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Stelter strategisch

Die Finanzmärkte sind im Paralleluniversum

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Erst seit ein paar Tagen merken wir auch am Wetter, dass Sommer ist. An den Finanzmärkten hingegen scheint die Sonne offensichtlich ewig. Wirklich?

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Von null auf hundert und zurück
Negativ verzinste deutsche Staatspapiere: Quelle: dpa
Mario Draghi Quelle: REUTERS
Zentralbankzins für Einlagen unter null Quelle: dpa
Der Bund verdient Geld mit Anleihen. Quelle: dpa
16. Januar 2015Die Schweiz schreibt Geschichte am Anleihemarkt: Erstmals sinkt in einem Land  die Rendite einer Anleihe mit der Laufzeit von zehn Jahren unter null Prozent. Grund dafür war die überraschende Entscheidung der Schweizer Notenbank vom Vortag, den Euro-Mindestkurs zum Franken aufzuheben. Die Folge: Der Franken wertet drastisch auf, die Aktienkurse brechen ein – und Anleger fliehen in Anleihen.  Am 9. April profitieren die Schweizer Steuerzahler von den Minuszinsen. Die Schweiz stockt die die zehnjährige Anleihe, die einen Zinsschein von 1,5 Prozent hat, zu einem Kurs von 116 Prozent auf. Daraus errechnet sich bei der Auktion eine negative Rendite von minus 0,055 Prozent. Anleger versuchen damit, den Strafzins von 0,75 Prozent zu umgehen, den die Schweizer Notenbank für kurzfristige Einlagen von Banken  festgelegt hat. Quelle: dpa
Die EZB macht Ernst. Quelle: dpa
Der Bund verdient jetzt Geld mit einer Fünfjahres-Anleihe Quelle: dpa

Putsch (egal ob echt oder inszeniert) in der Türkei, Krieg in der Ukraine, Bürgerkrieg in Syrien, Terror nicht nur in Frankreich, Spannungen im "südchinesischen" Meer, demographische Bombe im Nahen Osten und Afrika, Überalterung in Europa, Krise der Rohstoffexporteure, zunehmender Protektionismus, schwaches Wachstum von Weltwirtschaft und -handel, Überschuldung weiter Teile der Welt, sinkende Produktivität trotz technologischer Revolution, Brexit und dysfunktionale EU, notleidende italienische Banken, gescheiterter Euro, überforderte Politiker und Zulauf für Populisten und Extremisten… Die Liste der Probleme ist nicht mal vollständig.

Natürlich stimmt es auch, dass es der Menschheit trotz dieser Aufreihung noch nie so gut ging wie heute. Viel weniger Menschen sterben durch Terror und Krieg, viel weniger verhungern, viel mehr konnten sich aus Armut befreien, und die weltweite Ungleichheit ist so gering, wie seit der industriellen Revolution nicht mehr (innerhalb der Länder hat sie allerdings wieder zugenommen).  Doch ist das Grund genug, um die Aktienmärkte auf luftige Höhen zu treiben, und die Anleihenmärkte gleich mit?

Wenn dann doch eines der oben genannten Themen wieder für kurze Zeit in den Vordergrund tritt, endet es jedes Mal sogar mit einer Verstärkung dieser Anomalie: Während die Aktienmärkte für ein paar Tage fallen, nur um wenig später ungerührt wieder nach oben zu streben, steigen ebenfalls die Kurse von Währungen und Anleihen, die als "sicher" gelten.

Mit Blick auf die Schweiz, wo für 50-jährige Staatsanleihen mittlerweile auch eine Aufbewahrungsgebühr in Form negativer Zinsen anfällt, mag dies noch verständlich sein. Doch im Falle von Japan, einem Land, welches überschuldet in eine sich beschleunigende Schrumpf-Vergreisung übergeht, von einem "sicheren" Investment zu sprechen, ist blanker Hohn. Das einzige was sicher ist, ist die völlige Monetarisierung der Staatsschulden nach vorherigem Einsatz der geldpolitischen Helikopter zum Flächenbombardement.

Wer dem deutschen Staat mit

  • ungedeckten Verbindlichkeiten für Renten- und Gesundheitsleistungen in der Größenordnung von rund 400 Prozent des BIP,
  • gigantischen latenten Lasten zur Euro-"Rettung",
  • einer verfehlten Einwanderungspolitik, die die Kosten weiter erhöht, statt die Lasten einer ebenfalls schrumpfenden und überalternden Gesellschaft zu tragen,
  • einer politischen Führung, die mehr darauf aus ist, vorhandenen Wohlstand zu verteilen, statt neuen zu schaffen,

Geld dafür bezahlt, dass er ihm dieses für 10 Jahre leiht, dem ist nicht mehr zu helfen!

