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Riedls Dax-Radar
Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse: Derzeit haben die Pessimisten, durch den Bären symbolisiert, das Sagen an den Aktienmärkten. Quelle: dpa

Corona-Crash: Fakten sind besser als Panik

Die Wirtschaftsdaten der nächsten Wochen werden extrem schlecht ausfallen. Dennoch, nach 40 Prozent Verlust wächst im Dax die Chance für eine Gegenbewegung. Was gegen Angst spricht, selbst wenn es heikel bleibt.

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Um 13,5 Prozent ist die Industrieproduktion in China in den ersten zwei Monaten zurückgegangen. Im Einzelhandel betrug der Rückgang 20 Prozent, die Investitionen traf es noch dramatischer. Diese Zahlen markieren den schwersten Rückgang, seitdem sich China vor mehr als zwei Jahrzehnten aufmachte, Anschluss an die westlichen Volkswirtschaften zu finden. Und dennoch: Für die Börsen stecken darin zwei Hoffnungsfunken.

Erstens: Gerade weil der Einschnitt so dramatisch ist, besteht die Chance, dass es nicht noch schlimmer wird. Mehr noch: Mittelfristig dürften diese extrem negativen Zahlen sogar zu einer umso deutlicheren Erholung führen. Wie im Jahr 2010, als dem heftigen Rückgang in der Finanzkrise ein sprunghafter Zuwachs folgte.

Zweitens: Jede Zahl, und sei sie noch so düster, ist derzeit besser als gar keine. Ungewissheit ist der Nährboden für Angst - und die trübt derzeit das Klima auf den Weltbörsen wie nie zuvor.

„Angstbarometer“ schlagen aus, USA besonders gefährdet

Besonders sichtbar ist das an den Volatilitätsbarometern V-Dax und V-Stoxx. Volatilität sind an der Börse die erwarteten Kursschwankungen, die herausdestilliert werden aus den Preisen von Optionen, also derivativen Termingeschäften. Diese Vola hat am panischen Montag den 16. März, als die Aktienmärkte zunächst ins Bodenlose stürzten, sich dann aber im Laufe des Tages erholten, Werte von mehr als 80 Prozent erreicht. Das war genauso viel wie in der großen Finanzkrise 2008. Der V-Dax lag mit 86 Prozent sogar noch einen Tick höher.

Hauptgrund dafür ist die akute Entwicklung der Coronaviren-Epidemie - und die daraus resultierenden Folgen in Wirtschaft und Gesellschaft. Aus China gibt es zwar Anzeichen dafür, dass sich die Wucht der Viren abschwächt, dafür steckt Italien mitten in der heißen Phase, die anderen europäischen Ländern in Kürze bevorstehen dürfte.

Für die Börse besonders problematisch könnten die Vereinigten Staaten werden. Hier gibt es bisher keine konzertierten Aktionen gegen das Virus, dafür einen sprunghaft agierenden Präsidenten und ein Gesundheitssystem, das vielen Menschen wenig Schutz bietet. Zudem waren die USA bis zuletzt wirtschaftlich immer noch relativ robust. Die ökonomische und menschliche Fallhöhe in Amerika wäre damit in einem negativen Szenario besonders groß. Das ist auch der Grund dafür, warum die Analysen vieler US-Finanzinstitute derzeit wesentlich negativer ausfallen als in anderen Krisenzeiten, in denen die US-Gesellschaft in der Regel hohe Selbstverteidigungsenergien freisetzt.

Konjunktureinbruch im ersten Quartal

Wie bei den chinesischen Zahlen ist es absehbar, dass auch für die europäische und amerikanische Wirtschaft das erste Quartal und wahrscheinlich auch das zweite Quartal einen außergewöhnlich heftigen Absturz bringen wird. Nach dem plötzlichen Einfrieren des öffentlichen Lebens und vieler wirtschaftlicher Aktivitäten könnte der Absturz sogar noch einschneidender ausfallen als in der Finanzkrise.

Eine solche Entwicklung entspräche im Grunde dem, womit die Märkte rechnen: Der Kursrückgang in den vergangenen dreieinhalb Wochen war in seiner Dynamik heftiger als in der Finanzkrise 2008/2009. Schnelligkeit und Ausmaß der Kursrückgänge erreichten bisher das Ausmaß des Crashs von 1987. Allerdings, 1987 war ein Crash, der nur innerhalb der Finanzwelt stattfand, ausgelöst von Zinsunsicherheit und befördert von Computerverkaufsprogrammen. Der Corona-Crash dagegen ist in seiner Dimension, wie die Angst bis in den letzten Winkel der Gesellschaft vordringt, wesentlich vielschichtiger und deshalb für die Börsen auch gefährlicher.

