Tobias Schrödel: "Ein Passwort muss wehtun"
IT-Sicherheitsexperte Tobias Schrödel: "Ein Passwort muss wehtun."
Foto: WirtschaftsWocheHerr Schrödel, welches Verhältnis haben die Deutschen zum Thema Sicherheit?
Wir wissen alle, dass wir Zugänge im Internet schützen müssen. Und doch hofft jeder insgeheim, dass niemand merkt, dass wir uns nicht ausreichend darum kümmern.
Ist es uns zu unbequem?
Natürlich. Aber viele wissen nicht einmal, was sie schützen sollen. Beim Smartphone verstehen wir es, oder beim Onlinebanking. Da geht es schließlich um unser Geld. Und trotzdem nutzt dann jeder ein PayPal-Konto mit einem einfachen und daher unsicheren Passwort, das gleichzeitig auch noch für sieben andere Accounts gilt.
Wer kann sich schon 30 verschiedene Passwörter für all die verschiedenen Websites merken.
Niemand. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, sich im Internet sicher zu bewegen. Ein Passwort Manager kann ein Hilfsmittel sein. Der speichert für verschiedene Konten meine Login-Daten. Man sollte aber auf vertraute Anbieter setzen, die schon einige Jahre am Markt sind und vielleicht von einer Computerzeitschrift getestet wurden. Wer fünf Euro für ein Programm bezahlt, das von einem unbekannten russisch klingenden Programmierer angeboten wird, muss zumindest damit rechnen, dass vielleicht auch andere Leute die gespeicherten Passwörter zu Gesicht bekommen.
Ich würde meine Passwörter ungern digital speichern.
Wenn die Verschlüsselung vernünftig ist, ist das kein Problem. Aber selbst, wenn Sie das nicht wollen, können Sie ein System nutzen, mit dem Sie Passwörter auf verschiedenen Seiten variieren können.
Mit den Namen der Haustiere, die ich als Kind hatte? Da kommt keiner drauf.
Nein, ein Passwort muss wehtun. Und anders als der Name es nahe legt, darf es eben nicht wie ein Wort aussehen.
Jetzt bin ich gespannt.
Wir nehmen den Refrain eines Songs unserer Lieblingsband, oder einen Satz, den wir uns leicht merken können: Schneewittchen wohnt mit den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen. Daraus nutzen wir von jedem Wort den Anfangsbuchstaben. SwmdsZhdsB.
Das bekomme ich noch hin.
Und schon hätten wir fast ein ausreichend sicheres Passwort. Aber wir sollten es optimieren und Sonderzeichen und Zahlen einbauen. Die sieben Zwerge und sieben Berge machen es uns in diesem Beispiel besonders leicht. Und das S ersetzen wir zusätzlich durch ein Dollarzeichen: $wmd7Zhd7B. In anderen Sätzen könnte man zum Beispiel ein I oder kleines L durch ein ! ersetzen.
Einen Moment bitte, ich sollte wohl schnell mein Passwort mit Ihrer Methode verbessern.
Der Unterschied ist enorm. Wenn wir ein achtstelliges Passwort wählen, das nur aus Buchstaben und Zahlen besteht, benötigt ein Hacker je nach System etwa 2 Jahre, um alle Kombination auszuprobieren und so Ihr Passwort so zu knacken. Wenn wir zusätzlich Sonderzeichen verwenden, würde er 24 Jahre brauchen.
Eine Lebensaufgabe. Dann kann ich das Passwort jetzt beruhigt für alle meine Konten einsetzen?
Das sollten Sie nicht machen. Wenn jemand Ihren Autoschlüssel klaut, würden Sie ja auch nicht nur das Schloss auf der Fahrerseite austauschen, sondern sicher auch das auf der Beifahrerseite und ebenso das Zündschloss. Schließlich wollen Sie ja, dass der Dieb nirgends rein kommt, und der Schlüssel gänzlich nutzlos ist. Besser wäre daher jeweils ein eigener Schlüssel für jede Seite und die Zündung.
Also ein Satz für jedes Login? Dann muss ich mir jetzt 30 Sätze statt 30 Passwörter merken. Keine Chance.
Es geht viel einfacher: Wir variieren unser Schneewittchen für die verschiedenen Seiten. Wenn ich mich bei Ebay einlogge, baue ich zum Beispiel an der sechsten Stelle im Passwort ein E ein, für meinen Amazon-Login entsprechend ein A: $wmd7Ahd7B.
Schwache Passwörter
Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) veröffentlicht jedes Jahr die meistgenutzten Passwörter der Deutschen - Datengrundlage sind 12,9 Millionen E-Mail-Adressen, die als .de-Domain registriert sind.
Foto: dpaHacker lieben schwache Passwörter
Wer sich bei Hackern beliebt machen möchte, wählt als Passwort die Zahlenfolge 123456 - laut der HPI-Studie weltweit das meistbenutzte Passwort in den untersuchten Daten-Leaks. Welche deutschen Passwörter besonders verbreitet sind, konnten die Forscher aus den rund 30 Millionen Nutzerkonten ermitteln, die als .de-Domain registriert sind.
Foto: dpaPlatz 10: hallo123
Im vergangenen Jahr stand auf Platz 10 noch das Passwort "ficken" – das zehntplatzierte Passwort dieses Jahr ist deutlich jugendfreier und lautet "hallo123".
Foto: dpaPlatz 9: 111111
Leicht zu merken und ebenso leicht zu hacken: "111111".
