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Winzer Günther Jauch "Wein verkaufen ist weniger glamourös als "Wer wird Millionär?""

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"Schlanke und mineralische Weine"

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für einen Wein?
Wir lassen uns sehr gerne beraten. Auch auf die Gefahr hin, dass der dann doch keine Offenbarung ist. Beim Wein sollte man immer neugierig sein, immer experimentieren.

Insgesamt ist der Alkoholkonsum ja rückläufig, auch der Rausch an sich ist nicht mehr salonfähig.
Eindeutig. Aber das kommt unseren Weinen sehr entgegen.

Warum?
Weil die nicht so viel Alkohol haben. Das sind schlanke und mineralische Weine, keine Bomben. Nach einer Flasche Saarriesling mit einem dicken Kopf aufzuwachen ist schon eine Kunst.

Was darf, was muss, was kann auf einem Weinetikett stehen?

Haben Sie nicht gerne mal einen sitzen?
Aber nicht um den Preis des Kontrollverlusts. Und wenn Sie trinken wollen, um ordentlich einen sitzen zu haben, können Sie das billiger haben als mit gutem Wein.

Es geht ja darum, stilvoll einen sitzen zu haben.
Das ist ja die leichteste Arbeit, das können Sie über die Menge steuern. Wenn Sie zwei Flaschen von unserer Spätlese trinken, haben Sie ja immer noch weniger intus als mit einer Flasche Amarone, die zuweilen bei über 15 Prozent liegt. Gerade unseren leichten Weinen wird nachgesagt, dass nach der ersten schnell die zweite Flasche bestellt wird, weil die so schön unkompliziert sind, ohne trotzdem auf Raffinesse und Eleganz zu verzichten.

Im Gegensatz zum Rest der Weinbranche, meinen Sie?
Ich kann mich über Wein in die letzte Verästelung unterhalten. Doch ganz ehrlich: Sie können das auch bis ins Absurde übertreiben. Dabei weiß ein jeder, vom Anfänger bis zum önologischen Connaisseur, ob ihm der Wein schmeckt oder nicht.

Doch wenn der Wein besonders teuer ist, trauen sich die wenigsten, ihre ehrliche Meinung zu sagen.
Das mag sein. Gelegentlich wird zum Beispiel Russen nachgesagt, die rarsten Château Pétrus mit Cola aufzufüllen. Als ich mich einmal darüber mokierte, sagte mir ein Freund: Die Asiaten gucken auf uns herab, wenn wir Milch in den Tee gießen. Da soll jeder nach seiner Fasson selig werden.

Warum ist Wein kultivierter als anderer Alkohol?
Sie haben eine Bandbreite an Bearbeitung, an Aromen, an Faktoren, die auf den Wein wirken. Und beim Riesling, den wir hier ausschließlich anbauen, ist das noch mal vielschichtiger. Ich habe nichts gegen einen netten Grauburgunder, aber was Sie beim Riesling hier bei uns an Bandbreite und Geschmacksvariationen auf höchstem Niveau kriegen, ist enorm. Dieses Alleinstellungsmerkmal führte vor 100 Jahren dazu, dass speziell unsere Weine die teuersten der Welt waren.

Jauch betritt die Kelterhalle. Am Vortag wurden die Trauben der Lage Bockstein geerntet und gepresst. Der Saft ist erst wenige Stunden im Fass, als ein Mitarbeiter eine Probe abzapft. Goldgelber Traubenmost, aus Riesling, wie alle Weine von Günther Jauch. Die Kellerarbeit erledigt für ihn Andreas Barth, eine anerkannte Instanz in der Branche. Jauch kostet ein Probeglas, nickt seinem Mitarbeiter anerkennend zu. Der Saft ist so extraktreich, dass klar ist: Daraus wird ein großer Wein.

Die Fokussierung auf Riesling hat Tradition, wie so vieles im Betrieb: der Ausbau leichter Weine etwa, oder dass es in der Kollektion mindestens einen Wein geben muss, der erst nach Jahren richtig ausgereift ist. Solche Weine bringen nicht nur viel Anerkennung in Weinratings, sondern auch mehr Geld.

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