Historische Notenbankhilfe, doch noch herrscht Panik

Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass die Hilfsmaßnahmen der Notenbanken so umfassend sind wie noch nie in der Geschichte der Börsen: Eine solche Kombination aus klassischen Zinssenkungen, zusätzlichen Wertpapierkäufen und Liquiditätsspritzen in Verbindung mit formalen Erleichterungen für Banken hat es noch nie gegeben. Dass die Börsen daraufhin nicht gleich in Jubel ausgebrochen sind, hat nichts damit zu tun, dass diese Maßnahmen nicht wirken. Es ist allein der Panik-Modus der Börsen, der zu solchen Reaktionen führt.

Je mehr die panischen Erregungswellen an den Börsen in den nächsten Tagen und Wochen abklingen, desto eher werden die substanziellen Maßnahmen der Notenbanken ihre Wirkung entfalten. Vor allem dann, wenn sie durch fiskalische und politische Stützen für Unternehmen flankiert werden: Von großzügigen Kurzarbeit-Regelungen bis hin zu einer flexiblen Auslegung im Falle drohender Insolvenzen.

In China keimt die Hoffnung, dass die Produktion wieder langsam anläuft, in Europa steht der virologische Höhepunkt wahrscheinlich kurz bevor, in den USA wird die Dimension der Gefahr erst langsam wahrgenommen. Diese Diagnose würde darauf hindeuten, dass das Umfeld für die Börsen auf Monate hinaus sehr schwierig bleibt.

Allerdings, parallel zu den Wellen der Virenkrankheit werden sich die Börsen nicht entwickeln. Das war schon in den ersten Monaten des Ausbruchs in China so, als das Virus für die Märkte noch keine substanzielle Rolle spielte. Erst mit der unerwartet heftigen Verbreitung in Italien schlug es massiv auf die Börsen durch.

Crash-Verlauf wie 1987

Der Kursrückgang im Dax vom Hoch bei 13.800 Punkte bis zum jüngsten Verlaufstief bei 8.240 beträgt bisher 40 Prozent in etwas mehr als drei Wochen. Das entspricht sowohl vom Ausmaß als auch von der Dauer dem Crash von 1987. Knapp oberhalb von 10.000 Punkten gab es eine kurze Zwischenreaktion, wirklich substanzielle Kurserholungen hat es bisher noch nicht gegeben.

Im weiten Bereich um 8.200 Punkte liegen im Dax seit dem Jahr 2000 mehrere große Hochspitzen: die der High-Tech-Hausse und dann 2007 der Anstieg vor der Finanzkrise. Als der Dax diese Zone überwand, bildete er in diesem Bereich 2014 und 2016 wichtige Tiefpunkte. Zudem verläuft im Bereich um 8000 Punkte derzeit der große Aufwärtstrend, der seit 1982 besteht.

Der Bereich um 8.200 Punkte wurde an dieser Stelle vor kurzem als Worst Case für den akuten Crash eingestuft. Dass der Dax dies so schnell ohne größere Gegenwehr erreicht hat, ist kein gutes Zeichen.

Rekordhohe Verluste bergen Chancen

Dennoch, angesichts der extremen Angst, die sich in den Rekorden der Vola-Indizes widerspiegelt, dem breiten Bereich der Unterstützungen oberhalb von 8000 Punkten, den schon absolvierten, typischen Crash-Verlusten von 40 Prozent und den historischen Maßnahmen der Notenbanken hat der Dax auf dieser Basis eine echte Chance auf eine Erholung.

Rund 5500 Punkte hat der Dax bisher verloren, eine klassische 40-Prozent-Gegenbewegung wären 2200 Zähler. Ausgehend beim Tief bei 8200 ergäbe das einen Spielraum bis etwa 10.400 Punkte. Das wäre gemessen an den Tagesschlussständen des Dax etwa das Tief vom Jahreswechsel 2018/2019.

Nach der ersten Phase des akuten Crashs wäre eine solche Erholung die zweite Phase der aktuellen Abwärtsbewegung. Typischerweise käme danach noch eine dritte Phase. Das wäre dann theoretisch abermals eine Abwärtsphase, in der sich dann die Frage nach der großen Bodenbildung stellt. Spätestens dann sollten von den westlichen Wirtschaften und Unternehmen genug handfeste Daten vorliegen, damit die Einschätzung darüber nicht mehr aus dem Panik-Modus gefällt werden muss, sondern nach nüchterner Einschätzung der Fakten.

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