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Gentrifizierung in Frankfurts Bahnhofsviertel Explodierende Mieten im verruchten Viertel

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Friedliche Koexistenz der verschiedenen Welten

Im neuen Jahrtausend hat sich das Bild geändert, aber die „alten Herren“ aus den Siebzigerjahren sitzen immer noch auf ihren Besitztümern und werden, teilweise schon in den Achtzigern, gesichtet, wenn sie spätabends ihre Runden durchs Nachtleben drehen. Mit öffentlichen Auftritten halten sie sich jedoch zurück.

Wie viel Haus gibt es für 200.000 Euro?
Der Wohnraum wird knapper, die Preise für Eigentum steigen Quelle: dpa
Die günstigsten Städte: Ostrava Quelle: Wikipedia
Die günstigsten Städte: Łódź Quelle: dpa Picture-Alliance
Die günstigsten Städte: Györ Quelle: Wikipedia
Die günstigsten Städte: Jekaterinburg Quelle: Wikipedia
Die günstigsten Städte: Debrecen Quelle: Wikipedia
Die teuersten Städte: Berlin Quelle: dpa

Ein Großinvestor der alten Garde, der zurückgezogen lebende Heinrich Gaumer, ist im Mai 2015 im Alter von 72 Jahren an einem Herzleiden gestorben. Sein Immobilienimperium wird auf über 70 Objekte und einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt. Der wohl umstrittenste Immobilienspekulant war dafür bekannt, Objekte planmäßig herunterkommen zu lassen, etwa den ehemaligen Kaufhof an der Leipziger Straße. Auch wurden in Wohnungen von Gaumer osteuropäische Tagelöhner in Überbelegung untergebracht. Nun fragen sich viele, ob Objekte aus dem Immobilienimperium auf den Markt kommen.

Heute beruht die einzigartige Atmosphäre des Viertels auf der friedlichen Koexistenz der verschiedenen Welten. Es gibt das Rotlicht, die Drogen-Connections, die Hells Angels, aber auch die türkischen, indischen oder osteuropäischen Communities, die Studenten und die betuchten Neuankömmlinge. Die Milieus kommen sich kaum in die Quere: „Seit wir Gastronomie machen, werden wir gefragt, ob wir Schutzgeld zahlen“, sagt James Ardinast vom Stanley Diamond. „Aber das ist Quatsch. Jeder kennt hier jeden, auch die Leute aus der Unterwelt. Aber es interessiert uns nicht näher, was die machen. Das lernt man hier im Viertel: Leben und leben lassen.“

Das freilich gilt kulturell, ökonomisch dagegen nur bedingt. Denn vor allem die Stadtpolitik scheint mittlerweile entschlossen, der Preisspirale nach oben nicht tatenlos zusehen zu wollen. 20 Millionen Euro hat die Stadt zwischen 2005 und 2015 ausgegeben, um den Wandel zu fördern. 250 Wohnungen sind durch Umwandlung von Büro- und Gewerbeflächen oder durch Neubau entstanden. Insgesamt kamen 376 Wohnungen mit finanzieller Unterstützung der Stadt hinzu. Eine Dreiviertelmillion ist allein in das Renommee-Objekt K58 geflossen, wo die Ruine eines Billigkaufhauses abgebrochen wurde und Platz für 38 Luxus-Apartments mit Blick auf die Drogen- und Fixerszene machte. Nun möchte die Stadtpolitik nicht in den Ruf geraten, durch öffentliche Förderung, den Wert privater Spekulationsobjekte gemehrt zu haben.

Gentrifizierungsopfer

Ganz wohl ist den Beamten angesichts der rasanten Gentrifizierungstendenzen jedenfalls nicht: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass die erfolgreiche Aufwertung nicht ins Gegenteil umschlägt“, sagt Mark Gellert, Referent im Planungsdezernat. Die Stadt hat inzwischen eine Milieuschutzsatzung auf den Weg gebracht, die helfen soll, die Bevölkerungsstruktur zu erhalten. Künftig sollen nur noch Sozialwohnungen und Wohnungen für die Mittelschicht gefördert werden.

Vielleicht auch, weil die öffentliche Hand mittlerweile selbst zum Gentrifizierungsopfer geworden ist: Das Stadtteilbüro musste aus dem alten Domizil an der Moselstraße wegziehen, weil der neue Besitzer des Hauses keinen jährlich kündbaren Mietvertrag anbieten wollte.

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