Natürlich ist das Geld dort sicherer aufbewahrt als auf dem Bankkonto, nicht nur in Italien, sondern in der ganzen Eurozone. Natürlich kann man auf eine breite Deflation und damit positive Realzinsen setzen, nur muss jedem klar sein, dass in diesem Fall mit einer werthaltigen Rückzahlung nicht zu rechnen ist. Auch in der Eurozone muss es zu einem Ausgleich zwischen Gläubigern und Schuldnern kommen – entweder organisiert, chaotisch oder über Inflation. Die Helikopter laufen sich auch hier warm. Egal wie, der Gläubiger verliert in dem Spiel immer. Und der Gläubiger sind wir.

Verglichen damit sind US-Staatsanleihen durchaus attraktiv. Zwar ist der Zins für 10-jährige in den letzten Wochen auch unter zwei Prozent gesunken. Ein Blick auf Gesamtverschuldung (tiefer), Wachstum (höher), Demografie (günstiger), Innovationskraft (besser) und Attraktivität für qualifizierte Zuwanderer (deutlich höher) genügt, um in den USA trotz aller Probleme den besseren Schuldner zu sehen. Der berühmte Einäugige unter den Blinden.

Mit welcher Allokation durch den Sommer?

Problematisch an dieser Sicht ist jedoch, dass sie mittlerweile "Common sense" ist, also jeder Marktteilnehmer so denkt. Ging man vor sechs Monaten noch von einem Zinserhöhungskurs der Fed aus – „Stelter strategisch“ übrigens nicht - so glaubt heute kaum jemand an steigende Zinsen, und jeder rechnet einem vor, wie relativ gut US-Anleihen doch sind. Dabei spricht dieser Optimismus und die Elliott Wave Theorie, so man dieser glaubt, eher für eine deutliche Korrektur der Anleihenkurse in den USA, also für steigende Zinsen. Aus meiner Sicht ist zumindest angesichts des verbreiteten Optimismus taktische Vorsicht angezeigt.

Doch was machen wir mit einer Welt, in der sich die Finanzmärkte offensichtlich in einem eigenen, notenbankfinanzierten Paralleluniversum befinden, wo die reale Welt, wenn überhaupt, nur als Begründung für weitere Liquiditätsspritzen dient? Realwirtschaftliche Implikationen hat das Geldangebot der Notenbanken bekanntlich nicht. Ein Kommentator auf meinem Blog fasste es so zusammen: "Hier teilt sich -beinahe messerscharf- die Nachfrage auf: Die Einen, die mit Krediten die Assetpreise nur so in die Höhe treiben und die Anderen, die keine Kredite (mehr) bekommen oder wollen, weil sie mit den Schulden genug zu tun haben. „Gute“ Investitionen mit Wachstumspotential bleiben dann natürlich aus."

Fragt sich: können die Finanzmärkte ewig im Paralleluniversum bleiben? Natürlich nicht! Es ist auch hier nur eine Frage des "wann", nicht des "ob" es zu einer Anpassung von Realität und Finanzmärkten kommt. Wenig spricht dafür, dass die Realität sich den Märkten annähert.

