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Stelter strategisch

Warum das mit der Inflation nicht so einfach ist

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Inflation - was denn nun?

Nun zum anderen Kritikpunkt, der „Nicht-Haltung“ zum Thema Inflation. Vermisst wird, dass ich nicht eindeutig sage, ob, wann und wie hoch die Inflation in den kommenden Jahren zurückkehrt. Bisher habe ich in meinen Beiträgen immer davor gewarnt, alleinig auf das inflationäre Szenario zu setzen. So unter anderem in: „Inflation – kein Selbstmord aus Angst vor dem Tod“.

Dies liegt daran, dass wir es weltweit mit sehr gegenläufigen Tendenzen zu tun haben. Deflationär wirken tendenziell: 

- Die demografische Entwicklung in der westlichen Welt. Eine alternde Gesellschaft geht empirisch mit tieferen Wachstumsraten und Inflation einher. (Wobei auch dies nicht auf Dauer gelten muss, wie hier schon diskutiert.)

- Die Globalisierung der Märkte mit einem erheblichen weltweiten Arbeitskräfteangebot, welches den Lohndruck (vorerst) mindert.

- Der technologische Fortschritt, der ganze Industrien obsolet macht und den Lohndruck zusätzlich erhöhen wird.

- Die erheblichen Überkapazitäten in einigen Industrien, die zudem vom billigen Geld der Notenbanken am Leben erhalten werden („Zombies“).

- Und letztlich auch die Schuldenlast selber. Mag diese zwar Dank tiefer Zinsen tragbar sein, begrenzt sie dennoch die wirtschaftliche Aktivität. 

Dem gegenüber haben wir inflationäre Tendenzen, vor allem:

- Die anhaltende Ausweitung der Zentralbankgeldmenge, die sich bisher noch nicht in ausreichendem Wachstum der breiteren Geldmengen niederschlägt (aufgrund der oben genannten Faktoren).

- Perspektivische Verknappung von Rohstoffen wegen unzureichender Investitionen in neue Förderung (Öl).

- Die zunehmende Rückkehr der westlichen Volkswirtschaften zu normaler Kapazitätsauslastung.

Entscheidend dürfte sein, dass – sollte es wirklich zu einem Anstieg der Inflation kommen – die Notenbanken nur verzögert mit höheren Zinsen reagieren können, weil sie sonst einen Crash an den Assetmärkten und eine neue Schuldenkrise riskieren. Bleiben die Zinsen jedoch offensichtlich und deutlich zu tief, dürfte zu einem Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes führen.

Letztere ist seit der Krise 2009 deutlich gesunken. Steigt die Umlaufgeschwindigkeit, vor allem wegen eines Vertrauensverlustes der Geldbesitzer, wäre eine deutliche Inflation unvermeidbar. Ich spreche deshalb gerne von Ketchup-Inflation. Lange kommt nichts, doch wenn es kommt ist es kein kleiner Tropfen.

Ich bleibe bei der Empfehlung, auf beides zu setzen

Die entscheidenden Fragen sind also: sehen wir einen Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit und glauben wir den Beteuerungen der Notenbanken, etwas gegen die Inflation zu tun? Die zweite Frage ist aus meiner Sicht mit einem klaren „Nein“ zu beantworten. Die erste Frage ist zur Zeit auch mit „Nein“ zu beantworten. Die Antwort kann sich allerdings rasch ändern. Insofern bleibe ich bei meiner Empfehlung, vorsichtig zu agieren.

Erst letzte Woche hat die Bank of America daran erinnert, dass Deflations-Assets schon seit Jahren deutlich besser an den Märkten abschneiden als Inflations-Assets. Wir hatten das bereits im Juli an dieser Stelle diskutiert. Sollte es zu einem erneuten Zinsrückgang kommen, beispielsweise ausgelöst durch eine Rezession in den USA, würden „Deflationsassets“ (definiert als US-Staatsanleihen, hochverzinsliche Unternehmensanleihen, US-Aktien (vor allem Industriegüter und Konsumgüter) und sogenannte Wachstumsaktien) nochmals deutlich zulegen. Die bestehenden Überbewertungen würden weiter zunehmen.

Damit aber auch die Fallhöhe für einen künftigen Crash. Ähnlich wie die Schulden können sich Vermögenswerte nicht ewig von der Realwirtschaft entfernen. Kommt es zu einem externen Schock oder allen Bemühungen der Notenbanken zum Trotz zu einem Zinsanstieg, ist ein deutlicher Einbruch denkbar.

Ob und wann es dazu kommt ist völlig offen. Genauso offen wie das Ende des Kampfes zwischen deflationären und inflationären Kräften. Wer da vorgibt, ganz genau zu wissen, wie es kommt, ist ein Scharlatan.

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