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Bassam Tibi "Weitere islamische Staaten werden zerbrechen"

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Die islamische Ethik fordert Fleiß

Im Protestantismus gibt es eine Ethik der Arbeit. Wie ist das im Islam?
Zur islamischen Ethik gehört auch: Man muss arbeiten. Zum Aufruf zum Gebet „Hayya 'ala s-salat“ gehört auch der Aufruf „Hayya 'ala al – Falah“. „Falah“ bedeutet „schaffen, arbeiten“. Man könnte das also auch als: „An die Arbeit!“ übersetzen. Die islamische Ethik ist gegen Faulheit. Das Problem liegt woanders.

Und zwar?
Nach Max Weber ist Berechenbarkeit eine zentrale Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft. Wirtschaftsbeziehungen müssen berechenbar sein. Das gibt es in islamischen Gesellschaften nicht. Da heißt es „In scha'a llah“  - wenn Allah will. Wenn jemand fragt: Werden wir Erfolg haben?, sagt man: „Tawakkal-'Ala-Allah“  - Verlasse dich auf Allah. Das Problem für die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit ist das Menschenbild des Islam, das sich vom europäischen sehr unterscheidet. Im Islam gehört der Mensch immer zu einem Kollektiv. Ich selbst habe auch erst in Frankfurt gelernt, dass ich ein Individuum bin. Für Immanuel Kant gehört zu diesem Prinzip des Individuums, dass der Mensch autonom ist, also verantwortlich für sein Verhalten. Im Islam ist es umgekehrt: Ich bin ein "Makhluq", ein Geschöpf Gottes. Allah steuert mich. Wenn ich Erfolg habe, ist es der Wille Gottes. Ein Unternehmer ist ein Individuum, das verantwortlich für sein wirtschaftliches Verhalten ist. Das gibt es im Islam nicht.

Ihr Vater war ein erfolgreicher Bau-Unternehmer, ein Self-Made-Man.
Meine Vorfahren sind Aristokraten. Im Islam definiert sich das durch religiösen Status. Die höchsten Ämter sind der Kadi, also der Richter, und der Mufti, der Rechtsgelehrte, der die Fitwas, also Rechtsgutachten erstellt. Vom 13. bis 19. Jahrhundert gehörten alle führenden Kadis und Muftis der Stadt Damaskus zur Familie Tibi. Mein Großvater war Pascha, also General der osmanischen Armee. Er ist 1907 im Jemen im Krieg gefallen. Mein Vater ist im selben Jahr geboren. Die Familie war verarmt. Schon als 14-Jähriger hat mein Vater alte Häuser abgerissen und das Material als Baumaterial verkauft. Er ist Millionär geworden.

Wie wurden Sie erzogen?
Ich hatte eine islamische Erziehung, ging aber auf die französische Schule in Damaskus. Nach dem ersten Abschluss bekam ich ein Fahrrad. Die Schulnoten entschieden darüber, wie viele Runden ich mit dem Fahrrad fahren durfte.  Leistung wurde belohnt. Ich habe in meiner Erziehung im Elternhaus das Leistungsprinzip von meinem Vater verinnerlicht. Ohne Leistung bekam ich nie etwas.

Wo Flüchtlinge in Deutschland wohnen
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Ehemaliger Nachtclub als Flüchtlingsunterkunft Quelle: dpa
Jugendherberge Quelle: dpa

Haben sich die Bedingungen für Unternehmer seither verschlechtert?
Bis die Alawiten, also Assad, an die Macht kamen, beherrschten mein Vater und seine Brüder den ganzen Bau-Sektor von Damaskus. Das Assad-Regime hat unsere Familie kaputt gemacht. Nicht weil wir Unternehmer, sondern weil wir Sunniten waren. Da kommt also wieder die Religion ins Spiel. In Syrien unter Assad hat man als Unternehmer keine Chance, wenn man nicht Alawit ist.

Der Basar, also der Markt, spielt in arabischen und anderen orientalischen Gesellschaften  eine zentrale Rolle. Wieso ist aus dieser Basar-Kultur keine kapitalistische Gesellschaft entstanden? 
Denken Sie an Max Weber und sein Argument der Berechenbarkeit. Wer auf dem Basar einkauft, kann seine Ausgaben nicht im Voraus berechnen, denn er muss immer handeln. Betrug ist das oberste Prinzip des Basars. Deutsche Touristen sind vielleicht glücklich, wenn sie dort etwas für 100 statt 200 Euro kaufen. Aber tatsächlich ist das vermutlich nur 10 Euro wert.

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