Lebensversicherungen: Liebling, wir haben die Rendite geschrumpft
Die Lebensversicherer senken ihre Überschussbeteiligung.
Foto: Getty Images, pr, MontageDie Nerven in der Lebensversicherungsbranche liegen blank. Offizielle Statements mögen das kaschieren. Doch tatsächlich steht die Branche unter gewaltigem Druck - und das aus gutem Grund.
Jüngster Beleg für die Anspannung: Selbst Branchenbeobachter legen sich schon miteinander an. So attackierte mit Professor Hermann Weinmann von der Fachhochschule Ludwigshafen ein eigentlich durchaus für branchenkritische Statements bekannter Experte kürzlich Axel Kleinlein, seines Zeichens Branchenkritiker und Vorstand des Bundes der Versicherten, einer Verbraucherschutzvereinigung. Weinmann warf Kleinlein einen "vermutlich ideologisch motivierten Verbalkrieg gegen die Branche" vor. Der wiederrum konterte, Weinmanns Äußerungen seien "mehr politischer und emotionaler als fachlicher Natur".
Da war plötzlich Leben in der sonst oft langweilig anmutenden Welt der Lebensversicherer. Doch was steckt hinter der Anspannung? Zahlen mögen die Gemüter beruhigen. Das einzige Problem: Die Zahlen scheinen eher Ursache der angespannten Stimmung zu sein. So verkündete Marktführer Allianz am Nikolaustag wie viel, oder besser: wie wenig, den Kunden im kommenden Jahr auf ihre um Kosten geminderten Beiträge an Rendite gutgeschrieben wird. Eine schöne Bescherung: In den klassischen Lebens- und Rentenversicherungen mit Garantiezins beträgt die laufende Verzinsung im Durchschnitt nur noch 2,8 Prozent.
Sie setzt sich zusammen aus dem jeweiligen Garantiezins, der vom Jahr des Vertragsabschlusses abhängt, und der Überschussbeteiligung. Rechnet man im komplexen System Lebensversicherung alle anderen Überschussquellen, wie Schlussüberschüsse, hinzu, ergibt sich bei der Allianz eine Gesamtverzinsung von 3,4 Prozent. Auch das wären 0,3 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Da stellt die Allianz lieber ihr neueres, im Vertrieb mittlerweile dominierendes Vertragsmodell Perspektive in den Vordergrund. Anders als bei den klassischen Verträgen gibt es hier nur eine geringere Garantie, dafür die Aussicht auf etwas mehr Rendite dank flexiblerer Geldanlage. Die laufende Verzinsung beträgt hier allerdings auch nur 2,9 Prozent, die Gesamtverzinsung 3,7 Prozent - ebenfalls -0,3 Prozentpunkte zum Vorjahr.
Erstversicherer
Im Alter reicht die gesetzliche Rente meist nicht aus, um seine Standards zu erhalten. Also investieren viele Menschen in private Altersvorsorge – unter anderem durch Lebensversicherungen. Die Kapitalanlagen der Versicherten betrugen im Jahr 2015 insgesamt 851 Milliarden Euro – eine riesige Summe. An den Kapitalmärkten sind Lebensversicherer deshalb machtvolle Spielern. Nur: Wohin genau investieren sie?
Quelle: GDV, BaFin
Foto: dpaRenten
Ein großer Teil der Gelder fließt in Renten. Ihr Vorteil: Anders als Aktien unterliegen sie vergleichsweise moderaten Kursschwankungen und sind fest verzinst. Der Anteil an Renten betrug im vergangenen Jahr 87,3 Prozent und ging im Vergleich zu den Vorjahren zurück. 2014 waren es 88,5 Prozent, 2013 noch 88,7 Prozent.
Foto: dpaHypotheken, Darlehen, Staatsanleihen
Es gibt verschiedene Arten von Renten, zum Beispiel Hypotheken, Darlehen und Staatsanleihen. Der Anteil von Hypotheken betrug 2015 5,8 Prozent und blieb damit gegenüber dem Vorjahr stabil. Darlehen machten mit 20,5 Prozent rund ein Fünftel der Renten-Investments der Lebensversicherer. Staatsanleihen, die als besonders sicher gelten, machten 7,1 Prozent der Renten-Investments aus.
Foto: dpaPfandbriefe
Der prozentuale Anteil von Pfandbriefen ist der drittgrößte innerhalb der Rentengelder – obwohl auch dieser nachgelassen hat. 2015 machten die Pfandbriefe 17,9 Prozent aus, 2014 waren es 19,4 Prozent.
Foto: REUTERSRentenfonds
Lebensversicherer investieren nicht nur direkt in Renten, sondern auch dadurch, dass sie Anteile an Rentenfonds erwerben. Die darin enthaltenen Renten machen den größten Teil der Renten aus, in welche die Lebensversicherer investiert sind: 25,9 Prozent. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren leicht hoch gegangen. 2014 waren es 25,4 Prozent.
Foto: dpaGenussrechte und Nachränge
Genussrechte unterliegen etwas anderen Regeln als Aktien oder Anleihen. Genaugenommen, sind sie eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital. Über die Genussrechte werden die Anleger an Gewinnen des Unternehmens beteiligt, können aber auch Verluste einfahren. Die Versicherer sind deshalb hier mit 1,8 Prozent kaum investiert.
Foto: dpaTages-, Termin- und Festgelder
Sicher aber wenig beliebt sind bei den Versicherern Tages-, Termin- und Festgelder. Nur ein Prozent des Kapitals ist so investiert.
