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„Von den fallenden Kursen profitieren“ Altersvorsorge in Zeiten von Corona

Der Dax hat binnen kürzester Zeit knapp 40 Prozent verloren. Für Anleger kann aber gerade das auch eine Chance sein Quelle: imago images

Die Corona-Pandemie sorgt weltweit für fallende Kurse an den Börsen. Müssen Anleger deshalb jetzt Angst um ihre Altersvorsorge haben? Wie sollten sie reagieren? Und gibt es sichere Alternativen? Die Antworten.

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Ralf Scherfling ist Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

WirtschaftsWoche: Weltweit sind wegen der Corona-Pandemie die Börsen eingebrochen. Was raten Sie jemandem, der fürs Alter mit einem Aktiensparplan vorsorgt und jetzt Angst um Erspartes bekommt?
Ralf Scherfling: Corona sollte nicht der Grund sein, bei Geldanlagen hektisch zu werden und schnelle Entschlüsse zu fassen, die nachteilig sind. Beispielsweise kann man einen Aktienfondssparplan grundsätzlich weiterführen. Bei einem ausreichend langen Anlagehorizont – bei Aktienfonds sollten dies mindestens zehn Jahre sein – profitiert man sogar von den fallenden Kursen.

Inwiefern?
Ein fiktives Rechenbeispiel: Wer pro Monat 100 Euro spart, konnte vor Kurzem bei einem Kurs von 40 Euro monatlich 2,5 Anteile kaufen. Wenn der Kurs jetzt auf 25 Euro gefallen ist, bekommt er monatlich 4 Anteile. Wenn sich die Kurse zu einem späteren Zeitpunkt erholen, profitiert er davon, insgesamt mehr Anteile zu besitzen. Aber Achtung: Eine solche Kurserholung kann Jahre dauern. Die Zeit muss man haben.

Müssen die Menschen Angst haben, am Ende weniger Geld zu bekommen, als sie zurückgelegt haben?
Grundsätzlich sind bei allen Geldanlagen, die mit Risiken verbunden sind, Verluste möglich. Daher ist es vor einer Geldanlage zentral, genau zu prüfen, welche Risiken man eingehen kann und will. Beispielsweise sollten Privatanleger Produkte meiden, bei denen ein Totalverlustrisiko existiert. Neben der individuellen Risikopräferenz ist auch die Laufzeit ein wichtiger Faktor. Wer sein Geld länger anlegt kann, ist in der Lage, schlechte Phasen an der Börse besser aussitzen zu können.

Abgesehen von der Dauer, wie können Anleger ihr Erspartes möglichst absichern?
Der beste Schutz des eigenen Vermögens bleibt eine breite Streuung über verschiedene Produktklassen hinweg. Dazu können Tagesgeld oder Festgeld, Investmentfonds oder etwa Sachwerte gehören. In der aktuellen Corona-Pandemie bestätigen sich drei Aspekte, zu denen wir generell bei der Altersvorsorge raten:
• Erstens den Vorteil, rechtzeitig vor dem Laufzeitende das Geld nach und nach in sichere Anlagen umzuschichten. Wer in den nächsten Monaten an sein Geld muss, profitiert aktuell davon, wenn er Aktienquoten rechtzeitig zurückgefahren hat. Wer dies versäumt hat, steht vor den beiden schlechten Alternativen, entweder mit Verlust verkaufen zu müssen oder Pläne so lange zu verschieben, bis sich die Kurse wieder erholt haben.
• Zweitens die Notwendigkeit, die eigene Vermögensstruktur regelmäßig immer wieder zu kontrollieren. Nicht nur Änderungen in der eigenen persönlichen oder beruflichen Situation können für Änderungsbedarf sorgen, auch externe Ereignisse wie Gesetzesänderungen – oder aktuell auch Corona – können zu Änderungen führen.
• Drittens sollte jeder über eine Liquiditätsreserve von mindestens drei Nettogehältern verfügen, idealerweise mindestens 5000 Euro. Diese Reserve hilft in Notfällen, die Inanspruchnahme des teuren Dispo oder den Notverkauf anderer Geldanlagen mit Verlust zu vermeiden oder zumindest zu verzögern.

Wer gerade nach Anlagemöglichkeiten für sein Geld sucht, ist oft ratlos: Die Zinsen sind auf null, die Börse im freien Fall. Was kann er tun?
Die Niedrigzinsphase macht sichere Geldanlagen seit vielen Jahren wenig attraktiv, da die Habenzinsen den Namen de facto schon lange nicht mehr verdienen. Insgesamt macht man mit sicheren Geldanlagen ein reales Minus, da die Habenzinsen unter der Inflationsrate liegen. Jetzt sorgt Corona derzeit für fallende Kurse an der Börse. Wer aktuell freie Liquidität hat und in der momentan unübersichtlichen Lage schlicht und einfach keinen Fehler machen will, kann kurzfristig das Kapital in den nächsten Wochen flexibel halten und die weitere Entwicklung beobachten. Mittel- und langfristig wäre dies aber keine Lösung.

Wohin also mit dem Geld?
Möglicherweise lohnen sich auch – abhängig vom Einzelfall – Änderungen in der persönlichen Anlagestruktur. Hier sollte man aber vorsichtig sein. Keinesfalls sollte man auf sogenannte „Geheimtipps“ hören, wie man jetzt sein Geld „in sicheren Häfen“ retten kann. Dabei handelt es sich oft um Produktklassen, die aus unserer Sicht für Privatanleger nicht geeignet sind, etwa geschlossene Fonds. Oder es sind Produktklassen, die maximal als Beimischung in Betracht kommen. In Gold etwa sollten maximal 5 bis 10 Prozent des Vermögens angelegt werden.

Was ist mit Altersvorsorge mit Aktien? Kann der Kursverfall nicht sogar ein besonders guter Zeitpunkt sein, um jetzt einzusteigen?
Für die Frage, ob in naher Zukunft ein Zeitpunkt liegen könnte, sich an die Börse zu wagen, helfen Börsenweisheiten kaum weiter. Soll man nun „kaufen, wenn die Kanonen donnern“ oder stattdessen „nicht in ein fallendes Messer greifen“? Letztlich hängt es von der persönlichen Risikobereitschaft ab und dem Anlagehorizont – dieser sollte auch hier wieder mindestens zehn Jahre betragen –, ob und wann man diesen Schritt wagen will. Den perfekten Zeitpunkt für einen solchen Einstieg würde man übrigens ohnehin nur zufällig treffen. Planbar ist dies nicht.



Mehr zum Thema: Der Coronacrash hat in kurzer Zeit so viel Geld vernichtet wie nie zuvor. Doch es gibt immer wieder Erholungsphasen. Anleger können diese nutzen, um das eigene Wertpapierdepot auf eine stabilere Basis zu stellen.

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