Foto: dpaPlatz 8: 1234567
Bis sieben kann jedes Kindergartenkind zählen - vielleicht ist deshalb diese einfache Zahlenfolge eines der beliebtesten Passwörter der Deutschen.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 7: passwort
Ein Passwort, das man zumindest nicht vergisst, lautet "passwort" und erfreut sich großer Beliebtheit.
Foto: dpaPlatz 6: hallo
Ahoi, bonjour, Ciao, Grüß Gott, Guten Tag – es gibt viele Grußformeln, die in Deutschland geläufig sind. Als Passwort eignet sich wahrscheinlich jede davon eher als "hallo" – allerdings sind sie allesamt keine empfehlenswerten Passwörter.
Foto: dpaPlatz 5: 12345678
Von nun an wird es zahlenlastig – und etwas einseitig. Internetnutzer, die dieses Passwort verwenden, sollten besser Acht geben!
Foto: dpaPlatz 4: 12345
High Five ist bei Sportlern, die körperbetonten Sportarten nachgehen, eine beliebte Geste. Auch als Passwort sind die Zahlen 1 bis 5 sehr beliebt.
Platz 3: 1234
Die nächsten Passwörter werden zwar nicht besser - aber dafür zumindest länger.
Foto: dpaPlatz 2: 123456789
Eine unbedarftere Einladung zum Datenklau ist kaum vorstellbar. Aber möglich.
Foto: dpaPlatz 1: 123456
Ohne Worte.
Foto: dpaSchutz vor Identitätsdiebstahl
„Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz vor Identitätsdiebstahl“, so HPI-Direktor Christoph Meinel, einer der Autoren der Studie. „Aber wer sein Passwort auf dieser Liste entdeckt, sollte es schnellstmöglich ändern.“
Foto: dpaUnd für mein Onlinekonto bei der Sparkasse ein S. Verstanden. Aber die Bank lässt mich nur ein fünfstelliges Zugangswort festlegen.
Stimmt, hier hilft Ihnen Schneewittchen nicht weiter. Aber die fünf Stellen bei der Bank genügen. Sicherer muss der Zugang zum Onlinekonto nicht sein. Denn selbst wenn sich jemand unbefugt einloggt, fehlt ihm ja noch eine Transaktionsnummer, um Überweisungen auszuführen.
Ist es okay, wenn ich TAN-Nummern von einer Papierliste eingebe?
Solange Sie die TAN-Nummern nicht per E-Mail verschicken, wenn Sie dazu in einer E-Mail aufgefordert werden, die vermeintlich von Ihrer Bank kommt, schon. Aber das größte Risiko beim Onlinebanking ist nun mal derjenige, der vorm Bildschirm sitzt. Leider fallen immer noch zu viele Nutzer auf solche gefälschten E-Mails herein.
Welches TAN-Verfahren würde mich davor schützen?
Es gibt Wege, wie zum Beispiel ChipTAN, bei denen die Bank Ihnen eine Nummer nur für eine bestimmte Überweisung generiert. Dann sehen sie zu jeder TAN auch den Empfänger, an den das Geld gehen soll. Und selbst wenn ihr Computer nun von Schadsoftware manipuliert wurde, die das Geld Ihrer Überweisung abzwacken will, können Sie sehen, dass der Empfänger geändert wurde, und den Vorgang einfach abbrechen.
Sie schildern das so nüchtern. Wenn jemand meine Onlineüberweisungen manipuliert, verfalle ich doch sofort in Panik: Computer aus, Netzstecker ziehen, W-Lan-Router abschalten.
Kein Grund zur Panik. Es reicht, wenn Sie den Vorgang abbrechen und keine weiteren Überweisungen ausführen. Dann melden Sie sich bei Ihrer Bank und schildern den Vorfall. Anschließend prüfen Sie Ihren Computer mehrfach mit verschiedenen Virenschutzprogrammen, um zu schauen, wo das Problem liegt. Schließlich sollte wohl noch ein IT-Profi versuchen, die Schadsoftware zu entfernen.
Und wenn es mir nicht auffällt, dass sich jemand in mein Konto geschlichen hat?
Dann bemerkt es häufig ihre Bank. Sie analysiert nämlich ihr Verhalten bei Kartenzahlungen und beim Onlinebanking: Wem schicken Sie regelmäßig Geld. Nutzen Sie ihre Karten vielleicht gerade zum Bezahlen im Urlaub. Oder haben Sie heute Morgen noch in München Geld am Automaten abgehoben, und zwei Stunden später plötzlich in Mexiko? Das fällt den Systemen der Banken sofort auf, und sie werden bei Ihnen nachfragen, ob die Buchung in Mexiko tatsächlich von Ihnen stammt.
Ist es möglich, mich anhand meines Verhaltens auch beim Login zum Onlinebanking zu erkennen? Dann könnte ich unseren Schneewittchen-Satz endlich wieder vergessen.
Natürlich, ich denke, dass solche Verfahren zur Authentifizierung kommen werden. Man kann Sie zum Beispiel heute schon eindeutig daran identifizieren, wie Sie Sätze über die Tastatur eingeben. Wenn Sie zum Beispiel die Buchstaben E und R immer im Abstand von 0,7 Sekunden eingeben. Bis solche Systeme flächendecken eingesetzt werden, wird es zwar noch ein paar Jahre dauern. Aber ja, dann könnten Sie Schneewittchen als Passwort-Hilfe getrost vergessen.