investment, nicht mehr und nicht weniger. Und dennoch darf man sich ja die Frage stellen. Wie stärke ich nachhaltig Friedensstrukturen?
Wie können Anleger zwischen verantwortlicher und problematischer Rüstung unterscheiden?
Nicht alle Rüstungsfirmen sind gleich. Es gibt, ethisch gesehen, klare rote Linien: Streubomben, biologische oder chemische Waffen zum Beispiel. So etwas darf keine Unterstützung bekommen. Anleger können differenzieren: Welche Produkte stellt ein Unternehmen her? Wofür werden sie verwendet? Zudem muss man verstehen, dass Rüstungsunternehmen meist große staatliche Aufträge bedienen – sie sind oft nicht auf Kleinanlegerkapital angewiesen. Auch das Wissen über die Besonderheiten eines solchen Kapitalmarkts gehört zu einer fundierten ethischen Bewertung.
Haben Fondsanbieter eine besondere Verantwortung, wenn sie Waffenhersteller in ihre Portfolios aufnehmen?
Unbedingt. Wer Rüstungsunternehmen in einen klassischen Fonds aufnimmt und das offen kommuniziert, handelt transparent. Problematisch wird es, wenn solche Titel still und heimlich in Nachhaltigkeitsfonds auftauchen. Ich vermute, dass das oft passiert, um Kapital von institutionellen Investoren mitzunehmen, die nur in ESG-konforme Produkte investieren dürfen. Dann wird das Nachhaltigkeitslabel zum Türöffner für höhere Renditen. Das hat nichts mit ethischem Fortschritt zu tun, sondern ist Greenwashing.
Nachhaltigkeit ist insbesondere für Institutionelle wichtig, Rendite auch – ist die Fondsbranche überhaupt noch in der Lage, solche Zielkonflikte zu moderieren?
ESG darf kein starres Dogma sein. Es ist ein Instrument, kein Heiligtum. Und gerade, wenn die Welt sich verändert, müssen wir auch diese Kriterien hinterfragen. Welche Wirkung erzielen wir tatsächlich? Es kann in bestimmten Kontexten sinnvoll sein, Sicherheits- oder Verteidigungstechnologien zu unterstützen. Aber das muss offen diskutiert werden und darf nicht hinter ESG-Labeln versteckt werden. Sonst entkoppeln wir uns von der Realität.
Führen wir diese Debatte in Deutschland ehrlich genug?
Ich glaube, wir haben uns zu lange in einer Komfortzone eingerichtet. Wir haben uns auf den Schutz durch andere verlassen – ohne uns Gedanken darüber zu machen, was Verteidigungsfähigkeit eigentlich bedeutet. Auch im Nachhaltigkeitsbereich sind wir oft inkonsequent: Atomstrom importieren, aber gleichzeitig Energiewendemeister spielen. Das passt nicht zusammen. Ehrlichkeit ist überfällig. Auch weil es uns wirtschaftlich lange sehr gut ging, konnten wir uns diese Selbsttäuschungen leisten.
Was wünschen Sie sich als Finanzethiker für die künftige Debatte über Rüstungsinvestments?
Mehr Ehrlichkeit. Mehr Transparenz. Wir müssen offen sagen, was wir wissen – und auch, was wir nicht wissen. Nicht alles ist moralisch oder ethisch begründbar. Wenn Fondsanbieter aus wirtschaftlichen Gründen handeln, ist das okay, solange sie es klar benennen. Aber dann darf man das Produkt nicht gleichzeitig als ethisch verkaufen. Unser Job ist es, solche Widersprüche sichtbar zu machen – nicht, sie schönzureden.
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