Das wurde im ersten Halbjahr aus 100.000 Euro
Platz 20: Aktien VenezuelaDie Börse in Caracas ist winzig, nur wenige Aktien sind dort notiert und die Umsätze liegen oft bei nur ein paar tausend Dollar pro Tag. Internationale institutionelle Investoren meiden venezolanische Aktien. Die Inflation im Land galoppiert, der Versorgungsmangel eklatant, die Währung Bolivar ist auf Talfahrt. Anleger, die im Januar 100.000 Euro in den IBC-Index investierten, haben so jetzt nur noch 54.320 Euro. Im Vorjahr hatten sich die Kurse noch mehr als vervierfacht.   Schlusstand 30.6.2016, Angaben ohne Transaktionskosten. Quelle: Reuters
Platz 19: Aktien ChinaDie Wirtschaft in China macht Anlegern seit über einem Jahr Sorgen. Die Börse stürzte entsprechend weiter ab. Der Leitindex CSI 300, der die 300 größten Aktien Festlandschinas erfasst, brach um 15,6  Prozent ein. Da gleichzeitig der Yuan zum Euro leicht abwertete blieben Anlegern von 100.000 Euro nur 80.900 Euro übrig.   Schlusstand 30.6.2016,  Angaben ohne Transaktionskosten. Quelle: Reuters
Platz 18: Aktien Euro-ZoneDer Jahresauftakt an Europas Börsen war schon ein Horror, dann kam noch das Debakel um den Brexit hinzu. Die Folge: Die Aktien in der Euro-Zone notieren tief im Minus. Wer Anfang des Jahres 100.000 Euro in den Leitindex Euro Stoxx 50 investierte, verfügt angesichts des Minus von 12,3 Prozent jetzt nur noch über 87.670 Euro. Am schlimmsten erwischte es dabei Anleger in Italien – der FTSE MIB 100 Index verlor fast ein Viertel seines Wertes.   Schlusstand 30.6.2016, Angaben ohne Transaktionskosten. Quelle: REUTERS
Platz 17: Britisches PfundInvestoren haben die britische Währung nach dem Brexit-Votum regelrecht heruntergeprügelt. Schon vorher litt es deutlich, am Tag nach der Bekanntgabe des Referendums stürzte es dann zum US-Dollar um bis zu knapp 14 Prozent und zum Euro um mehr als acht  Prozent ab. Zur US-Währung liegt das Pfund auf dem niedrigsten Stand seit über 30 Jahren. Zum Euro liegt das Pfund „nur“ auf dem niedrigsten Stand seit rund zwei Jahren. In diesem Jahr wurden aus 100.000 in Pfund angelegten Euro 88.620 Euro.   Schlusstand 30.6.2016, Angaben ohne Transaktionskosten Quelle: dpa
Platz 16: Aktien DeutschlandAuch Aktienanleger in Deutschland hat bislang kein schönes Jahr. Gleich zu Beginn des Jahres stürzte der Leitindex Dax ab. Danach erholte er sich zwar – machte die Verluste vom Jahresanfang aber nie ganz wett. Der Brexit-Schock setzte dem Dax dann erneut zu. Aus 100.000 im Dax investierten Euro sind innerhalb von sechs Monaten nur noch 90.110 Euro geworden.   Schlusstand 30.6.2016, Angaben ohne Transaktionskosten Angaben ohne Transaktionskosten Quelle: AP
Platz 15: Aktien SchweizAuch die Aktien der Schweiz gingen auf Talfahrt. Der Franken legte dabei zum Euro nur ganz leicht zu. Im vergangenen Jahr hatte er kräftig aufgewertet, nachdem die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs für den Franken aufgegeben hatte. Von daher machten Anleger mit Franken in diesem Jahr keine Währungsgewinne. Von 100.000 Euro blieben 91.320 Euro übrig.   Schlusstand 30.6.2016, Angaben ohne Transaktionskosten Angaben ohne Transaktionskosten Quelle: Reuters
Platz 14: Aktien GroßbritannienDas Brexit-Votum hat der britische Leitindex rasch verkraftet.  Der Leitindex „Footsie“ war zwar am 24. Juni heftig eingebrochen, holte die kurzfristigen Verluste dann aber wieder auf. Trotzdem sind Experten skeptisch, da wegen des Ausstiegs Großbritanniens aus der EU eine lange Phase der Ungewissheit droht. Dennoch notiert der Footsie auch auf Halbjahressicht 4,2 Prozent im Plus. Da der Euro jedoch zum Pfund kräftig zulegte, machten Euro-Anleger, die ihre Positionen nicht absicherten, einen Verlust von 8,01 Prozent und hatten bei einer Anlagesumme von 100.000 Euro so nur noch 91.990 Euro auf dem Konto.   Schlusstand 30.6.2016, Angaben ohne Transaktionskosten Quelle: Reuters

Die allseitige Beschwörung der Alternativlosigkeit, diesmal nicht der Merkel'schen Politik, sondern der Aktie als Geldanlage, muss deshalb zu denken geben. Wenn wir vor dem Punkt stehen, an dem die Notenbankpolitik für alle offensichtlich scheitert, und die direkte Staatsfinanzierung als nächster Schritt droht, könnte es sehr wohl sein, dass die Finanzmärkte im Gleichschritt nach unten gehen. Die Aktien, weil die Bewertungen nicht mehr zu halten sind, die Anleihenmärkte weil klar wird, dass der Lender of Last Resort doch nicht alles zu jedem Preis aufkaufen wird. Dieses Risiko scheinen führende Spekulanten zu erkennen. George Soros und Stanley Druckenmiller sind die prominentesten Skeptiker, die auf fallende Kurse setzen und gleichzeitig ihr Engagement in Gold und Goldminen ausbauen.

Diese Insider brauchen Käufer, wenn sie ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Die Banken brauchen Umsätze, um wenigstens etwas Geld zu verdienen. Propaganda für die Aktien und die als sicher angesehenen Anleihen hilft dabei sicher. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Mit welcher Allokation gehen wir also in den Sommer? Strategisch halte ich an der hier immer wieder beschworenen Diversifikationsstrategie fest, sowohl mit Blick auf die Assets - Aktien, Immobilien, Cash, Gold - wie auch die regionale Streuung. Taktisch glaube ich noch nicht an die rasche, erfolgreiche Inflationierung. Bevor es so weit ist, dürften wir noch mindestens eine Talfahrt erleben, ausgelöst durch einen der genannten Krisenfaktoren oder einem weiteren, an den wir gar nicht denken. Die Aktien behalte ich und sichere mich für die kommenden Monate ab, den Cashbestand halte ich weiterhin nur bei den sichersten Adressen. Ansonsten bleibe ich wachsam, um im Falle einer deutlichen Korrektur zu handeln, und meinen Anteil an Assets, die keinem Kontrahentenrisiko unterliegen und einen Schutz vor Inflation bieten, aufzustocken. Langfristig bin ich bei Soros und Druckenmiller, weshalb ich an Gold und Goldminen festhalte.

So aufgestellt können wir uns getrost in die Sommerpause verabschieden und die wichtigeren Dinge als das Geld genießen. Wir sehen weiter, wenn diese Kolumne Ende August wieder ihr Erscheinen aufnimmt. Bis dahin wünsche ich Ihnen allen schöne Sommertage!

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