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„Kultur des Frühausstiegs“ Die verhängnisvolle Liebe der Deutschen zur Frührente

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Deutschlands Sozialkassen stehen vor einem doppelten Problem

Setzen die Babyboomer den Wunsch nach Frührente um, den sie in der Studie so breit äußern, so stellt das Deutschlands Sozialkassen gleich vor ein doppeltes Problem. Seit Jahren warnt etwa der ehemalige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn vor der großen Rentenwelle der Babyboomer. Er erwartet die große Rentenwelle um das Jahr 2030. Dann werde es 7,5 Millionen mehr Rentner geben als heute.

Sollten die Babyboomer nun tatsächlich in Scharen in den Vorruhestand gehen, dürfte dieser Tag noch deutlich eher kommen als der Ökonom prognostiziert. Und die Konsequenz ist nicht nur, dass es dann immer mehr Rentner gibt mit Rentenansprüchen, die irgendwie finanziert werden müssen. Der zweite Teil des Problems liegt darin, dass die Babyboomer dann auf der Einzahler-Seite fehlen.

Hierzu ein kleines Zahlenspiel: Unter den Befragten der Studie der Uni-Wuppertal sind 92 Prozent beschäftigt, 62 Prozent mit einer Vollzeitstelle. In den sechs Jahren von 1959 bis 1964, die in der Studie untersucht wurden, wurden knapp acht Millionen Menschen geboren. Überträgt man die Beschäftigungsquote von 62 Prozent auf diese acht Millionen Menschen, kann man den Effekt des kollektiven Vorruhestandes sehr einfach sehen.

Wenn, um des Beispiels willen, jeder der Vollzeitarbeitenden den Durchschnittslohn verdiente, würden er und sein Arbeitgeber zusammen jedes Jahr gut 7000 Euro in die Rentenversicherung einzahlen. Rechnet man das auf acht Millionen Menschen hoch, kommt man auf 56 Milliarden Euro. Diese Summe ginge der deutschen Rentenversicherung durch die Lappen, wenn die genannten sechs Babyboomer-Jahrgänge vorzeitig in Rente gingen – und das jedes Jahr.

Natürlich werden nicht wirklich acht Millionen Menschen auf einen Schlag von Beitragszahlern zu Empfängern. Ein Teil von ihnen ist selbstständig und zahlt nicht in die Rentenversicherung ein, ein Teil wird länger arbeiten, ein Teil ist bereits gestorben. Das würde die Summe schmälern. Auf der anderen Seite zahlen auch die Teilzeitkräfte ein, die hier unerwähnt bleiben, und viele der Top-ausgebildeten Babyboomer verdienen deutlich mehr als den Durchschnittslohn.

Wie hoch die konkrete Summe auch immer tatsächlich wäre, klar ist: Ein kollektiver Vorruhestand der Babyboomer wird die Rentenkasse vor existenzielle Probleme stellen, von Kranken- und Pflegeversicherung ganz zu schweigen. Und das wird nicht erst 2030 geschehen, sondern es beginnt jetzt: Der älteste Jahrgang der frührenteaffinen Befragten wird bereits dieses Jahr 60 Jahre alt.

Was also müsste geschehen, um den Rentenkollaps abzuwenden? Die Deutschen müssten, und hier kommen wir auf den Anfang zurück, länger arbeiten. Und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern in Realität. Dazu müsste ihnen die Lust auf die Frührente genommen werden.

Wie das funktionieren könnte, hat sich auch der Wuppertaler Studienleiter Hasselhorn überlegt. Das Zauberwort heißt für ihn Motivation. Der Forscher verweist auf die skandinavischen Länder, wo die Menschen schon heute deutlich länger arbeiteten als in Deutschland. Dort gebe es eine „positive Arbeitskultur“. In den meisten Berufen arbeiteten die Menschen dort, weil sie es wollten, nicht weil sie es müssten.

Auch in Deutschland könnte die Lust an der Frührente gebrochen werden, glaubt Hasselhorn, auch wenn es dafür ein bisschen Unterstützung brauche: „Unserem Land könnte ein aktives politisches Marketing guttun, dass gute Arbeit in aller Regel gut ist, auch für die älteren Beschäftigten.“ Die Menschen müssten lernen umzudenken und den Begriff Arbeit in ihrem Kopf gleichsam von einem Fach ins andere räumen: „Länger arbeiten kann man auch als Gewinn und Chance sehen statt als Mühsal oder Muss.“

Wann Europäer in den Ruhestand dürfen
Stand heute arbeiten die Portugiesen am längsten. Quelle: REUTERS
Auch für die Iren zieht sich die Zeit bis zur Rente hin Quelle: AP/dpa
Nur Portugiesen und Iren arbeiten länger als die Deutschen. Quelle: dpa
Polnische Männer arbeiten mit 65,25 Jahren nur drei Monate weniger als aktuelle Neurentner in Deutschland Quelle: REUTERS
Unsere holländischen Nachbarn haben es da auch nicht viel besser Quelle: REUTERS
Gleich vier Länder haben nach OECD-Daten den 65. Geburtstag als Renteneintrittsalter festgelegt Quelle: dpa
Auch in Spanien dürfen Frauen wie Männer erst mit 65 in den Ruhestand. Quelle: AP

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