Foto: gmsAktien
Aktien werden als Anlageklasse bei den Lebensversicherern dagegen immer beliebter. Der Grund: Weil Zentralbanken im Moment sehr niedrige Zinsen festlegen, leiden die Festverzinslichen. Aktien dagegen haben zwar volatile Kurse, punkten aber mit fester Dividende. Im Jahr 2015 betrug der Aktienanteil der Lebensversicherer 4,3 Prozent, 2014 waren es noch 3,5 Prozent. Nur der kleinste Teil – 0,1 Prozent – sind Direktinvestments. Der Rest ist wird über Aktienfonds gehandelt.
Foto: dpaImmobilien
Der Immobilienanteil ist mit 3,9 Prozent in den vergangenen drei Jahren stabil geblieben. Hier sind die Versicherer zum größten Teil (2,6 Prozent), direkt investiert.
Foto: dpa
Zugegeben: Das Absinken der Rendite ist nicht vorrangig eine Fehlleistung der Lebensversicherung. Sie sind schon aus regulatorischen Gründen dazu gezwungen, einen Großteil des Geldes für die Kunden in festverzinslichen Wertpapieren anzulegen. Und hier schlägt sich der allgemeine Zinsrückgang eben voll nieder.
Zudem steht die Allianz im Vergleich zu anderen Anbietern noch gut da. Bei der Victoria wird die Gesamtverzinsung 2017 nur noch 2,4 Prozent betragen, bei Ergo Leben 2,6 Prozent, bei Ergo Direkt 3,0, bei der Alten Leipziger 3,2 Prozent. Die Axa liegt - wie die klassischen Allianz-Policen - ebenfalls bei 3,4 Prozent. Viele andere Lebensversicherer haben ihre Zahlen noch nicht offengelegt. Der Trend aber ist klar: Es geht weiter abwärts.
Wie groß der Unterschied zwischen früher und heute ist, zeigt der neu veröffentlichte map-report. Dieser Zahlenvergleich der Branche wird von der Fachzeitschrift Versicherungsjournal ermittelt und bietet Einblicke in die erreichten und in Zukunft erwartbaren Leistungen. So erzielten Versicherte mit Verträgen, die Ende 2015 ausliefen, beim jeweils besten Anbieter über 12 Jahre 3,9 Prozent Beitragsrendite pro Jahr, über 20 Jahre 4,9 Prozent und über 30 Jahre gar 5,5 Prozent auf ihre gezahlten Beiträge.
Die für die Zukunft garantierten Beitragsrenditen hingegen sind absolute Magerkost: Auf 12 Jahre garantieren überhaupt nur noch 7 von 29 klassischen Anbietern eine positive Beitragsrendite. Die im Vertrag enthaltenen Kosten sind bei den übrigen Versicherern so hoch, dass der derzeit noch geltenden Garantiezins von 1,25 Prozent nicht ausreicht, um sie aufzufangen. Einsamer Spitzenreiter über 12 Jahre ist die Europa Lebensversicherung mit 0,8 Prozent garantierter Beitragsrendite. Bei der Lebensversicherung von 1871 hingegen entspricht die Garantie einem Verlust von 1,2 Prozent pro Jahr. Über 20 und 30 Jahre liegt die garantierte Beitragsrendite hier bestenfalls bei 0,9 Prozent. Selbst über 30 Jahre schaffen noch fünf Lebensversicherer das Kunststück einer negativen garantierten Beitragsrendite. Im kommenden Jahr sinkt der Garantiezins für Neukunden von 1,25 auf 0,9 Prozent pro Jahr (auf die um Kosten geminderten Beiträge), sodass sich das Problem noch verschärft.
Der map-Report hat aber nicht nur die Renditen ausgewertet, sondern auch weitere Kennzahlen für ein Lebensversicherungs-Rating ausgewertet. Anders als die WirtschaftsWoche in ihrem alljährlichen Finsinger-Lebensversicherungs-Rating, das eine Prognose der in künftigen Leistungsfähigkeit aus Kundensicht abgibt, basiert das map-report-Rating vor allem auf vergangenheitsbasierten Kennzahlen. Hier stützt es sich allerdings auf einen extrem detailreichen Datenfundus. In diesem Rating der klassischen Angebote deutscher Lebensversicherer schnitten Europa, Debeka, WGV, Huk-Coburg, Allianz, Hannoversche, Cosmos und Stuttgarter am besten ab. Ihnen wurde eine "hervorragende Leistung" bescheinigt. Dabei wurden sowohl finanzielle Kennzahlen wie Nettorendite sowie Abschluss- und Verwaltungskosten als auch Service und Transparenz bewertet, etwa über die Stornoquoten und Beschwerdequoten bei der Finanzaufsicht BaFin und dem Branchen-Ombudsmann.
Doch der Blick auf die erwartbaren Leistungen zeigt: Eine für Lebensversicherungen "hervorragende Leistung" könnte in der Praxis deutlich zu wenig sein, um mit den für die Altersvorsorge verfügbaren Mitteln ausreichend Ertrag zu erwirtschaften. Eine Trendumkehr ist der Lebensversicherung nicht absehbar. Sollten die Zinsen ihren jüngst gestarteten verhaltenen Anstieg weiter fortsetzen, würde das den Lebensversicherern erst einmal sogar neue Probleme bereiten. Denn ihre alten, im Bestand gehaltenen Anleihen würden dann an Wert verlieren.
Neue Angebote, abseits der klassischen Garantiezinsen, lösen die Probleme nicht. Auch hier hängen Versicherte meist noch stark am Zinstropf. Und ohne Garantien anlegen, das können sie auch selbst - abseits der Lebensversicherungen. Etwa mit Sparplänen auf Investmentfonds oder kostengünstige Indexfonds. Die Aussicht auf attraktive Renditen ist dabei deutlich besser.