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Stelter strategisch

Warum das mit der Inflation nicht so einfach ist

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Entscheidend ist die Wachstumsrate

Gibt es noch einen weiteren Weg, die Schuldenlast relativ zum Bruttoinlandsprodukt zu senken, nämlich die schleichende Enteignung durch negative Realzinsen? Ja, den gibt es. Genauer gesagt sind es nicht negative Realzinsen, sondern Nominalzinsen, die unter der nominalen Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes liegen. In diesem Fall wächst der Nenner (das BIP) schneller als der Zähler (die Schulden) unter der Annahme, dass der Schuldner nicht zu viele zusätzliche Schulden macht. Genau betrachtet handelt es sich um einen Unterpunkt des Wachstumsarguments von William White.

Gelingt es uns das Nominalwachstum der Wirtschaft zu steigern – und Mangels realem Wachstum sind wir dann wieder bei der Inflation – oder die Nominalzinsen deutlich unter das Wachstum zu drücken, sinkt die Schuldenquote vorausgesetzt der Schuldner macht nicht zu viele neue Schulden.

Entscheidend ist hierbei die Wachstumsrate. Natürlich können die Notenbanken die Zinsen auf und teilweise unter Null treiben, doch dies genügt nicht immer. In Deutschland haben die Negativzinsen sicherlich bei der Erreichung der „schwarzen Null“ die entscheidende Rolle gespielt. Viel wichtiger zur Reduktion der offiziell ausgewiesenen Schuldenquote war jedoch das gute Wirtschaftswachstum. Der Nenner wuchs einfach schneller. Zur Erinnerung: bei sauberer Rechnung haben sich die Schulden Deutschlands weiter erhöht und liegen oberhalb jener Italiens.

Gegenbeispiel ist Italien, wo trotz tiefer Zinsen und einem erheblichen Primärüberschuss im Haushalt (das ist das Defizit vor Zinszahlungen, was im Falle Italiens bedeutet, dass ein Teil der Zinsen aus Steuern und nicht aus neuen Schulden bezahlt wird) die Staatsschuldenquote in den letzten Jahren weiter stieg. Es fehlte einfach das Wachstum!

Gelänge es die Nominalzinsen dauerhaft unter das Nominalwachstum zu drücken – und nach dem zweiten Weltkrieg gelang es dank hoher Wachstumsraten leicht – wäre in der Tat eine Entschuldung über Zeit möglich. Das ist aber unwahrscheinlich, denn:

- Zum einen muss die Zinslast der Volkswirtschaft und nicht nur des Staates unter das Nominalwachstum gedrückt werden. Wie Leser dieser Kolumne wissen, ist das Hauptproblem die hohe Verschuldung des Privatsektors und dieser zahlt immer noch höhere Zinsen als der Staat.

- Zum anderen dauert er - selbst wenn es gelingt - sehr lange. Abhängig von der erzielten Repression (also der Differenz zwischen Zins und Wachstum) dürften es im Euroraum zehn bis 40 Jahre brauchen, bis die Schulden wieder auf einem tragbaren Niveau angekommen sind. Blieben die Zinsen so lange unter einem angemessenen Niveau, wären noch größere Vermögenspreisblasen und eine Kapitalflucht die Folge.

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EZB Quelle: dpa
frankreich, negativzins Quelle: REUTERS
dänemark, negativzins Quelle: dpa
Italien, negativzins Quelle: dpa
Großbritannien, Negativzins Quelle: dpa
Schweiz, Negativzins Quelle: dpa
Spanien, Negativzinsen Quelle: REUTERS

Das gewichtigste Gegenargument ist jedoch ein anderes. Die Voraussetzung erfolgreicher Entschuldung durch Repression ist, dass die Schuldner sich mit Neuverschuldung zurückhalten. Dies ist aber nicht der Fall – Deutschland ist die Ausnahme nicht die Regel! – wie man an der weltweit weiter steigenden Verschuldung sehen kann. Seit 2007 ist diese um 50 Prozent vom Welt-BIP gestiegen. Trotz – oder besser wegen! – der tiefen Zinsen!

Was passiert ist folgendes: während die Notenbanken immer mehr Beton in das Fundament unseres Schuldenturmes pumpen (Nullzins), leiten wir fröhlich einen Teil des Baustoffes um und bauen weitere Stockwerke oben drauf.

Nur Optimisten können annehmen, dass dies ewig so weiter geht. Entweder es gelingt die Monetarisierung über die Notenbankbilanz oder es kommt zuvor zu politischen Unfällen – wie beispielsweisen einem Euroaustritt verbunden mit Staatsbankrott in Italien.

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